Meinung
Wenn sich zur Trauer Abartigkeit gesellt
Beim Brand in der Kronacher Asylunterkunft starben eine junge Mutter und ihr Kind. Doch das Mitgefühl hält sich bei manchen in Grenzen.
Beim Brand in der Kronacher Asylunterkunft starben eine junge Mutter und ihr Kind. Doch das Mitgefühl hält sich bei manchen in Grenzen.
Foto: Feuerwehr Kronach
Kronach – Ein Kommentar unserer Redakteurin angesichts der rassistischen und menschenverachtenden Facebook-Kommentare zum Brand in der Kronacher Unterkunft.

Kronachs Pfingstsonntag 2021 ist rabenschwarz. Zwei Menschen – eine 31 Jahre alte Frau und ihr gerade einmal zwei Jahre altes Kind – kommen beim Brand in der Kronacher Asylunterkunft ums Leben.

Tragödie ist ein Wort, das heutzutage in den Medien inflationär verwendet wird. Doch wenn es in einem Kontext gerechtfertigt ist, dann in diesem. Ihren Schock und ihr Beileid drücken zahlreiche Leser in Kommentaren unter dem Facebook-Beitrag unserer Zeitung zum Brand aus. Doch darunter mischen sich auch eine Handvoll derer, die das Schicksal einer jungen Mutter und ihres kleinen Kindes zum Anlass nehmen, hämische bis menschenverachtende Bemerkungen in die Tasten zu hauen. Und beim Großteil der Leser überwiegt plötzlich nicht mehr die Bestürzung über das Geschehene, sondern das Entsetzen über so viel Sadismus.

Sie sitzen zuhause auf ihrer Couch, noch satt vom Sonntagsbraten, und nutzen die Pfingstfeiertage, sich mit verbalen Entgleisungen am Leid derer zu ergötzen, die ohnehin schon wenig besitzen und deren Leben mitunter Jahre in der Warteschleife hängt, während sich die Welt um sie herum weiter dreht. Wie verroht muss man sein, um sich über zwei tote Menschen zu freuen?

Die Biologie beschreibt Entartungen bei Individuen als Abartigkeit. Und während der Großteil der Menschen angesichts des Geschehenen die Pfingstzeit nutzt, um sich darauf zu besinnen, wie gut es ihm mitten in einer weltweiten Pandemie trotz aller Widrigkeiten in diesem Land doch geht, sollte die andere – verschwindend kleine Minderheit – die Feiertage nutzen, um ihre eigene Seele zu erforschen, ob nicht doch noch ein Funken Menschlichkeit in ihr steckt.