Meinung
Muss der Wolf ins Jagdrecht?
Wo der Wolf dem Mensch zu nahe kommt, kommt es zu Problemen.
Wo der Wolf dem Mensch zu nahe kommt, kommt es zu Problemen.
Foto: adobestock
Kronach – Während sich die Politik mit dieser Frage noch schwer tut, sind auch die Meinungen in der FT-Redaktion geteilt.

Der Wolf fühlt sich seit seiner Rückkehr in Deutschland wohl und vermehrt sich Jahr um Jahr. Doch es kommt auch zu Weidetierrissen wie im Kreis Bayreuth, wo sich ein standorttreues Rudel mehr als 20 Tiere in einer Woche geholt hat. Während unser Lokalchef sagt, dass erst zum Gewehr gegriffen werden sollte, wenn akute Gefahr droht, sieht unsere Redakteurin die Existenz der Weidetierhalter bedroht.

Kommentar von Sandra Hackenberg: Emotionen sind fehl am Platz

Der Wolf wird geliebt und gleichermaßen gehasst. Für ein Dazwischen ist nicht viel Platz – obwohl genau das bei einem Thema, das die Emotionen direkt hochkochen lässt, dringend notwendig ist. Ob der Wolfsbestand in Deutschland reduziert werden muss, lässt sich mit Märchen von menschenfressenden Raubtieren genauso wenig beantworten wie durch verklärte Brillen von Naturromantikern.

Viel mehr braucht es verlässliche Zahlen und Fakten. Mit keinem von beiden kann das Wolfsmonitoring bislang dienen. Dokumentationsstellen liefern Karten zu Territorien, Paaren und bestätigten Einzeltieren. Wie viele Wölfe seit ihrer Rückkehr vor gut 20 Jahren tatsächlich wieder hier leben – sind es 1300 oder 2500 –, kann niemand verlässlich beantworten.

Bekannt sind aber die Folgen, wenn ein Wolf bei den Schafen, Kühen und Ziegen der Weidetierhalter auftaucht. Es ist leicht zu sagen „In die Natur greift man nicht ein“, wenn man in der Stadt wohnt und die eigene Existenz nicht in Form von 15 Kadavern auf der Weide liegt. Solche Phrasen klingen für die Betroffnen wie Hohn, wenn die Natur unter dem Schutz des Gesetzes ihre Lebensgrundlage bedroht.

Die Frage, ob der Wolf mehr Anrecht auf eine Wiese hat als der Halter, der dort seine Tiere grasen lässt, ist müßig. Wenn aber glückliche Weidetiere und Biolandwirtschaft gewollt sind, müssen die geschützt werden, die sie ermöglichen. Auch wenn das bedeutet, dass dort, wo Wölfe übergriffig werden, auch mal ein Tier entnommen werden muss. Niedersachsen macht es bereits vor, wo jüngst zwei junge Problemwölfe erlegt wurden.

Nach Rissen in Bayreuth: Droht Oberfranken eine Wolfsplage?
 

Kommentar von Marco Meißner: Der Kampf des Konjunktivs

Wenn es um den Wolf geht, führt der Mensch gerne den Kampf des Konjunktivs, der Möglichkeitsform. Es ist nicht auszuschließen, dass aus einem Wolf ein Rudel Wölfe wird. Es könnte sein, dass es zu Übergriffen auf Weidetiere kommt. Es ist nicht undenkbar, dass sich Mensch und Wolf ins Gehege kommen. Ja, stimmt. Möglich ist all das. Aber im Gegensatz zu diesen Konjunktiven antwortet der Mensch präventiv im Imperativ, in der Befehlsform. Da wird oft schon lauthals nach dem Abschuss geschrien, noch ehe der erste Wolf sein Revier bezogen hat.

Wie sieht es denn in der Realität aus? Eine wissenschaftliche Studie über die vergangenen knapp 20 Jahre besagt: „Seit der Rückkehr der Wölfe hat es hier (in Deutschland, Anm. d. Red.) keine tödlichen Angriffe und auch keine aggressiven Annäherungen von Wölfen an Menschen gegeben.“

Sicher hat es schon Attacken auf Weidetiere gegeben – aber warum. Wir bauen bis an die Waldgrenzen, wir rasen mit Mountainbikes durchs Dickicht und platzieren die Weiden vor der Haustür der Raubtiere. Wir machen uns also in seinem ursprünglichen Revier breit – nicht der Wolf sich in unserem.

Es ist schon bizarr, wie sehr wir nach Artenreichtum, Umweltschutz und der Rückkehr der Wildtiere für ein natürliches Gleichgewichts rufen, gleichzeitig aber in Panik verfallen, sobald sich genau dieser Zustand einstellen könnte. Was wäre denn, wenn wir zunächst versuchen, uns ein Stück weit zurückzunehmen und erst dann zum Gewehr zu greifen, wenn eine Gefahr wirklich akut wird.