Gericht
Die Nachbarn mussten die Schreie anhören
Waren es  handfeste  Schläge oder war es eine Masche? Dieser Frage ging das  Amtsgericht nach.
Waren es handfeste Schläge oder war es eine Masche? Dieser Frage ging das Amtsgericht nach.
Foto: Ronald Rinklef
Lichtenfels – Häuslicher Streit: Waren es Prügel oder handelt es sich um eine Masche in einem Mietshaus im Landkreis Lichtenfels?

Als ihre Schreie durch das Mietshaus gellten, war es kurz nach der Tagesschau. Es war der 10. Oktober 2020 und kaum einer der Nachbarn konnte sich einen Reim auf das Geschehene machen.

„Schlag mich nicht“, rief die Frau, aber wurde sie geschlagen? In dem Verfahren um Körperverletzung war es für das Gericht schwer, sich eine Meinung zu bilden. Staatsanwalt Alexander Brandt verlas am Mittwoch die Anklageschrift, und die sprach durchaus massiv von Körperverletzung, begangen von einem 38-jährigen Burgkunstadter an seiner 45-jährigen Lebenspartnerin.

Neben mehreren Schlägen ins Gesicht soll es auch dazu gekommen sein, dass der in der Industrie beschäftigte Mann die Frau aus der Wohnung ins Treppenhaus warf und sie dort sogar schubste, so dass sie zu Boden fiel. Wirklich gesehen hatte das niemand, lediglich von der Unruhe und dem Krawall gehört.

„Seit 25 Jahren suchtkrank“

Der Angeklagte selbst gab jedenfalls vehement an, die Frau nicht geschlagen zu haben. „Das ist immer die gleiche Masche, die sie abzieht, um in der Wohnung zu bleiben“, erklärte er. Der Angeklagte schilderte die Frau als „seit 25 Jahren suchtkrank“. Wenn seine eigenen Kinder im Hause seien, dann möchte er nicht, dass sie betrunken ist. Doch sie sei es dennoch gewesen und darum habe er sie der Wohnung verwiesen. Mehr noch: „Um das Gewaltpotenzial, das von ihr ausgeht, zu dokumentieren, habe ich ein Video gedreht“, erklärte der Enddreißiger. Besagtes Video jedenfalls sollte sich Richter Matthias Huber in dieser Verhandlung nicht ansehen, er hielt sich lieber an die Zeugen.

Auch Brandt runzelte bezüglich der Angaben des Angeklagten die Stirn, dann nämlich, als er darauf zu sprechen kam, dass dieser an jenem Abend im Oktober eine Atemalkoholkontrolle glatt verweigerte. Der erste Zeuge, der zu dem Fall vernommen wurde, wohnte „Wand an Wand“ mit dem streitlustigen Paar. „Es ist öfters vorgekommen, dass beide eine Auseinandersetzung hatten. Er hat sie öfter aus der Wohnung geworfen.“ Doch der 46-jährige Zeuge konnte auch noch etwas anderes berichten, den Umstand nämlich, wonach es „immer das gleiche Spiel gegeben“ habe und „nach ein paar Stunden Friede, Freude, Eierkuchen“ war.

Einen „Riesenschlag“ gehört

Eine weitere Zeugin trat auf, eine Pastoralreferentin und gleichfalls Nachbarin. „Es war ein markantes Ereignis“, erinnerte die Frau sich an das Gehörte. Auch sie sah nämlich nichts, sondern nahm den Vorfall nur akustisch wahr. Allerdings habe sie einen „Riesenschlag“ gehört und selbst den Verdacht, dass auch der Angeklagte „ein Problem mit Alkohol“ habe.

Man durfte gespannt sein, was das vermeintliche oder tatsächliche Opfer zu dem Gewesenen oder Nichtgewesenen zu erzählen hatte. „Du hast mich gepackt, und die Kinder waren gar nicht da“, so die Frau in aller Bestimmtheit. „Die Kinder waren da“, entgegnete der Mann. „Die Kinder waren nicht da“, wiederholte die Frau. „Die Kinder waren da“, schob der Mann wiederum noch lauter nach.

Fazit des Prozesses sollte werden, dass Aussage gegen Aussage stand und niemand wirklich etwas gesehen hatte. Darüber hinaus gab es keine echten Verletzungen und nun sei man ja auch getrennt, also vor eventuellen künftigen Begegnungen gefeit. Das Verfahren wurde darum eingestellt.