Glosse
Stolz braucht Zeit
Lichtenfels – Frauen geben gerne Rätsel auf. Das hat Kai jetzt davon.

Kai ist ein kluger Kopf und neulich verbrachte er fast seinen ganzen Tag mit der Lösung eines Rätsels.

Er war mal sehr gut in Mathe und erzählt heute noch jedem, wie er in der Oberstufe Geometrie mitsamt Krümmungen, Wendepunkten und Ableitungen von Funktionen und all dem liebte, was einen im Leben auch nicht wirklich weiterbringt.

Sein Verhängnis begann damit, dass seine Freundin ihm kurz nach dem Mittagessen ein Problem stellte, das aus sechs Streichhölzern bestand. Sie bildeten zwei gleichschenklige Dreiecke und lagen nebeneinander.

Die Freundin sagte, dass, wenn er nur ein Streichholz verschöbe, er vier Triangel(n) rausbekomme und er sich zur Lösung Zeit nehmen solle, sie sei immerhin nicht ganz einfach.

Wenn er auf die Lösung käme, dann würde gekuschelt, aber wenn er nicht auf die Lösung käme, müsse er eine Woche lang den Abwasch machen.

Kai legte sich ins Zeug und hatte nach einer Stunde keinesfalls die Lösung. Auch nicht nach zwei Stunden. Wie er es auch anstellte und so oft er die Lage der Streichhölzer auch veränderte, nie bekam er vier Dreiecke aus den zwei vor ihm nebeneinander liegenden Dreiecken heraus.

Aber Kai hat halt auch Ehrgeiz und weil er ja immer von der Oberstufe und Geometrie, Krümmungen, Wendepunkten und Ableitungen von Funktionen sprach, probierte er es eben weiterhin.

Außerdem verbat ihm sein Stolz, jetzt aufzugeben und leichtfertig das Handtuch zu werfen.

Seine Freundin ging derweil mit dem Hund Gassi. Als sie wiederkam, war Kai immer noch damit befasst, so etwas wie eine Lösung hinzubekommen und verschärft wurde die Situation dadurch, dass seine Freundin ihm mitteilte, sie habe die Lösung schon nach Minuten gehabt.

Dann fragte sie ihn außerdem, ob eigentlich noch Geschirrspülmittel im Haus sei. Kai hat zwar Humor, aber er hat halt dummerweise auch einen verdammten Stolz und so probierte er es weiter, doch egal auch, wie er die sechs Streichhölzer gedanklich umplatzierte, draußen wurde es unweigerlich dunkel und eine Fernsehserie, an der er dummerweise hing, begann im Fernsehen.

Es war zum Verzweifeln für Kai, weil er doch in der Schule in Geometrie so gut war und Abitur zu all den Dingen machte, die ihn jetzt vor dem Abwaschmachen nicht bewahren würden.

Außerdem wollte er vor seiner Freundin nicht als Versager dastehen. Die teilte ihm mit, dass er doch einfach aufgeben und sich in sein Schicksal ergeben könne. Abgesehen davon müsste der Hund noch mal raus und sie sei es leid, dass das Gassigehen immer an ihr hängen bleibt. So wie der Abwasch.

Schweren Herzens und nach Stunden des Grübelns gab Kai entnervt auf und stellte sich der Schmach, in seinem Fach versagt zu haben. Seine Freundin näherte sich lächelnd dem Tisch mit den beiden Streichholz-Dreiecken und vergewisserte sich erst, ob er auch wirklich den Abwasch machen wird.

Dann legte sie vom ersten Dreieck das Streichholz des rechten Schenkels senkrecht auf die Grundseite und formte so die Zahl 4. „Vier Triangel(n)“, sagte sie ihm das Sehende gespielt fürsorglich vorlesend.

Dann versprach sie Kai, dass er den Abwasch ja erst am Folgetag zu machen bräuchte. Mit dem Hund musste er aber trotzdem noch raus.