Nachbau
Sah die Burg Niesten einst so aus?
Nach rund 800 Planungs- und Arbeitsstunden hat Manfred Mahr sein Modell der Burg Niesten im Maßstab 1:200 abgeschlossen.
Nach rund 800 Planungs- und Arbeitsstunden hat Manfred Mahr sein Modell der Burg Niesten im Maßstab 1:200 abgeschlossen.
Foto: Corinna Tübel
Niesten – Manfred Mahr aus Redwitz hat die Niederlassung der Andechs-Meranier in Niesten als Miniatur-Modell nachgebaut.

Sind es die aufgeklebten roten Dachziegel, die Steine auf der Erde oder die geschickt bemalten Fachwerkbalken, die dem Modell der Burg Niesten heute Leben einhauchen? Sie alle künden von einer Anlage des Andechs-Meranier-Geschlechts im Hochmittelalter, von deren Glanz heute nur noch wenige Überreste im Weismainer Ortsteil Niesten zeugen.

Detailgetreue Rekonstruktion

Durch seine detailgetreue Rekonstruktion der Burganlage hat Manfred Mahr aus Redwitz einen wertvollen Beitrag zur „Anschaulichkeit“ der Geschichte geleistet, aber auch eine hohe Anzahl einzelner, historischer Quellen in einen logischen Zusammenhang gebracht. Insbesondere die Forschungen und 3-D-Pläne des Vermessungsingenieurs Karl-Heinz Gertloff aus Egelsbach sowie die Aufzeichnungen des Heimatforschers Bernhard Dietz, der sich in den 1930er Jahren mit der Geschichte der Burg beschäftigte, halfen dem 72-Jährigen bei der Recherche.

Steine an sechs verstreut liegenden Stellen auf dem heutigen Ruinengelände bildeten die Basis für Manfred Mahrs Pläne, in die er rund 200 Arbeitsstunden investierte. Auch war ein Lageplan der Burg Niesten aus dem Jahr 1851, wenn auch kein Grundriss, vorhanden. Denn diesen musste der Redwitzer, ebenso wie unzählige Karten mit Höhenlinien und weiteren Anhaltspunkten, selbst erstellen – und das in Handarbeit. Der gelernte Bautechniker, der vor seiner Pensionierung unter anderem im Auftrag von Architekten und dem Landratsamt tätig war, hat Erfahrung darin, nennt sich selbst aber „altmodisch“. So hat ihn etwa auch sein Enkel unterstützt, vor Ort bestimmte Punkte mit einer Latte nachzumessen und Mauerreste aufzumessen. Mit Messlatte und Seil im Gepäck ließen sich genaue Abstände ermitteln. Doch die moderne Technik half ebenfalls: Mithilfe einer Drohne und der Unterstützung von Dieter Stamm und seinem Sohn aus Schney konnten sie Winkel und Sichtverhältnisse zu damals benachbarten Burganlagen bestimmen.

Zwei Zufälle liefern Idee

So gezielt die Herangehensweise des Redwitzers ist, so zufällig entstand die Idee für das Modell: Vor langer Zeit, während eines Istrien-Urlaubs mit seiner Frau, sei er dort in einer Burg auf ein Wappen der Andechs-Meranier gestoßen, in deren Hand sich auch lange Zeit die Burg Niesten befand. Doch viele weitere Jahre vergingen, ehe eine weitere, ungeplante Begebenheit während eines Aufenthalts in Südtirol die Initialzündung für sein heutiges Modell gab: Dort stießen Manfred und Margit Mahr in einem Bücherschrank auf das Buch „Königsmord in Bamberg“. In diesem wurde sowohl auf das Adelsgeschlecht der Andechs-Meranier als auch auf die Burg Niesten verwiesen. Noch heute überlegen die beiden, wie sie dieses Werk einordnen sollen: „Ein Märchen mit geschichtlichem Hintergrund vielleicht?“

Exakte Proportionen

Manfred Mahrs Rekonstruktion der Burg Niesten baut auf eine Vielzahl historischer Quellen und Fakten und besticht durch exakte Proportionen der einzelnen Bestandteile. Wie tief Manfred Mahr nicht nur in Statik und Bauweise der Burg eindringen musste, sondern auch in die Lebensweise der Menschen im Hochmittelalter, zeigen Details: Die Dachneigung vieler Anlagen betrug damals 57 bis 58 Grad: „Der Schnee konnte herunterrutschen und staut sich auf den Aufschieblingen“, erklärt er. Außerdem musste er lernen, in „Schuh“ zu denken, einem mittelalterlichen Längenmaß. Ein Bautagebuch aus Text und Fotos, beginnend mit der Idee, den ersten Bauschritten und unglaublich vielen Details, bis hin zur Verbindung des Andechs-Meranier-Geschlechts mit dem Dorf Klosterlangheim, habe ihm geholfen, den Überblick zu bewahren. Den praktischen Anfang des Modells Mitte November 2020 bildete ein Grundriss mit exakten Höhenlinien, darüber befestigte der Redwitzer dünne Leimholzplatten.

Beinahe das gesamte Material, überwiegend Holz, Steine und Klebstoff, stammt aus Manfred Mahrs Werkstatt, einige Steine sogar vom Gelände der Burganlage selbst. Dort hatte er zwar seine Arbeit begonnen, zog jedoch bald in das Esszimmer seines Wohnhauses um, da coronabedingt weniger Besuch der großen Familie zu erwarten war und dieses mehr Platz bot. Seine Frau Margit schenkte ihm die tägliche Zeit am Modell, oft zwischen drei und sechs Stunden, steuerte kreative Ideen bei und bemalte schließlich das fertige Modell mit unglaublich geschickter Hand. Hinter den beiden liegen 560 Stunden reiner Bauzeit am Modell mit dem Maßstab 1:200. Das 1,23 Meter lange und 0,75 Meter breite Modell soll jedoch nicht, wie die anderen Miniatur-Modelle, dauerhaft im Haus der Mahrs bleiben. „Vielleicht möchte es ja das Weismainer Rathaus oder das Museum haben?“, überlegt das Ehepaar.

Ehepaar fertigte viele Modelle

Doch dieses Vorhaben eilt noch nicht: Momentan bewundern beide stolz ihr gemeinsames Werk. Ob sie die tatsächliche Ruine Niesten nun bei einem Spaziergang mit anderen Augen betrachten? „Ja, man kann es sich nun schon viel besser vorstellen“, erzählt Margit Mahr. „Außerdem wird mein Mann wohl immer noch ein paar Steine finden …“. Abgeschlossen sind dagegen die wunderschönen Puppenstuben aus der Hand von Margit Mahr, das sind Modelle der St.-Ägidius-Kirche, der Schlosskapelle und des Schlosses, das ist eine historische Gaststube in Redwitz, die heute Wohnungen beherbergt. Für letztere erhielt das Ehepaar sogar den Umwelt- und Kulturpreis des Marktes Redwitz.

All diese Miniaturbauten finden sich im Wohnhaus des Ehepaars. Doch nun sollen die Modellbauten ein Ende haben. Was die beiden dann vorhaben? „Es gibt immer was zu tun!“, sagt Manfred Mahr lachend, der zudem drei Enkel hat, seinen Garten genießt und gerne verreist – gemeinsam mit seiner Frau. Diese verrät am Ende noch ein kleines Geheimnis über ihren Mann: „Eigentlich ist er ein recht ungeduldiger Mensch!“ Wenn man auf das prächtige Modell blickt, eigentlich kaum zu glauben.

Historie Der Weismainer Stadtteil Niesten ist besonders durch den Burgberg bekannt, auf dem im Mittelalter die Niestener Burg, der Sitz der Andechs-Meranier, stand. Die vielleicht schon um 1000 angelegte Burg – einst „Nienstein“ genannt – wird erstmals 1128 erwähnt. Damals befand sie sich im Besitz des Bamberger Bischofs, der sie zu Lehen ausgab. Nach dem Tod der Lehnsmänner Otto und Friedrich von Niesten fiel die Burg um 1189 zurück an den Bamberger Bischof Otto II., der nun seinen Neffen Herzog Berthold von Andechs-Meranien mit ihr belehnte. Durch eine geschickte Heiratspolitik schafften es die Andechs-Meranier, in kurzer Zeit zu einem Geschlecht von europäischem Rang aufzusteigen. 1248 starb der letzte Andechser Otto II. auf der Niestener Burg. Es ging das Gerücht, der erst 30-Jährige sei von seinem Hofmeister ermordet worden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Otto an den Folgen einer Krankheit starb. Da er keine Erben hinterließ, entwickelte sich ein Erbfolgekrieg, durch den Bischof Heinrich die Burg 1255 wieder für die Bamberger Kirche gewann. Seit dem späten 14. Jahrhundert residierten Bamberger Beamte in der Burganlage, von der aus das Amt Niesten verwaltet wurde. Wegen der zunehmenden Baufälligkeit der Burg zog der Amtmann 1710 in das Jüngere Neydeckerhaus am Weismainer Marktplatz. Die einst so bedeutende Burg verfiel nun mehr und mehr. Mitte des 18. Jahrhunderts kam es zu ersten Abbrüchen, teils durch die Obrigkeit, teils durch Bewohner der umliegenden Dörfer. 1872 riss die Gemeinde Niesten als Eigentümerin der Ruine auch den Stumpf des Bergfrieds nieder. Nur bescheidene Mauerreste sind heute noch erhalten.

Gegenwart Auf dem Plateau des Burgbergs informiert eine Bronze­tafel über die ehemalige Burganlage. Auf der Tafel ist auch der vom Heimatforscher Bernhard Dietz rekonstruierte Grundriss der Burganlage abgebildet. Außerdem steht seit einigen Jahren eine Blechfahne mit dem Wappen der Andechs-Meranier auf dem Burgberg. Wer den Burgberg besuchen und die herrliche Aussicht genießen möchte, kann an der Straße nach Görau auf einem Parkplatz anhalten, von dem das Plateau leicht zu Fuß zu erreichen ist. Am Parkplatz informiert ebenfalls eine Tafel über die Geschichte der Niestener Burg.

Quelle: Kreisheimatpflegerin Andrea Göldner