Regionalität
Franken pur per Heimatagentur
„Ich liebe regionale Lebensmittel und alles, was man aus ihnen machen kann.“ Teresa Öchsner freut sich, dass sie die neu geschaffene Heimatagentur mit Leben füllen darf.
„Ich liebe regionale Lebensmittel und alles, was man aus ihnen machen kann.“ Teresa Öchsner freut sich, dass sie die neu geschaffene Heimatagentur mit Leben füllen darf.
Foto: Benedikt Knüttel | BKfotofilm / Teresa Öchsner
Würzburg – Vom Apfel bis zum Zander: Drei “Heimatagenten“ wollen erreichen, dass mehr fränkischer Genuss vor Ort auf den Tellern landet.

Neulich streckte ein entfernter Kollege vom Flur aus den Kopf in Teresa Öchsners Büro. „Lust auf eine kleine Essenspause?“, fragte er. Teresa Öchsner blickte lächelnd vom Schreibtisch auf. Dann sah sie: Der Mensch an der Tür schwenkte eine in Plastik eingeschweißte Presswurst vor sich her. Teresas Öchsners Blick muss Bände gesprochen haben, denn der Kollege fragte sogleich, was denn los sei. „Die Antwort bin ich ihm nicht schuldig geblieben“, sagt die Diplomingenieurin grinsend. „Mit so einem Angebot wird er mir nimmer kommen!“

Was er sich für die Mittagspause im Supermarkt so kaufte, darüber hatte sich der Kollege keine Gedanken gemacht. „Er hat sich nie gefragt, was in dem Produkt drin ist, ob es aus hunderten Kilometern Entfernung hertransportiert wurde oder warum es in Plastik gehüllt ist“, berichtet Teresa Öchsner und überlegt: „So geht es wahrscheinlich vielen Menschen.“ Die Unterfränkin aus dem Kreis Kitzingen hat bei der Regierung von Unterfranken eine neu geschaffene Stelle angetreten. Sie leitet die sogenannte Heimatagentur. In jedem bayerischen Regierungsbezirk nahm heuer eine solche Heimatagentur ihre Arbeit auf. Ziel ist es, mehr regional erzeugte Lebensmittel direkt vor Ort auf die Teller zu bringen.

Typisch fränkisch: Rostbratwürste mit Kraut und Kartoffelbrei.
Typisch fränkisch: Rostbratwürste mit Kraut und Kartoffelbrei.
Foto: Christin Klose - stock.adobe

Den Gärtnern, Bauern, Brauern und Winzern sei Dank: In Franken gibt es Gaumenfreuden vom Feinsten. Von Apfelmost bis Zwetschgenkuchen, vom Aischgründer Karpfen bis zum Zwiebelfleisch könnte man sich durchs Jahr schlemmen. Könnte – denn oft genug liegen statt der heimischen Produkte ausländische in den Regalen der Läden. Um das nach Möglichkeit zu ändern und regionale Lebensmittel deutlich mehr in den Fokus – und auf die Esstische – zu rücken, sind Teresa Öchsner und ihre Kollegen in den anderen Regierungsbezirken angetreten.

Der Begriff Heimatagentur vereint nicht nur zufällig Tradition und Moderne. Genau das ist es, was die „Heimatagentinnen und -agenten“ tun wollen: Sie wollen traditionell Gutes, Leckeres und Gesundes durch moderne Vertriebswege direkt zu den Menschen bringen.

„Ich sehe mich als Ansprechpartnerin für alles, was mit regionalen Lebensmitteln zu tun hat“, umschreibt Öchsner ihre Tätigkeit. Die Heimatagenturen an den Regierungen sollen auch auf politischer Ebene Netzwerkarbeit leisten. „Wir wollen eine Plattform bauen für alle Akteure auf Bezirksebene: vom Landwirt über den Handel und die Gastronomie bis hin zu Schulküchen und so weiter.“

Carolin Mayer von der Heimatagentur Mittelfranken.
Carolin Mayer von der Heimatagentur Mittelfranken.
Foto: Matthias Eimer

Auch wenn ihre Agenturen ganz neu sind: Teresa Öchsner (Unterfranken), Carolin Mayer (Mittelfranken) und Maximilian Lösch-Berrsche (Oberfranken) fangen nicht bei Null an. „Es gibt ja schon viele Initiativen, die sich mit regionaler Versorgung befassen, zum Beispiel Gemüsekisten, Regionalläden, Bauern- und Wochenmärkte.“ Auch andere Stellen wie die Ämter für Ländliche Entwicklung, einige Landkreise, Öko-Modellregionen oder die ILE-Regionen (ILE = Integrierte Ländliche Entwicklung) haben schon so manches regionale Ass im Ärmel. „All diese Angebote und Chancen wollen wir vernetzen.“

Mehr Regional- und Bauernläden

 

Dass Lebensmittel dort auf dem Teller landen, wo sie gewachsen sind, klingt logisch und einfach. Ist es aber nicht. „Die Warenströme sind oft lang etabliert, vor allem bei großen Supermarktketten. Da kommt das Obst und Gemüse eben oftmals über den Großhändler aus Spanien oder Holland“, weiß Teresa Öchsner. Und selbst Kantinen oder Betriebsgaststätten brauchen gewisse Mengen, um vernünftig arbeiten zu können. „Ich möchte herausfinden, was man mit dem regionalen Lebensmittelangebot abdecken kann – und wie man Erzeuger und Verbraucher zusammenbringt.“

Zwischenhändler, die alle Angebote bündeln, sind für Teresa Öchsner ein Teil der Lösung. „Wir brauchen mehr Erzeugergemeinschaften, weil die eine größere Marktmacht haben als jeder einzeln für sich.“ Mehr Regional- und Bauernläden sähe Öchsner ebenfalls gerne. „Ich kann solche Läden zwar nicht selbst ins Leben rufen, aber die Initiatoren unterstützen. Wenn sich also zum Beispiel Erzeuger von Speiseöl, Kartoffeln, Obst, Gemüse, Fleisch und so weiter zusammentun und ihre Waren in einem gemeinsamen Laden anbieten – oder in einem Verkaufs-Auto in die umliegenden Gemeinden liefern –, dann berate ich sie da gerne.“

Auch das Thema Dorfladen ist ihr wichtig: Mit einem solchen Laden könne man nicht nur die Menschen versorgen, sondern man etabliere gleichzeitig auch noch einen sozialen Treffpunkt für sie, sinniert die Fränkin, „und das kann einen glücklich machen“.

Maximilian Lösch-Berrrsche leitet ie Heimatagentur Oberfranken.
Maximilian Lösch-Berrsche leitet die Heimatagentur Oberfranken.
Foto: Reg. v. Ofra

Es geht Öchsner auch darum, den Stellenwert heimischer Produkte generell hervorzuheben. „Wir haben zum Beispiel mit fränkischem Wildbret ein sehr gesundes und nachhaltiges Lebensmittel. Vielen ist das noch gar nicht so bewusst.“

Inwieweit bedeutet „regional“ eigentlich automatisch auch ökologisch oder gar biologisch? „Zunächst mal steht das Regionale im Zentrum. Aber die Staatsregierung hat ja klare Vorgaben gemacht: Bis 2030 sollen 30 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch bewirtschaftet sein. Und bis 2025 – also schon in drei Jahren – sollen 50 Prozent der staatlichen Gemeinschaftsverpflegung, etwa in Kantinen, mit biologisch oder regional erzeugten Lebensmitteln bestückt werden.“ Das sei eine Ansage – und eine Aufgabe. „Der Staat will ein Vorbild sein. Und die Heimatagenturen sollen ihn darin unterstützen.“

Junge Menschen begeistern

 

Teresa Öchsner, Carolin Mayer und Maximilian Lösch-Berrsche wollen Erzeuger und Händler miteinander ins Gespräch bringen und am „Regionaltisch“ der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten immer mehr vernetzen. Sie möchten auch das „Ernährungshandwerk“ stärken, zu dem Bäcker, Konditoren und Brauer ebenso zählen wie Fleischer, Müller, Köche, Winzer, Milchtechnologen und andere. Mit Schul-Exkursionen wollen sie auch junge Menschen für regionalne Genuss begeistern.

„Legga“: Obazda auf dem Brotzeitteller
„Legga“: Obazda auf dem Brotzeitteller
Foto: kab-vision - stock.adobe

„Ich glaube, alles, was man selbst erlebt und gekostet hat, wirkt mehr als jede Theoriestunde“, sagt Teresa Öchsner. So war es bei ihr auch. Sie ist auf einem Hof aufgewachsen, auf dem Säen, Ernten, Verarbeiten und Einmachen ganz selbstverständlich zum Jahreslauf dazugehörten.

Vorfreude auf Saisonales

Kein Wunder, dass die junge Frau in einem Dorf im Kreis Kitzingen heute ganz ähnlich lebt: Sie liebt ihre Obstbäume, aus deren Früchten sie Marmelade kocht, Säfte pressen lässt, Chutneys und allerhand Gebäck kreiert. In ihrem Garten gibt es kaum eine Pflanze, die sie in Küche oder Haushalt nicht verwendet. „Ich mag Selbstversorgung“, sagt sie und grinst. Ägyptische Beeren oder Trauben aus Afrika braucht sie zum Glücklichsein ebenso wenig wie in Plastik abgepackte Würste. „Ich liebe das saisonale Leben, denn die Vorfreude auf die Erntezeit erhöht den Genuss nochmal ganz enorm.“

Das weiß nun auch Öchsners Kollege. In der Pause durfte er von den selbst gemachten Gaumenfreuden kosten. Seitdem isst er anders.

Schäufele mit Rotkraut und Klößen – das kann ein rein regionaler Genuss sein.
Schäufele mit Rotkraut und Klößen – das kann ein rein regionaler Genuss sein.
Foto: Alexander Raths - stock.adobe

INFO:

Drei fränkische Heimatagenturen

Unterfranken: „Ich bin in Kürnach auf einem landwirtschaftlichen Hof mit allerhand Tieren aufgewachsen“, erzählt die Diplomingenieurin, die in Triesdorf Ernährung und Versorgungsmanagement studiert hat und mittlerweile im Kreis Kitzingen lebt. Nach einer zusätzlichen, kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Ausbildung führte ihr Weg von einem Allgäuer Rinderschlachtbetrieb, in dem sie im Qualitätsmanagement arbeitete, über Edeka Nordbayern, einen Antipasti-Spezialitätenbetrieb in Prichsenstadt und eine Gerolzhöfer Backwarenfirma in die Bayerische Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim, wo sie „100 Genussorte in Bayern“ küren durfte. Schließlich war sie zwei Jahre lang ILE-Umsetzungsbegleiterin der „Dorfschätze“-Gemeinden rund um Wiesentheid, ehe sie Anfang 2022 zur Regierung wechselte. Kontakt: Tel.: 0931/380-6263, 0162/2592519, teresa.oechsner@reg-ufr.bayern.de

Mittelfranken: Carolin Mayer ist seit Februar 2022 in der neu eingerichteten Heimatagentur an der Regierung von Mittelfranken in Ansbach tätig. Berufliche Erfahrungen sammelte sie zunächst an der Hochschule-Weihenstephan-Triesdorf und anschließend drei Jahre lang als Regionalmanagerin im Landkreis Ostallgäu. 2019 wechselte sie in die Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege (DVL) e. V. in Ansbach. Dort war sie zuletzt als fachliche Assistenz der Geschäftsführung tätig.

Kontakt: Carolin.Mayer@reg-mfr.bayern.de, Tel.: 0981/ 53-1805.

Oberfranken: Maximilian Lösch-Berrsche ist seit seinem Wechsel aus dem Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in München Anfang März dieses Jahres für die Aufgaben der Heimatagentur an der Regierung von Oberfranken zuständig. Er bringt umfangreiche berufliche Erfahrung aus den unterschiedlichsten Bereichen innerhalb und außerhalb der Landwirtschaftsverwaltung in seine Tätigkeit mit ein. Kontakt: Maximilian.Loesch-Berrsche@reg-ofr.bayern.de, Tel. 0921/ 604-1977.

 

 

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