Nachhaltigkeit
Wo aus Streuobst künftig Saft wird
Bürgermeister Gerald Brehm, Bezirksvorsitzender Gerhard Durst, Vereinsvorsitzender Herbert Lawrenz, Bauunternehmer Marcus Rain (von links) und Gäste beim ersten Spatenstich
Bürgermeister Gerald Brehm, Bezirksvorsitzender Gerhard Durst, Vereinsvorsitzender Herbert Lawrenz, Bauunternehmer Marcus Rain (von links) und Gäste beim ersten Spatenstich
Foto: Evi Seeger
Höchstadt a. d. Aisch – Der Obst- und Gartenbauverein Höchstadt baut im Gewerbegebiet eine Halle. Die Brennerei zieht nicht um.

Es geht um Nachhaltigkeit. Darum, dass wertvolle Nahrungsmittel nicht verderben, sondern „umgewandelt werden“, wie stellvertretender Landrat Martin Oberle (FW) betonte. Der Höchstadter Obst- und Gartenbauverein, der in diesem Jahr Jubiläum feiern könnte, setzt diese Idee seit 140 Jahren in die Tat um. Jetzt hat der größte Verein Höchstadts ein Ziel, das in greifbare Nähe gerückt ist: Am Gewerbering wird der Neubau einer Verarbeitungshalle für Streuobst entstehen.

„Ein Meilenstein in der Geschichte des Vereins“, wie Oberle beim symbolischen Spatenstich betonte. Vereinsvorsitzender Herbert Lawrenz, Motor und Ideengeber, konnte beim Startschuss für das Projekt eine ganze Reihe von Gästen willkommen heißen. Unter ihnen der Ehrenvorsitzende des Vereins, Hermann Groß, Stadträte, Vertreter der LAG Aischgrund und viele andere, die dem Projekt so recht auf die Beine geholfen haben.

Keine Supermärkte vor 140 Jahren

Den Neubau wertete Lawrenz als „ein Zeichen dafür, dass wir vorwärts gehen“. Er sei dankbar, dass die Vorstandschaft, Beiräte und Mitglieder mitgezogen und sich für das Projekt entschieden hätten. Ein Blick in die Geschichte des 1881 gegründeten Vereins zeigte, dass die Beweggründe damals ganz andere waren als heute. „Vor 140 Jahren war es nicht möglich, einfach in den Supermarkt zu gehen und Obst zu kaufen“, so Lawrenz. Man habe das verarbeitet, was man selbst angebaut hatte.

So sei die „Obstdörre“, die der Verein im Jahr 1913 anschaffte, gebraucht worden, um aus eigenem Obst „Hutzeln“ zu trocknen. 1921 seien eine Kelterei und eine Obstbrennerei eingerichtet, 1933 ein Acker gekauft und mit Obstbäumen bepflanzt worden. Zug um Zug ging es weiter, bis der Verein im Jahr 1983 in die jetzigen Räume einziehen konnte. 1999 wurden auf einem von der Stadt gepachteten Grundstück 55 hochstämmige Obstbäume gepflanzt, wobei jede Sorte nur einmal vorkam. Noch viele Stationen und Verdienste der Arbeit des Obst- und Gartenbauvereins gäbe es zu nennen.

Die Saftpresse, hier noch am alten Standort, soll in den Neubau am Gewerbering integriert werden.
Die Saftpresse, hier noch am alten Standort, soll in den Neubau am Gewerbering integriert werden.
Foto: Evi Seeger (Archiv)

Wegen ihrer Artenvielfalt und der Schönheit im Landschaftsbild seien Streuobstwiesen von unsagbarem Wert, betonte stellvertretender Landrat Oberle. Das ist wohl auch der Grund, dass Streuobst als Kulturgut, das es zu erhalten gilt, in diesem Jahr als „Immaterielles Weltkulturerbe“ in die Unesco-Liste eingegangen ist, wie der Bezirksvorsitzende Gerhard Durst hören ließ. Ihm sei es ein besonderes Anliegen, dass Kinder und Jugendliche an diese Arbeit herangeführt werden.

40 Prozent Fördermittel

„Um den Verein zukunftsfähig zu machen“, habe man sich bereits 2012 mit dem Erwerb eines Grundstücks beschäftigt, berichtete Lawrenz. Das habe sich jedoch hingezogen. Mehrere Grundstücke waren im Fokus, seien aber wieder verworfen worden. 2019 habe der Verein das Areal am Gewerbering von der Stadt erwerben können. Der Stadt und Bürgermeister Gerald Brehm (JL) sei er dafür sehr dankbar. Aber auch für einen Tipp des Bürgermeisters, der vermutlich erst den Ausschlag für den Neubau gab: Im Leadertopf der LAG seien noch freie Mittel, habe Brehm ihm geraten. Bis dahin sei im Verein immer wieder diskutiert worden, ob man sich einen Neubau überhaupt leisten könne. Die Antragstellung fruchtete: Der Obst- und Gartenbauverein darf mit einer Förderung von 40 Prozent aus Leader-Mitteln rechnen. 768 Quadratmeter groß soll die neue Halle für die Obstverarbeitung werden. Ausschließlich die Mosterei soll darin Platz finden. Die Brennerei und das „Gartler-Heim“ sollen nach den Worten des Vorsitzenden am bisherigen Platz im Stadtzentrum bleiben.

Nachdem die Ausschreibungen im vergangenen Jahr keine akzeptablen Angebote erbrachten, startete der Verein im Frühjahr noch einmal und erteilte dem Unternehmen Rain aus Schornweisach den Auftrag für die Bauarbeiten. Die Planung liegt in den Händen des Höchstadter Architekten Georg Leyh. Nach Leyhs Worten beläuft sich die Kostenschätzung auf knapp 350 000 Euro. Der Bau werde in Massivbauweise mit einem Holzdachstuhl errichtet. Eine Halle in Blechfertigung komme wegen der Obstsäure nicht infrage.