Historie
Politischer Kampf um einen Namen
Die Kerschensteinerstraße in Höchstadt sorgte 1953 im Höchstadter Stadtrat für Diskussionen.
Die Kerschensteinerstraße in Höchstadt sorgte 1953 im Höchstadter Stadtrat für Diskussionen.
Foto: Klaus Strienz
Höchstadt a. d. Aisch – Die Kerschensteinerstraße in Höchstadt sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg im Höchstadter Stadtrat für eine Kampfabstimmung.

Bei einer Durchsicht der Höchstadter Straßennamen fällt der Name Kerschensteinerstraße auf. Georg Kerschensteiner war kein Höchstadter, sondern ein in Pädagogenkreisen sehr bekannter Münchner Schulrat im vorletzten und letzten Jahrhundert. Kerschensteiner hat das damalige Volks- und Berufsschulwesen in Deutschland und Ausland strukturell verändert. Seine pädagogische Philosophie – inzwischen Professor in München geworden – beinhaltete, dass das pädagogisch sinnvolle Arbeiten der Schüler manuell, praktisch und geistig zugleich orientiert sein muss. Im Deutschen Museum München gibt es deshalb auch ein Kerschensteiner-Institut.

Kerscheinsteiners Pädagogik half nach dem Zweiten Weltkrieg, das bayerische Schulsystem zu erhalten. Kerschensteiner spielte eine entscheidende Rolle, als der Kommandant der US-Zone, General Julius Clay, 1947 anordnete, dass die Bayerische Staatsregierung das frühere Schulsystem aufzulösen habe. Es müsse das US-System, eine Einheitsschule mit Volksschule und dann folgender Höherer Schule (High School) eingeführt werden. Die Schulverwaltung sollte damit unter anderem demokratisiert werden, so der Historiker Max Schmid in seinem Werk über die Geschichte des Bayerischen Philologenverbandes. Die damalige Bayerische Staatsregierung konnte 1947/1948 sehr geschickt und mit den Argumenten des auch im Ausland bekannten Pädagogen Kerschensteiner diese strukturelle Änderung des Schulwesens erfolgreich abwehren. Ministerpräsident Ehard verpflichtete sich bei den Verhandlungen mit General Clay als „Gegenleistung“, dass der Landtag die Schulgeldfreiheit beschließen wird.

Michael Koßlinger im Gespräch

Man kann also durchaus feststellen, dass es in Höchstadt das gegliederte Schulsystem, die Berufsschule, die Volksschule und das Gymnasium zwischen der neuen „Kerschensteinerstraße“ und der Bergstraße ohne die Berufung auf die Pädagogik von Prof. Dr. Kerschensteiner in der Form nicht gegeben hätte.

Als in Höchstadt nach dem Zweiten Weltkrieg das Gelände zwischen Altstadt und dem nördlich gelegenen Spratzer erschlossen wurde, entstand ein Streit um die Namensgebung der Straße an der neuen Volksschule, heute Mittelschule. Eine Gruppe um den Stadtrat Franz Gehr befürwortete die Namensgebung „Michael Koßlinger“-Straße. Koßlinger, ein Forchheimer Chorherr, hat 1513 das Höchstadter Bürger-Spital und 1517 verschiedene Pfründe für die St. Anna-Kapelle gestiftet.

In wohlbegründeten Schreiben an den Bürgermeister setzten sich die Lehrerschaft der Volksschule, das Bezirksschulamtes sowie die Herzogenauracher Schulleitung der Kreisberufsschule für die Namensgebung der neuen Schulstraße mit Bezug zu Kerschensteiner ein. Am 9. Oktober 1953 kam es laut Protokoll der Stadtverwaltung im Höchstadter Stadtrat zur Kampfabstimmung. Sie ging mit acht gegen sieben sehr knapp für eine „Dr. Kerschensteinerstraße“ aus. Vermutlich aus Platzgründen wurde der Dr. auf den Straßenschildern nicht verwendet. Mit Ausnahme der damaligen Volksschule sind alle Gebäude inzwischen abgerissen und erneuert bzw. werden zu einem Erweiterungsbau des Gymnasiums erweitert. Bei einer späteren Stadtratssitzung wurde dann auch der Straßenname „Koslinger Straße“ nordwestlich des Krankenhauses beschlossen.