Schule
Flagge zeigen für die Grundrechte
Emma Müller hat sich des Artikels 2 des Grundgesetzes (Grundrecht der freien Entfaltung der Persönlichkeit) angenommen.
Emma Müller hat sich des Artikels 2 des Grundgesetzes (Grundrecht der freien Entfaltung der Persönlichkeit) angenommen.
Foto: Heike Schülein
Kronach – Die zehnte Jahrgangsstufe der RS II setzte sich mit dem Grundgesetz auseinander. Die Schüler erzählen, welche Artikel ihnen wichtig sind.

Ein tiefgründiger Blick auf den kostbarsten Schatz der Deutschen bietet sich derzeit im ersten Stock der Siegmund-Loewe-Realschule. Unter dem Thema "Grundrechte. Wir stehen darauf. Aber nicht darüber!" hatten sich die drei zehnten Klassen im Rahmen eines Sozialkundeprojekts mit den Grundrechts-Artikeln 1 bis 19 kreativ auseinandergesetzt. Die bemerkenswerten Schülerarbeiten hat der Initiator, Studienrat Thomas Hauptmann, als Ausstellung aufgebaut.

Persönlichkeiten ausleben

"Ich finde es schade, dass es heutzutage immer noch eine Gruppe von Menschen gibt, die es als unnormal sehen, wenn Menschen homo- bzw. bisexuell sind. Dies wird dann mit Religion begründet, da es ja Sünde sei", prangert Emma Müller an. Die Schülerin aus der 10 C hatte sich des Artikels 2 des Grundgesetzes - Grundrecht der freien Entfaltung der Persönlichkeit - angenommen.

"Glücklich zu sein und seine Persönlichkeit frei zu entfalten, kann doch niemals nicht normal sein", appelliert die 15-Jährige. Selbst der Staat habe bis zum 1. Oktober 2017 die gleichgeschlechtliche Ehe verboten. Auch im Berufsleben würden diese Menschen oft benachteiligt. Bis 1994 war es sogar illegal, das gleiche Geschlecht öffentlich zu lieben. "Dies ist noch in vielen Köpfen der Gesellschaft verankert, sodass es hier immer noch Probleme mit der Akzeptanz von "Andersliebenden" gibt, leider oft auch durch Gewalt", verdeutlicht die Kronacherin, die dieses Grundrecht in Form einer großen Flagge visualisierte. Darauf hat sie insbesondere thematisch passende Artikel aus dem Internet angebracht.

Einer davon beschäftigt sich mit den in den letzten Jahren stark angestiegenen Gewalttaten mit homophobem oder transfeindlichem Hintergrund. Demnach zählt das Bundeskriminalamt im Vergleich 2013 rund 50 Gewalttaten gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen. 2018 waren es 97 und im ersten Halbjahr 2019 bereits 58 Angriffe. Die Dunkelziffer ist vermutlich wesentlich höher.

Emma möchte mit ihrer Darstellung im wahrsten Sinne des Wortes Flagge zeigen. "Mir liegt das Thema, dass diese Menschen immer noch diskriminiert werden, am Herzen", betont sie, dass es bei der freien Entfaltung der Persönlichkeit kein Richtig und kein Falsch gebe. Für ihr Werk hat sie rund zwei Tage gebraucht, wobei die Recherche im Internet einen Großteil ausgemacht hat. Das Projekt gefiel ihr sehr gut - zum einen wegen der Wichtigkeit der Thematik, zum anderen wegen des kreativen Ansatzes. Dass es für sie beruflich in die Richtung geht, schließt sie nicht aus. So schwankt sie derzeit noch zwischen einem Jura- und einem Architektur-Studium oder auch dem Beruf der Versicherungskauffrau.

Sehr zeit- und arbeitsaufwändig war auch der Projektbeitrag von David Schmitt aus der 10 B. Der 16-Jährige hatte sich mit dem Artikel 3 GG - Gleichheit vor dem Gesetz, Gleichberechtigung der Geschlechter - beschäftigt. Hierzu hatte er unter anderem einen goldenen Käfig angefertigt, in dem verschiedene Menschen aus Pappkarton gefangen sind. Eine Frau fragt darin: "Warum wurde er Abteilungsleiter, obwohl ich schon viel länger hier bin?" "Das ist sicherlich heute auch noch oft so im Job, dass ein Mann bevorzugt wird. Ich finde das total ungerecht und unlogisch", prangert der Schmölzer an, der ab September als Bufdi einen einjährigen Bundesfreiwilligendienst an der Küpser Schule leisten wird.

"Gefangen" trotz Freiheitsrecht

Mit dem Symbol des Käfigs möchte er ausdrücken, dass viele Menschen noch immer "gefangen" seien, obwohl sie ja eigentlich durch das Gesetz frei sein sollten. "Das funktioniert noch nicht so ganz", bedauert er. Nach wie vor würden Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen benachteiligt oder sie erführen Rassismus. Es mache überhaupt keinen Sinn, beispielsweise wegen der Herkunft, einer Behinderung oder des Geschlechts diskriminiert oder benachteiligt zu werden. Sein Projektbeitrag umfasst auch Holzarbeiten, so unter anderen zwei großen Figuren Frau und Mann, verbunden durch den Artikel 3 GG, als auch eine (Justitia)-Waage als Symbol der Gerechtigkeit. Seine Exponate hat er nahezu komplett alleine, mit nur wenig Unterstützung seiner Eltern, angefertigt. Insgesamt hat er daran rund eine Woche gearbeitet. Auch ihm hat das Projekt viel Spaß gemacht - vor allem, weil es so abwechslungsreich und interessant gewesen sei.

Sehr angetan von den durchwegs sehr kreativen Projektbeiträgen seiner Schüler zeigte sich Studienrat Thomas Hauptmann. Beeindruckt habe ihm vor allem die höchst unterschiedliche, sehr fantasievolle Herangehensweise bei der Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Grundgesetzes und der darin verankerten zentralen Grundrechte.