Awo-Petition
Pflegekräfte fehlen hinten und vorne
Pflegekräfte, die sich  auch mal  länger einer Heimbewohnerin widmen können, gehören nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie der Vergangenheit an – auch schon vor 2020 ließen dies die Rahmenbedingungen für Pflegekräfte nicht zu.
Pflegekräfte, die sich auch mal länger einer Heimbewohnerin widmen können, gehören nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie der Vergangenheit an – auch schon vor 2020 ließen dies die Rahmenbedingungen für Pflegekräfte nicht zu.
Foto: Awo Redwitz
Redwitz – Warum die Awo-Petition „Mehr Respekt für die Pflege, dann klatschen wir!“ nicht nur auf höhere Löhne abzielt, sondern auf mehr Menschlichkeit.

Kann die höchste Wertschätzung für die Pflegekräfte in den Worten „keine oder nur geringe Qualitätsdefizite“ bestehen? Wenn es nach den Qualitätsurteilen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen geht, dann schon.

Zwar fällt die tägliche Anerkennung durch die Frauen und Männer, die in der ambulanten und stationären Pflege des Awo-Sozialzentrums Redwitz betreut werden, weitaus herzlicher aus, doch gerade für diejenigen bleibt den Mitarbeitenden immer weniger „echte“ Zeit. Starker Personalmangel und fehlender Nachwuchs, körperlicher und psychischer Druck, ein immenser Verwaltungsaufwand, fehlende Anerkennung und der stete Rechtfertigungsdruck prägen den Alltag in der Pflege seit langem. Die Corona-Pandemie hat die Missstände im Pflegesektor dabei verstärkt.

Ein Kraftakt ohnegleichen

Dabei haben die Mitarbeitenden während dieser doch einen Kraftakt an Einsatz, Flexibilität und Belastbarkeit ohnegleichen gezeigt – mit anfangs wenig staatlicher Unterstützung, so Gesamtleiter Steffen Coburger. Dieser betitelte die Pandemie nicht als Ursache der Krise in der Altenpflege, sondern in der Informationsveranstaltung für eine Awo-Petition, als „Brandbeschleuniger“. Unter dem Motto „Mehr Respekt für die Pflege, dann klatschen wir!“ ruft die Awo Mittel- und Oberfranken daher online zur Unterschriften-Aktion für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Pflegekräften und gegen eine Flucht aus den Pflegeberufen auf.

Denn die Zahl der derzeit rund 4,2 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland wird in Zukunft noch steigen. Die Zahl der über eine Million Pflegekräfte dagegen drohen stark zu sinken: Jede dritte Pflegekraft denkt ernsthaft über den Ausstieg nach.

Woher das Personal nehmen?

Gesamtleiter Steffen Coburger fragt deshalb: „Woher nehmen wir das Personal, wenn unsere umfangreichen Anstrengungen bei Ausbildung, Personalgewinnung und -bindung zunehmend an ihre Grenzen stoßen und erfolglos bleiben?“

Dafür gaben Pflegedienstleiterinnen wie Carmen Kluck Einblicke in ihren Alltag. Sie berichtet von Sieben-Tage-Schichten und plötzlichen Personalausfällen, woraufhin nicht selten die noch nicht erholten Mitarbeitenden wieder einspringen müssen. Auch ohne geteilte Schichten sei mittlerweile eine ausreichende Versorgung der Senioren nicht mehr zu gewährleisten. Dabei ist im Awo-Sozialzentrum bereits der bestmögliche Personalschlüssel erreicht, der in Bayern möglich sei. „Und in diesen Schichten schlagen wir uns dann bis zu einer Stunde mit der Verordnung und Bestellung einer klassischen Wundcreme für einen Patienten herum, die jeder Mensch frei verkäuflich in der Apotheke kaufen kann“, verrät die Pflegedienstleitung. „Wir bürokratisieren uns zu Tode. Mehr als 50 Prozent der Arbeit der Pflegefachkräfte findet nicht mehr am Bewohner selbst statt.“

Der tägliche Kampf um Mobilisierung

Auch Martin Rosenberger als stellvertretende Pflegedienstleitung berichtet von unmenschlichen bürokratischen Zusammenhängen: Gemeinsam mit seinem Team kämpft er jeden Tag für eine wachsende Mobilisierung derjenigen Senioren, die beispielsweise von einer Krankheit genesen sind. Deren Erfolge verursachen jedoch schnell eine Herabstufung des Pflegegrads der betreffenden Person, das wiederum führt zu sinkenden Personalzahlen. „Ist das der Dank dafür? Dass wir bestraft werden, wenn wir Menschen ein Stück Lebensqualität zurückgeben?“

Wohnbereichsleiterin Magdalena Münch verwies zudem auf die steigende Gefährdung der Pflegekräfte durch Krankheiten, etwa Burnout. „Und junge Praktikanten oder Auszubildende sehen das natürlich, unter welchem Druck wir stehen.“

„Wir haben ein Problem in unserer Gesellschaft.“

Während manche Zuhörer sich zutiefst erschüttert über die Situation der Pflegekräfte zeigten, waren anderen die Missstände bekannt. Susanne Lutter beispielsweise gab zu: „Oft, wenn ich kurz mal bei den Pflegern anrufen und etwas wissen wollte, hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß: Sie haben wahnsinnig viel zu tun und ich wollte sie nicht stören.“ Auch MdL Michael C. Busch (CSU) bekannt: „Wir haben ein Problem in unserer Gesellschaft.“ Er forderte ein Umdenken in vielerlei Bereichen: in der Ökonomisierung vieler Einrichtungen, der Vielschichtigkeit der Krankenkassen und der Einigkeit der Verbände im medizinischen und pflegerischen Sektor. „Wäre eine staatliche Bezuschussung für Pflegeheime eine Lösung, wenn diese tarifgerecht entlohnen?“, überlegte er laut.