Stadtentwicklung
Heimatpfleger kritisieren Abriss in Neustadt
“Fast schlossartig“: Wie lange das Haus  noch stehen wird, ist ungewiss.
“Fast schlossartig“: Wie lange das Haus noch stehen wird, ist ungewiss.
Isolde Kalter
F-Signet von Tanja Kraemer Coburger Tageblatt
Neustadt bei Coburg – Ein historisches Wohnhaus nahe des Neustadter Bahnhofs soll dieses Jahr abgerissen werden. Heimatpfleger und Anwohner kritisieren das Vorhaben.

„Fast schlossartig“erscheint das Wohnhaus Goethestraße 3 von der Neustadter Lindenstraße aus gesehen, heißt es in einer Mitteilung des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege vom 10. Januar . Nun aber soll das historische Gebäude im Rahmen der Innenstadtsanierung der Abrissbirne zum Opfer fallen. Nummer 3 ist zwar kein eingetragenes Baudenkmal, aber in das Denkmal-Ensemble „Bahnhofsviertel“ in Neustadt einbezogen. Erbaut wurde es um 1915 und befindet sich im städtischen Besitz. Mit Glockenhauben auf beiden Erkertürmen sowie Fenstern mit Halboval im oberen Drittel kann das Gebäude als typischer Vertreter des Historismus und des Jugendstils gelten.

Das ist der „Abriss des Jahres 2022“

„Anwohner und Bürger sind  bestürzt – vor Ort wünscht man sich den Erhalt des Gebäude“, schreibt der Verein weiter. Die Heimatpfleger sehen es als ihre Aufgabe an, immer wieder auf den herben kulturellen Verlust durch Abriss oder den gebilligten Einsturz älterer Gebäude hinzuweisen - auch wenn es politischen Entscheidungsträgern oder Investoren nicht gefalle.

„Wir wollen uns schließlich für den Erhalt historischer Häuser einsetzen und bei den entscheidenden Behörden ein Umdenken erreichen“, sagt Dr. Daniela Sandner, die die Vereinsaktion „Abriss des Jahres“ begleitet. Im vergangenen Jahr riefen die Heimatpfleger dazu auf, über den „Abriss des Jahres 2022“ in Bayern abzustimmen. Mehr als 400 Personen beteiligten sich, sendeten Vorschläge und gaben auch meist ihre Stimme ab. Als „Gewinner“ mit 134 Stimmen ging die Nürnberger Radrennbahn mit den Reichelsdorfer Kellern hervor.

Missachtung von Bestands- und Denkmalschutz

„Viele Menschen schreiben uns in langen Mails ihr Bedauern über das Verschwinden bestehender und häufig historischer Bausubstanz. Das beweist, dass die Missachtung von Bestands- und Denkmalschutz ein immenses Empörungs-, aber auch Enttäuschungspotenzial birgt“, sagt Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des Landesvereins, laut Pressemitteilung. Mit derartig großer Resonanz hatte er gar nicht gerechnet.

Klima- und Umweltfolgen im Blick behalten

Dr. Olaf Heinrich, Vorstandsvorsitzender des Landesvereins, kritisiert zudem, dass gerade in Nachhaltigkeitsdebatten der Aspekt Bestands- und Denkmalschutz oft vergessen werde. „Immerhin fallen in Deutschland pro Person und Jahr mehr als 2,5 Tonnen an Bau- und Abbruchabfällen an.“ Bereits im März 2022 forderte der Verein gemeinsam mit dem Bund Deutscher Architekten und Architektinnen eine „Kostenwahrheit“: So müssten in einer Kostenschätzung auch die gesamten Klima- und Umweltfolgekosten bei Abriss und Neubau ein- und gegengerechnet werden.

Goethestraße 3 auf der „Liste der Hoffnung“

Aus den vielen Einreichungen für den „Abriss des Jahres“ stellten die bayerischen Heimatpfleger zusätzlich die „Liste der Hoffnung“ zusammen. Diese listet bestehende Bauwerke auf, deren Abriss für 2023 geplant ist. Die Neustadter Heimatpflegerin Isolde Kalter reichte die Goethestraße 3 ein. Mit ihrem Wunsch nach Erhalt ist sie nicht allein.

Hier ist lange nichts gemacht worden – nun soll das   Haus in der Goethestraße 3 abgerissen werden.
Hier ist lange nichts gemacht worden – nun soll das Haus in der Goethestraße 3 abgerissen werden.
Isolde Kalter

Auch Dr. Hans-Heinrich Eidt, Mitgründer und Ehrenvorsitzender der „Gemeinschaft Stadtbild Coburg e. V.“, meldete sich zu Wort. So stehe das Haus Goethestraße 3 zwar zwar nicht als Einzelobjekt unter Denkmalschutz, müsse aber zum Ensemble mit den wenigen historischen Bauten des Jugendstils in der Bahnhofstraße gehören, schreibt Eidt an das Coburger Tageblatt. „Mit oder ohne Denkmalschutz ist dieses Haus jedoch in prägender Teil des Neustadter Stadtbildes“, so Eidt weiter.

Anwohner sind zwiegespalten

In einer Neustadter Facebook-Gruppe gehen die Meinungen auseinander. Erst einmal müsse man wissen, wie der Zustand des Hauses sei. „Das hätte man schon vor vielen Jahren renovieren müssen. Inzwischen sind Wände rausgerissen, die Fensterscheiben weg“, schreibt eine Nutzerin. „Den Zeitpunkt für eine Renovierung hat man verpasst“, glaubt auch ein anderer. Die könne heute zudem keiner mehr bezahlen, ein weiterer.


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Für andere ist das Haus unbedingt erhaltenswert, auch, weil viele Erinnerungen damit verbunden sind. „Schade! Ein stattliches Gebäude! Meine Urgroßmutter wohnte ganz oben links, vor rund 60 Jahren war ich das letzte Mal im Haus. Die Dielen knarrten bei jedem Schritt …“, berichtet ein User. Bei vielen herrscht Unverständnis.„Ich versteh’ nicht, wieso die Stadt so herrliche Gebäude verkommen lässt. Das ist es doch auch, was ein Städtchen ausmacht“, schreibt eine Nutzerin.

Weitere Häuser sind bedroht

Und dabei ist die Nummer 3 nicht das einzige Haus in Neustadt, das verschwinden soll. Auch vom Abriss bedroht sind die Häuser Goethestraße 5, Albertstraße 1, Mühlgraben 12 sowie Ernststraße 16 und 18.

 

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