Advent vor 70 Jahren
Große Feier, aber kleine Geschenke
Altarraum Ottilienkirche: Am Heiligabend fand in St. Ottilia immer ein festlicher Gottesdienst statt.
Altarraum Ottilienkirche: Am Heiligabend fand in St. Ottilia immer ein festlicher Gottesdienst statt.
Dieter Seyfarth
F-Signet von Dieter Seyfarth Fränkischer Tag
Neustadt bei Coburg – Ein Neustadter blickt zurück auf die Weihnachtszeit in den 1950er Jahren – von Überfluss keine Spur.

Wir Kinder von damals waren nicht verwöhnt. Wir aßen, was auf dem Tisch kam.

Als Kind machte ich mir natürlich auch Gedanken, was für ein Geschenk zu Weihnachten ich den Eltern machen könnte. Ein teures kam mangels Geld sowieso nicht infrage. Von den paar Mark, die ich für das wöchentliche Austragen der Zeitschriften „Quick“ und „Kicker“ verdiente, zwickte ich über Wochen hinweg etwas ab. Außerdem verdiente ich mir ein paar Groschen durch Hilfsdienste für ein älteres Ehepaar im Nachbarhaus. In der Winterszeit trug ich für die Familie Poppe regelmäßig einen Eimer voller Kohlen aus dem Keller in die Wohnung im 1. Obergeschoss. Dazu gehörte auch das Entleeren des Aschekastens.

Eine weitere kleine Geldquelle waren die Hochzeiten. Seinerzeit war es Brauch, dass jeder Frischvermählte nach der standesamtlichen Trauung von der Rathaustreppe, nach der kirchlichen Trauung von den Kirchenstufen und manchmal auch nach dem Hochzeitsbild beim Foto-Greiner eine Handvoll kleinerer Münzen ausschüttete. Flinke Kinder – da gehörte ich auch dazu – konnten sich dabei einige Nickel mühelos verdienen. Jedenfalls reichte all dieses Geld für ein kleines Geschenk, sei es ein Paar Socken für den Vater oder einen Schal für die Mutter sowie eine Tafel Schokolade für die Geschwister. In einem Jahr, so erinnere ich mich, bastelte ich zusätzlich für die Mutter einen goldenen Rauschgoldengel.

Kirche platzte aus allen Nähten

Am Heiligen Abend war es für uns Kinder selbstverständlich, den Gottesdienst in St. Ottilia zu besuchen. Die Sitzplätze reichten nicht aus. Die Kirche platzte aus allen Nähten. Der Gottesdienst war an diesem Tag besonders feierlich und Pfarrer Oskar Probst hielt eine einfühlsame Predigt, der wir andächtig zuhörten. Ein wunderschöner Christbaum vor dem Altarraum war aufgebaut und strahlte in den etwas abgedunkelten Kirchenraum. Eine Augenweide besonders für uns Kinder war eine alte Weihnachtskrippe, die jedes Jahr vor dem Seitenaltar mit einer Spendenschachtel aufgebaut war.

Nach dem Weihnachtssegen und dem Lied „Stille Nacht“ strömten alle hinaus. Die Erwachsenen wünschten sich gegenseitig ein gesegnetes Weihnachtsfest und wir Kinder liefen eilig durch den Winterabend die Rosengasse hinunter zur Bescherung nach Hause. Meistens war es bitterkalt und der Schnee rieselte nur so vom dunklen Nachthimmel herunter. Was für eine wunderbare Weihnachtsstimmung.

 

Die Stimmung passte

Die Eltern hatten die Wohnstube feierlich hergerichtet. Der Kachelofen strahlte wohltuende Wärme aus. Am Christbaum – wie in jedem Jahr eine Fichte aus dem Frankenwald von meinem Onkel Andy – brannten die Wachskerzen.

Einfache, aber schöne Geschenke befanden sich früher unter dem Weihnachtsbaum, wie diese Darstellung zeigt.
Einfache, aber schöne Geschenke befanden sich früher unter dem Weihnachtsbaum, wie diese Darstellung zeigt.
Repro: Dieter Seyfarth

Nun gab es die Geschenke, die bescheiden waren, aber über die wir uns sehr freuten. Einmal gab’s eine kleine mechanische Eisenbahn mit einem runden Spurkreis, dann mal einen Holzbaukasten und ein anderes Mal eine Holzpistole mit einem Gummipfeil. Da konnte man auf verschiedene umklappbare Figuren schießen. Meist gab es auch etwas Neues zum Anziehen, wie zum Beispiel einen Pullover, ein Hemd oder ein paar Handschuhe. Natürlich wurden diese Geschenke ergänzt mit einigen Naschereien.

Nach dem Abendessen (meistens Wienerle mit Sauerkraut) spielten wir glücklich und zufrieden bis in die Nacht hinein, begleitet von weihnachtlicher Musik aus dem Radio.

 

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