Geschichte
Ein Kämpfer für Frankens Bauern
Die Ansichtskarte von 1913 zeigt das Herrenhaus, wie es Weilnböck bewohnt hat.
Die Ansichtskarte von 1913 zeigt das Herrenhaus, wie es Weilnböck bewohnt hat.
Foto: Archiv Asen
Luitpold Weilnböck
Luitpold Weilnböck
Foto: Historisches Lexikon Bayern
Charlotte und Janosch Asen haben das Gut Hummendorf gekauft und sind dabei, es denkmalgerecht zu restaurieren.
Charlotte und Janosch Asen haben das Gut Hummendorf gekauft und sind dabei, es denkmalgerecht zu restaurieren.
Foto: Schoberth
F-Signet von Wolfgang Schoberth Fränkischer Tag
Hummendorf – Luitpold Weilnböck war vor der Nazi-Herrschaft ein bekannter Agrarpolitiker. Über 20 Jahre war er Pächter von Gut Hummendorf bei Stadtsteinach.

1891 klopft ein Mann am Tor von Schloss Guttenberg an, der vor einer großen Karriere stehen sollte: Luitpold Weilnböck, 26 Jahre, Ökonomierat. Er möchte Gut Hummendorf pachten mit 66 Hektar Acker- und Weideland. Er unterzeichnet einen Vertrag mit Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg d. Ä. und zieht in das „Schloss“ von Hummendorf ein – ein herrschaftliches Gebäude aus dem frühen 18. Jahrhundert, dessen Bau unter der Aufsicht des Würzburger Hofbaumeisters Balthasar Neumann erfolgte. Im Erdgeschoss rechts befindet sich Wohnung des Gutsverwalters, im Obergeschoss die des Pächters. Noch heute zeigen die reich ornamentierten Decken und der Kamin ihren feudalen Charakter.

Gut wird aufwendig renoviert

„Zu Weilnböcks Zeiten hat es mehrere bauliche Veränderungen gegeben“, erklärt Janosch Asen, der zusammen mit seiner Frau Charlotte das denkmalgeschützte Gut erworben hat und momentan aufwendig renoviert, „zum Beispiel ist das Vestibül bei der linken Eingangstüre durch eine Zwischenwand verkleinert worden“.

Über zwanzig Jahre, von 1891 bis 1912, war Weilnböck Pächter von Hummendorf. Zudem wurde er zum Unterverbandsanwalt der Raiffeisen-Genossenschaft im Kreis Stadtsteinach gewählt und gehörte dem Vorstand der Raiffeisenkasse an, wie Hans Nützel in der Chronik zum 100-jährigen Bestehen des Darlehensvereins schreibt.

Landwirtschaft in der Krise

Weilnböck, 1865 in Vilshofen geboren, hat die Landwirtschaftsschule in Landsberg am Lech besucht. Als Ökonomierat in staatlichen Diensten sammelt er einige Jahre in Nord- und Süddeutschland Erfahrungen.

Bauern unter Preisdruck

Dass die Lage für die Landwirtschaft bedrohlich ist, wird ihm als Pächter von Hummendorf immer bewusster: Bismarcks Nachfolger, Reichskanzler Leo von Caprivi, begünstigt Industrie und Handel. Er setzt auf eine Liberalisierung des Agrarmarktes und baut die bestehenden Schutzzölle ab. Dies lässt die Getreide- und Viehimporte aus Russland und Übersee anschwellen und erzeugt einen enormen Preisdruck für einheimische Erzeugnisse.

Weilnböck mag den kämpferischen Ton

Als Reaktion darauf wird ein Jahr nach seiner Ankunft in Stadtsteinach, 1892, der „Bund der Landwirte“ gegründet. Dessen kämpferischer Ton imponiert Weilnböck: „Wir müssen schreien, dass es das ganze Land hört, wir müssen schreien, dass es bis in die Parlamentssäle und die Ministerien dringt. Wir müssen schreien, dass es bis an die Stufen des Thrones vernommen wird. Nur dadurch, dass wir rücksichtslose und ungeschminkte Interessenpolitik treiben, kann vielleicht die Existenz der heutigen Landwirte gerettet werden.“

Landbund-Führer in Franken

Weilnböck schließt sich dem „Bayrischen Bauernbund“ an. In kurzer Zeit rückt er in eine Führungsfunktion auf. Er wird stellvertretender Vorsitzender und gilt unangefochten als Landbund-Führer Frankens.

Für Kulmbach-Stadtsteinach in den Landtag

1905 kandidiert er erstmals im Stimmkreis Kulmbach-Stadtsteinach für den bayerischen Landtag. Mit Erfolg. Nach seiner zweiten Legislaturperiode entschließt er sich, bei den für 1912 anstehenden Reichstagswahlen anzutreten. Die größere zeitliche Beanspruchung in der Reichshauptstadt zwingt ihn, den Pachtvertrag in Hummendorf zu kündigen. Doch er bleibt in Stadtsteinach, baut an der Alten Pressecker Straße 17 ein Haus. Als Reichstags-Abgeordneter macht er sich bald einen Namen, zum Beispiel dadurch, dass er die Einfuhr russischer Futtergerste anprangert. Die Bauern an seiner Seite fordert er auf, inländischen Roggen zu verfüttern.

Ein verhängnisvoller Schritt

Um Rückhalt auch in einer Partei zu gewinnen, tritt Weilnböck 1917 in die rechtskonservativen Vaterlandspartei ein. Nach dem Ersten Weltkrieg schließt er sich mit vielen weiteren Vertreter des Reichsland-Bundes der rechtsorientierten, antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) an – ein verhängnisvoller Schritt wie sich zeigen wird. Er wird in die verfassunggebende Deutsche Nationalversammlung gewählt, ebenso bei der ersten regulären Reichstagswahl im Juni 1920.

Weilnböck als Nothelfer

Den Ruf, ein markanter Streiter für die Interessen der Bauern zu sein, kann er auch in der Weimarer Republik wahren. In den späten 1920er Jahren, als sich die Krise in der Landwirtschaft mit Preisverfall und Verschuldung erneut verschärft und die bäuerlichen Wähler in Ost-und Mitteldeutschland in Scharen zu Hitler überlaufen, kommt seine Stunde: Weilnböck, der dem „Reichsausschuss der Katholiken“ innerhalb der DNVP angehört, wird vorgeschickt, um in katholischen Gebieten zu werben.

Er soll der Zentrumspartei und auch der erstarkenden NSDAP Stimmen abjagen. 1926, als die Reichsregierung und die Preußische Staatsregierung ein Subventionsprogramm („Osthilfe“) für Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien beschließen, macht sich Weilböck stark, auch die notleidende „Bayerische Ostmark“ (Niederbayern, Oberpfalz, Oberfranken) in die Förderung einzubeziehen.

Hitler beendet Karriere

Schon ein Jahr vor der Machtübernahme der Nazis sieht Weilnböck offensichtlich die Aussichtslosigkeit, Hitler aufzuhalten. Die DNVP schwächelt, der „Reichs-Landbund“ wird in Positionskämpfern von konservativ und rechts zerrieben. Doch er sperrt sich, in die NSDAP einzutreten oder sich ihren Parteiorganisationen anzuschließen. 1933 verliert er alle seine Ämter, verkauft sein Anwesen in Stadtsteinach und zieht nach Ebenhausen (Kreis Bad Kissingen), um dort zusammen mit seiner Stieftochter das Hofgut Altenfeld zu bewirtschaften.

Von der Gestapo verhört

Mehrfach wird er von der Gestapo als möglicher Staatsfeind verhört, doch „er scheint sich politisch überhaupt nicht mehr engagiert zu haben“, so Peter Zeitler in einer Untersuchung über Stadtsteinach in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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