Unter uns
Das saftige Fazit
Während der Mann sich ein Eis holt, packt seine Frau aus.
Während der Mann sich ein Eis holt, packt seine Frau aus.
Foto: Ronald Rinklef
Lichtenfels – Alte Bekanntschaften sind es wert, dass man sie neu kennenlernt, meint unser Kolumnist Markus Häggberg.

Neulich, das war so: Ich sitze so am Marktplatz vor mich hin, da kommt ein Ehepaar auf mich zu. Ich kenne es aus fernen Tagen und aus der Zeit, da beide noch miteinander in dieselbe Schulklasse gingen.

Man kommt ins Gespräch, das Ehepaar schaut sich um, stellt fest, dass es keine freien Plätze an anderen Tischen gibt und setzt sich zu mir. Wir unterhalten uns. Über Gott, die Welt, die Verderbtheit der Sitten, die Verderbtheit der Jugend und über all das, an dem man erkennt, dass, man selbst älter geworden ist.

Ein Lächeln von nachsichtiger Art

Der Mann ist freundlich, sein Lächeln wirkt wie von nachsichtiger Art. Seine Frau bestellt Prosecco. Sie lächelt nicht, sie scheint beladen. Das Leben ist hart, es ist auch ganz schön lang und es wird mit der Zeit nicht besser. Das alles bilanziert die Frau binnen kürzester Zeit und im Grunde doch recht ungefragt. Ihr Mann ist freundlich, sein Lächeln wirkt wie von nachsichtiger Art.

Die Frau erkundigt sich nach meinem Befinden, ich suche mich zu sammeln und zu antworten, da leitet sie das Thema auf sich über. Ich blicke ihren Mann an, der ist freundlich, sein Lächeln wirkt wie von nachsichtiger Art. In diesem Zustand steht er auf und geht sich ein Eis holen.

Einen Mann mit Immobilien geheiratet

So kommt die Frau auf die Zukunft zu sprechen. Sie seufzt dabei und erzählt, dass sie ja einen Mann mit Immobilien geheiratet habe. Ich habe mich für sie gefreut, weil sie es ja somit ganz gut erwischt zu haben scheint. Dann frage ich sie, was ihr Mann denn beruflich so mache und sie sagt mir, dass er die gemeinsamen Kinder erzieht, weil sie selbst ja noch berufstätig ist, aber nur bis 62 berufstätig bleiben möchte. Jetzt hat die Frau meine volle Aufmerksamkeit, denn offenbar scheint ihr Ehemann Immobilienbesitzer und Ganztagsfamilienvater gleichzeitig zu sein. Eine wirklich gute Partie, wenn man so will. Das vollumfänglich zu bestätigen, fällt der Frau nicht ein.

Und die Moral von der Geschicht’?

„Er hat so seine Fehler“, erklärt sie andeutend. Einer dieser Fehler, das stellt sich jetzt im Verlauf des Gesprächs heraus, ist, dass der Vater ihres Ehemannes noch am Leben und rüstig ist, und das Immobilienerbe seinem Sohn somit ja noch nicht zugesprochen wurde. Aber bis man 62 ist, so die Frau, sollte die Sache – rüstig hin oder her – ja wohl über die Bühne gegangen sein. Normalerweise steht am Ende einer Geschichte ja immer eine Moral oder ein Fazit. Das mit der Moral können wir gleich knicken, und zu einem Fazit fehlen mir gerade irgendwie die Worte. Ich glaube aber, das Wort „Arschloch“ wäre im Fazit durchaus enthalten gewesen.

P. S.: Am Ende der Geschichte kommt der Mann natürlich mit zwei Kugeln Eis zurück. Er ist sehr freundlich und sein Lächeln wirkt wie von nachsichtiger Art. Von mir erfährt er jedenfalls nicht, wie seine Frau so drauf ist.