Podiumsdiskussion
Die Landwirte brauchen Perspektiven
Unter der Moderation von Bauernverband-Kreisobmann Michael Bienlein diskutierten über die künftige Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik die Direktkandidaten für die baldige Bundestagswahl, von links : Martin Pfeiffer (Bündnis 90/Die Grünen), Theo Taubmann (AfD), Klaus Ehrhardt (FDP), Emmi Zeulner (CSU), Simon Moritz (SPD) und Jochen Bergmann (Freie Wähler).
Unter der Moderation von Bauernverband-Kreisobmann Michael Bienlein diskutierten über die künftige Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik die Direktkandidaten für die baldige Bundestagswahl, von links : Martin Pfeiffer (Bündnis 90/Die Grünen), Theo Taubmann (AfD), Klaus Ehrhardt (FDP), Emmi Zeulner (CSU), Simon Moritz (SPD) und Jochen Bergmann (Freie Wähler).
Foto: Mario Deller
Bad Staffelstein – Der Bauernverband sprach in Bad Staffelstein mit den Direktkandidaten der Bundestagswahl.

Die Bundestagswahl Ende September wirft ihre Schatten voraus. Vor diesem Hintergrund hatte der Bauernverband Lichtenfels die Direktkandidaten des Wahlkreises Kulmbach-Lichtenfels in die Peter-J.-Moll-Halle eingeladen. Es entspann sich eine lebhafte, mitunter sogar hitzige Diskussion über Bürokratieabbau, Auflagenwahnsinn und Lösungsansätze angesichts der Billigkonkurrenten aus dem Ausland.

Emmi Zeulner (34), die seit 2013 im Bundestag sitzt und für die CSU wieder ins Rennen geht, betonte in der Vorstellungsrunde, dass sie „als Kind des ländlichen Raums der Landwirtschaft verbunden“ sei, und sprach Ansatzmöglichkeiten zur Unterstützung und künftige Ausrichtung der Branche an. So bedürften die Genehmigungsprozesse bei Güllebauprojekten dringend einer Vereinfachung, sagte sie.

Erderwärmung begrenzen

Der Kulmbacher Martin Pfeiffer hob als Direktkandidat von Bündnis 90/Die Grünen das zentrale Ziel hervor, die Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf 1,5 Grad zu begrenzen. „Wir dürfen nicht so weiterwurschteln wie bisher, sonst geht es den Bach runter, und darunter leidet dann auch die Landwirtschaft“, betonte er. Man müsse noch mehr den Fokus auf Qualität setzen und von der Ausrichtung auf die Menge wegkommen, so Pfeiffer.

Theo Taubmann – der 65-jährige gelernte Finanzfachwirt tritt im Wahlkreis im September für die AfD an – sprach von einem seit 20 Jahren zu beobachtenden Kapitalentzug zu Lasten der Landwirtschaft. Er plädierte für eine Renationalisierung der Landwirtschaftspolitik und will dazu beitragen, dem Negativ-Marketing entgegenzuwirken, dem laut Theo Taubmann die Landwirte ausgesetzt seien.

Wie geht es mit dem Fleisch weiter?

„Der Fleischpreis ist teilweise geringer als Hundefutter. Das ist doch eine Katastrophe“, meinte Claus Erhardt, der Kandidat der FDP. Er sprach sich für eine Reduzierung des Fleischangebots aus, war sich aber auch bewusst, dass das nicht von heute auf morgen geschehen könne: „Das ist natürlich eine Aufgabe über Generationen.“

Tierschutz gehe ihm über alles, aber man müsse alles differenziert betrachten, hält SPD-Kandidat Simon Moritz aus Kulmbach Schwarz-Weiß-Denken für fehl am Platz. Die bürokratische Ebene wird nach seiner Auffassung zu wenig nach Betriebsgröße differenziert. Es herrsche derzeit „ein Missverhältnis der Förderung von kleinen und großen landwirtschaftlichen Betrieben“, so Moritz.

Großer Respekt

Da er selbst auf dem Dorf aufgewachsen sei, liege ihm die Landwirtschaft am Herzen, fand Jochen Bergmann als Direktkandidat der Freien Wähler – wie auch die übrigen Kandidaten – Worte der Wertschätzung und des Respekts angesichts der Leistung und gesellschaftlichen Bedeutung der Landwirte. Die derzeitige EU-Politik ist ihm ein „Dorn im Auge“; in die dort beschlossenen Regularien passe die Landwirtschaft gar nicht mehr rein. „Die Hälfte des Tages verbringen die Bauern mit Papierkram, hier muss entschlackt werden.“

Am Thema Bürokratieabbau kam man in der sich nach lockerer Einführungsrunde anschließenden, von Bauernverband-Kreisobmann Michael Bienlein engagiert und gelungen sachbetont moderierten Veranstaltung nicht vorbei. „Da ist es kein Wunder, wenn mancher die Segel streicht“, meinte in einer Wortmeldung ein 45 Milchkühe haltender Landwirt aus dem Bärental bei Weismain.

Bürokratie in der Kritik

Rund 30 Gäste, darunter viele Bauern, hatten die Gelegenheit genutzt, um per vorheriger Anmeldung der Podiumsdiskussion beizuwohnen. Viele Landwirte bemängeln die durch bürokratische Hürden und Auflagen nicht geringer werdende Perspektivlosigkeit. „Es muss wieder mehr Planungssicherheit hergestellt werden“, findet Bergmann. Ein Landwirt habe im Gespräch geschildert, dass es ihm nichts bringe, etwas auf 30 Jahre festzuzurren, wenn er noch nicht einmal weiß, wo er in vier Jahren steht.

Einige Landwirte aus dem Kreis der eingeladenen Gäste gewährten einen aufschlussreichen Einblick in ihre tägliche Arbeitswelt mit all den Schwierigkeiten und Herausforderungen anno 2021. Schweinebauer Thomas Quinger aus Zilgendorf, der einen Ferkelaufzuchtbetrieb betreibt, bedauerte: Das Geschehen auf dem Markt bestimmten die Supermärkte und die Großschlächter. „Die Politik müsste hier den Rahmen vorgeben, tut sie aber nicht“, kritisierte der Landwirt. Die Direktkandidaten der diversen Parteien mussten sich einige Unmutsbekundungen anhören. „Wir haben Politiker, die nicht weiter denken als ein DIN-A4-Blatt“ – dieser Zuruf eines Gastes spiegelte die Unzufriedenheit wieder.

Düngeverordnung kontraproduktiv

Ackerbaulandwirt Jochen Finkel ließ kein gutes Haar an der neuen Düngeverordnung, gemäß derer die Düngemenge auf den nitratsensiblen „roten Gebieten“ 20 Prozent unter dem durchschnittlichen Düngebedarf zu liegen habe. Das sei auf Dauer kontraproduktiv, so Finkel. „Das wäre in etwa so, wenn Sie, Frau Zeulner, bisher 1800 Kalorien zu sich nahmen und ab sofort sind es nur noch 1600 – mal sehen, wie lange Sie das aushalten.“

Gut ausgebildet seien die Landwirte in der Tat, betonte Rudi Steuer vom Verband für landwirtschaftliche Fachbildung. Dennoch bekommt freilich auch er die verzwickte Lage mit. „Wenn die Leute von der Schule kommen, sagen sie: ,Vater, ich kann keinen neuen Stall bauen, das rechnet sich nicht’.“ Hierüber müsse sich, so Steuer, die Politik Gedanken machen.

Das Themen Tierwohl und die unterschiedlichen unternehmerischen Sicht- sowie Herangehensweisen wie konventionell versus ökologisch kamen ebenso auf den Tisch. Die Kantinen dürften nicht länger auf Kosten der Fleischqualität „durchkalkuliert werden bis auf den letzten Cent“, nannte Pfeiffer von den Grünen ein Beispiel.

Vor allem wurde klar, dass Konsumenten und Landwirte nicht gegeneinander ausgespielt werden sollen, sondern im Dialog bleiben, sich zuhören und die Politik das ihre dazu beiträgt, dass Landwirtschaft wieder Freude bereitet.

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