Trend
Gewalt gegen Polizisten am Obermain nimmt zu
Die Gewalt gegen Polizisten nimmt auch in Lichtenfels zu, weiß Erich Günther (links).
Die Gewalt gegen Polizisten nimmt auch in Lichtenfels zu, weiß Erich Günther (links).
Foto: Corinna Tübel
Lichtenfels – Auch im Landkreis Lichtenfels sind die Gesetzeshüter immer häufiger Aggression ausgesetzt.

26 Fälle in vier Monaten oder anders betrachtet: An jedem fünften Tag des laufenden Jahres wurden Streifenpolizisten der Polizeiinspektion Lichtenfels verbal attackiert, beleidigt oder tätlich angegriffen bzw. leisteten Beschuldigte aktiv körperlichen Widerstand. Hierbei erlitten die Beamten auch Verletzungen.

Der höchste Wert seit zehn Jahren

Damit folgt der Landkreis Lichtenfels dem traurigen deutschlandweiten Trend steigender Straftaten gegen diese Berufsgruppe. Über 100 Fälle mehr als im Vorjahr registrierte die oberfränkische Polizei für das Jahr 2020. Damit wurde mit 802 Fällen der höchste Wert der seit zehn Jahren geführten polizeilichen Statistik registriert, vermeldet das Polizeipräsidium Oberfranken in seiner jüngsten Statistik. Bei genauer Betrachtung konnte die Polizei sogar eine erhöhte Gewaltbereitschaft gegenüber oberfränkischen Beamten feststellen, die die Tatorte verstärkt in privaten Haushalten verortet: vor allem im Wohn-, Haus- und Gartenbereich. Hierfür dürften die pandemiebedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens verantwortlich sein. So auch am Obermain: Die PI Lichtenfels hatte im Jahr 2020 entgegen dem bayern- und oberfrankenweiten Trend zwar „nur“ 38 Fälle registriert, das heißt zehn Fälle weniger als 2019. „Allerdings stiegen die Gewalthandlungen bei uns seit Jahresbeginn 2021 stark an“, beobachtet Dienststellenleiter Erich Günther.

Er nennt Beispiele: Im März kam es zu einem Vorfall, bei dem ein Mann offenbar in einer psychischen Ausnahmesituation zunächst versuchte, Rettungssanitäter anzugreifen. Die alarmierten Polizisten wurden beleidigt, aggressiv angegangen und mit dem Leben bedroht. Letztendlich versetzte der Beschuldigte einem Beamten einen Kopfstoß ins Gesicht. Der Beamte zog sich hierdurch eine Schädelprellung zu und musste sich in ärztliche Behandlung begeben. Eine Beamtin wurde an der Hand verletzt.

Body-Cams können deeskalieren

Ein Mittel zur frühen Deeskalation von solchen Situationen können Body-Cams sein, die auch die Beamten der Polizeiinspektion Lichtenfels und der Polizeistation Bad Staffelstein seit Herbst 2019 verwenden – „dort wo es sinnvoll und möglich ist“, so Erich Günther. „Sie erbringt erkennbar eine deeskalierende Wirkung.“ Bereits durch die Ankündigung, dass die Beamten die sichtbar getragenen Videokameras, die der Dokumentation des Einsatzgeschehens dienen, aktivieren und die Aufzeichnung starten, werden Aggressionen mancher Täter häufiger unterdrückt. Dem Gegenüber ist klar, dass sein Verhalten auf Video beweiskräftig festgehalten wird. Jedoch hat dieses Mittel auch seine Grenzen – vor allem, wenn die potenziellen Straftäter unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen, da sie die Situation nicht mehr umfassend realisieren können. Dann reicht leider oft auch die kommunikative Konfliktlösung, die schon in der polizeilichen Ausbildung großen Raum einnimmt, nicht mehr aus.

38 Gewalthandlungen im Bereich Lichtenfels

Das zeigt sich auch im Raum Lichtenfels, denn dort standen von den 38 Fällen der Gewalthandlungen gegen Polizeibeamte im Jahr 2020 28 Delikte im Zusammenhang mit nachgewiesenem Alkohol- und/oder Medikamenteneinfluss. „Jegliche Deeskalation mit kommunikativen Mitteln ist dabei sehr schwer möglich“, weiß der Dienststellenleiter. „Hand in Hand mit dem Versuch der Konfliktlösung gehen dann die polizeilichen Einsatztechniken, um den Angriff des Aggressors, in seltenen Fällen auch den der Aggressorin, möglichst effektiv unterbinden zu können. Die Folge ist in der Regel die Ingewahrsamnahme der Person und die Verbringung in die Haftzelle.“

Sind Polizeibeamte noch Respektspersonen? Mangelt es vielen Lichtenfelsern an Respekt gegenüber den Beamten? Erich Günther erklärt: „Je nachdem, wie man Respekt definiert.“ Die Bevölkerung wisse sehr wohl, welch wichtige Aufgabe und welchen Stellenwert die Polizei in der Gesellschaft habe und dass nur sie als Teil der Exekutive das Gewaltmonopol des Staates durchsetzen darf, respektive als Ultima Ratio und letztmögliches Mittel durchsetzen muss. „Wir bedanken uns ausdrücklich für diese respektvolle Bestätigung unseres Tuns. Auch unser Credo ist es, mit Achtung, Respekt und Würde unseren Bürgern gegenüberzutreten.“

Dabei beleuchtet er selbst die andere Seite der „Medaille“: Polizeiliche Maßnahmen müssen aber auch überprüfbar sein, Rechtsmittel gegen Maßnahmen müssen möglich sein und Kritik an Maßnahmen seien ein Teil des demokratischen Systems in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Grenze sei allerdings dann erreicht, wenn Polizeibeamte beschimpft, beleidigt und tätlich angegriffen werden. Die steigende Tendenz der Gewaltdelikte gegen Polizeibeamte lasse vermuten, dass auch die Achtung vor dem Polizisten als Mensch sinkt. Das gelte umso mehr, wenn Alkohol- oder Drogenbeeinflussung bei den Tätern eine Rolle spielen oder gruppendynamische Prozesse hinter den Aktionen stehen.