Tennis
Ein Leben für den Tennissport – in Burgkunstadt
Vladimir Nemec als Vereinstrainer des Baur SV Burgkunstadt 2021.
Vladimir Nemec als Vereinstrainer des Baur SV Burgkunstadt 2021.
Foto: Stefan Kornitzky
Burgkunstadt – Seit 1993 bringt Vladimir Nemec Kindern und Erwachsenen rund um Burgkunstadt Vorhand, Rückhand und Aufschlag bei – und das mit nun 67. Ein Porträt.

Beim Betreten der Anlage des Baur SV Burgkunstadt bietet sich im Frühjahr das gewohnte Bild: Die Trainingseinheit der jüngsten Talente, die im Kleinfeld begeistert an Vor- und Rückhand gefeilt haben, ist gerade vorbei. Inmitten des Geschehens verstaut eine drahtige Figur im blauen T-Shirt mit Aufschrift „Coach“ die Kleinfeldnetze am Rand, um den Platz für die nächste Einheit vorzubereiten. Während Eltern und Großeltern auf den munteren Nachwuchs warten, betreten die Junioren die Plätze: Die Vorbereitung auf die Mannschaftsspiele steht an. Der 14-jährige Julian, gerade erst oberfränkischer Meister geworden, stellt seine Tasche ab und grüßt: „Hallo, Vladi!“

Gemeint ist „Coach“ Vladimir Nemec, genannt „Vladi“, der seit 28 Jahren als Vereinstrainer beim Baur SV arbeitet. In seinen 67 Lebensjahren, von welchen man ihm vielleicht 55 ansieht, hat der Tennislehrer einiges erlebt. Als Nemec 1954 in der Kleinstadt Zruc (Srutsch an der Sasau) südöstlich von Prag als einer von drei Brüdern geboren wurde, dominierten der Einfluss der Sowjetunion und Kommunismus das Leben in der damaligen Tschechoslowakei. Schon in jungen Jahren war er sportlich überaus aktiv, spielte unter anderem Eishockey und Volleyball oder turnte, seine wahre Passion fand er aber im Tennis.

Hartes Training in der Jugend

Wenn er Nachwuchsspielern heute von seiner Jugend erzählt, herrscht ungläubiges Schweigen. Regelmäßig musste Nemec samstags um vier Uhr morgens viele Kilometer zu Fuß gehen, um den Bahnhof seiner Heimatstadt zu erreichen. Dort stieg er in den Zug und fuhr mehrere Stunden in die Hauptstadt Prag. Nach harten Trainingseinheiten erreichte er die elterliche Wohnung oft erst gegen Mitternacht wieder. Es erstaunt daher nicht, dass Nemec Kondition und körperliche Fitness speziell für den Tennissport auf höherem Niveau als „conditio sine qua non“ – als unbedingt notwendige Bedingung – ansieht. Trotzdem verrät er mit einem Augenzwinkern, dass er für Jogging als Ausdauertraining immer noch keine Begeisterung aufbringen kann: „Am leichtesten fällt es mir seit jeher, einem Ball hinterherzulaufen.“

Duelle mit Weltranglistenspielern

Auf seine anstrengende Jugendzeit blickt er positiv zurück: „Durch den Tennissport habe ich Menschen kennengelernt, die zu Vorbildern oder engen Freunden wurden.“ Bei wichtigen tschechoslowakischen Jugendturnieren feierte er Siege oder erreichte das Finale und weiß heute mit der ein oder anderen Anekdote zu unterhalten. In den 1960er Jahren lernte er in Tynec (Elbeteinitz) die spätere Nr. 1 der Doppel-Weltrangliste sowie Trainer von Boris Becker, Tomas Smid, kennen. Erst im Finale des Turniers unterlag er dem späteren Weltranglisten-Spieler Jiri Granat. Eine knappe Niederlage, an die er sich schmerzlich erinnert. Besonders in Erinnerung blieb ihm auch der erste Sieg über seinen Jugendtrainer und Spieler der ersten Liga, Leopold Fiala, bei einem Turnier in Prag.

Match gegen späteren Graf-Erfolgscoach

1973 zog der Sohn eines Juristen mit seiner Familie nach Prag, um Bauwesen zu studieren. Dort stieg er während seiner Studienzeit mit der Mannschaft der Hochschule, Slavia Prag, in die erste Liga auf und erreichte die Top 100 der nationalen Rangliste. Bei einem Turnier in Znojmo (Znaim) traf er auf Pavel Složil, der in der deutschen Tennisszene als langjähriger Erfolgstrainer von Steffi Graf Bekanntheit erlangte.

Die Verbindung nach Oberfranken, die mittlerweile über drei Jahrzehnte anhält, kam später durch Nemecs Bruder zustande, der nach dem Fall des eisernen Vorhangs 1989 die Halle des Tennispark Lichtenfels betrieb. Als Spitzenspieler der Jungsenioren hatte er in Burgkunstadt entscheidenden Anteil am sportlichen Erfolg und damaligen Aufstieg in die Regionalliga.

Vor 30 Jahren war Nemec Spitzenspieler der Baur-SV-Jungsenioren.
Vor 30 Jahren war Nemec Spitzenspieler der Baur-SV-Jungsenioren.
Foto: Archiv/Stefan Kornitzky

1993 übernahm er das Amt des Vereinstrainers, das er bis heute ausübt. In beinahe drei Jahrzehnten trainierte er auch namhafte Spieler. Der bekannteste unter ihnen dürfte wohl der Bayreuther Profispieler Philipp Petzschner sein. Auch Spieler, die auf lokaler und regionaler Ebene Erfolge feierten, entwickelten sich unter seiner Führung, so zum Beispiel die Brüder Thiem oder Thomas Fugmann aus Michelau. Die aktuelle Nummer 16 der deutschen U16-Rangliste, Noah Schmiedel, lernte das Tennis-Abc ebenfalls bei Vladimir Nemec.

„Ein echter Glücksfall für uns“

Für den Baur-SV-Vorsitzenden, Karl-Heinz Liebich, ist die Bedeutung Nemecs für den Verein nicht hoch genug einzuschätzen: „In einem Alter, in dem andere bereits lange an den Ruhestand denken, ist Vladi für unsere Kinder eine konstante Größe. Er schafft es noch immer, den Spaß am Sport auf jedem Leistungsniveau zu vermitteln und ist damit ein echter Glücksfall für uns.“

Besprechung: Vladimir Nemec (rechts) beim Training mit den Junioren.
Besprechung: Vladimir Nemec (rechts) beim Training mit den Junioren.
Foto: Stefan Kornitzky

Sportwart Stefan Kornitzky betont: „Als zentraler Ansprechpartner für die Eltern und Gesicht der Jugendarbeit des Vereins ist Vladis jahrelange Arbeit elementar dafür, dass unsere Jugendlichen dem Verein langfristig treu bleiben. Ich konnte selbst viel von ihm lernen, schätze ihn aber vor allem menschlich sehr.“

Nemec bei Weihnachtsfeiern der „Star“

Eigentlich könnte man meinen, dass sechs Jahrzehnte Tennis neben körperlichen Blessuren irgendwann auch zu einer gewissen Müdigkeit führen. Bei Vladimir Nemec ist hiervon jedoch nicht viel zu spüren. Steht er einmal nicht auf dem Tennisplatz, so ist er kreativ tätig. Ob als Sänger, Dame im Tennisrock oder talentierter Klavierspieler, die Auftritte des bescheidenen Tschechen bei Weihnachtsfeiern bleiben den Mitgliedern in bleibender Erinnerung. Und auch Ehefrau Vera, drei Söhne und drei Enkel sorgen dafür, dass Nemec fit bleibt und seiner großen Passion, dem Tennissport, noch lange nachgehen kann.sk