Teilmobilisierung
Einberufung: Hier lebenden Russen droht die Front
Einberufungsbescheid steckt in der Wohnungstür
Rekrutierung über die Wohnungstür. Auch Deutsch-Russische Doppelstaatler bekommen einen Einberufungsbescheid. Saale-Zeitung/ Montage: Dagmar Klumb
Fotos: Saale-Zeitung
Angelika Despang von Angelika Despang Saale-Zeitung
Bad Kissingen – Was einem deutsch-russischen Staatsbürger aus Bad Kissingen droht, wenn er seine Eltern in seinem alten Zuhause besuchen will.

Eisige Kälte, feucht-klamme Stiefel, schlechte Ausstattung, stundenlanges Verharren in kleinen Erdlöchern – das ist zurzeit Alltag vieler russischer Soldaten an der Kriegsfront. Das könnte auch Igors (Name von der Redaktion geändert) Realität sein, wenn er seine Familie in Russland besuchen würde.

Kardiologe lebt seit fünf Jahren in Deutschland

Igor ist Kardiologe und lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Hier habe er mehr Möglichkeiten in verschiedenen Bereichen zu praktizieren und könne als Mediziner mehr lernen, sagt er. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum er sein Heimatland verlassen hat: „Bereits vor elf Jahren hat sich die politische Situation in Russland gewandelt. Ich habe gemerkt, dass es immer schlechter wurde mit demokratischen Strukturen und freier Meinungsäußerung“, erzählt Igor.

Als dann 2012 die Proteste nach den Präsidentschaftswahlen niedergeschlagen wurden, hat Igor langsam mit dem Gedanken gespielt, auszuwandern. Er war als Kind oft in Deutschland, seine Großeltern sind schon lang hier. Als Spätaussiedler hat er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Einberufung trotz Staatsbürgerschaft

Jetzt lebt der 40-Jährige mit Frau und Kindern in Bad Kissingen – und hat im Zuge der Teilmobilisierung ein Einberufungsbescheid der russischen Armee bekommen. „Ich habe noch eine Wohnung in Russland, da steckte eines Tages der Bescheid in der Tür – mein Vermieter hat mir ein Foto geschickt.“

Jetzt hat Igor Angst, seine Eltern zu besuchen, weil er befürchten muss, eingezogen zu werden. „Ich denke, meine Unterschrift ist gefälscht worden, weil man normalerweise einwilligen muss, bevor man eine Einladung bekommt.“ Igor macht sich Sorgen, ob er schon auf einer Liste registriert ist – dann müsste er sich beim Militär melden, sobald er russischen Boden betritt.

Russische Freunde haben Angst oder sind geflüchtet

Viele seiner Freunde in Russland haben einen Einberufungsbescheid bekommen und befürchten nun, von der Polizei aufgegriffen zu werden: „Man muss nicht unterschreiben, aber oft wird man bei Polizeikontrollen dazu gezwungen,“ erklärt Igor. Sein bester Freund will das Land trotzdem nicht verlassen und hofft, dass die Teilmobilisierung beendet wird. Ein anderer Bekannter ist Unternehmer und floh sofort nach Erhalt des Bescheids in die Türkei. Von dort aus versucht er nun sein Unternehmen zu leiten.

Eine Freundin von Igor ist Politikerin der Oppositionspartei Jabloko in Sankt Petersburg und konnte seit ihrer Wahl vor zwei Jahren trotz vieler Provokationen der putintreuen Stadtverwaltung ihre politischen Themen vorantreiben. Dann sind Bedrohungen durch die Regierung so massiv geworden, dass sie Anfang März in die Türkei geflüchtet ist.

Familien gespalten

„Die russische Gesellschaft ist tief gespalten“, ist Igors Eindruck. „Etwa sechzig Prozent der Russen finden, Putin macht alles richtig, vor allem die Älteren. Das führt zu vielen Diskussionen, Streit und Tränen innerhalb von Familien – da werden Beziehungen zerstört.“ Aber Argumente und Informationen aus seriösen Quellen bringen nichts, das wird als Propaganda des Westens abgetan.

Früher hat Igor auf Facebook gegen Putin gepostet, jetzt hat er die Beiträge gelöscht, aus Angst um seine Eltern.

„Die Menschen in Russland sind wie in einer Apathie. Sie sehen keine Perspektive. Sie können nicht protestieren, zum einen, weil es sehr gefährlich ist und zum anderen sehen sie keine Hoffnung darin. Weil Putin alle demokratischen Strukturen zerstört hat.“

Die Sanktionen würden für den Alltag in Russland keine große Rolle spielen, die Wirtschaft sei nicht im Keller und an hohe Preise haben sich die Menschen gewöhnt.

Vor Reisen nach Russland gewarnt

In den vergangenen Jahren konnte Igor mit den Kindern seine Eltern dreimal im Jahr besuchen, das ist momentan nicht möglich: „Das ist ein großes Problem für unsere Familie.“

Wie kann er als deutscher Staatsbürger sicher vor einem Zugriff sein, wenn er nach Russland einreist? Aus dem Auswärtigen Amt heißt es dazu: „Vor dem Risiko, dass deutsch-russische Doppelstaater bei einem Aufenthalt in Russland in die russischen Streitkräfte einberufen werden könnten, warnen wir bei unseren Reise- und Sicherheitshinweisen.“ Auf der Homepage wird von Reisen in die Russische Föderation abgeraten.

Kein Schutz vom Konsulat

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es weiter: „Da deutsch-russische Doppelstaater von russischer Seite ausschließlich als russische Staatsangehörige betrachtet werden, kann Betroffenen vor Ort auch kein konsularischer Schutz gewährt werden.“

Das hat Igor schon befürchtet: „Ich habe zwar die deutsche Staatsangehörigkeit, aber es spielt für Russland keine Rolle.“

Mobilisierung wird weiter gehen

Igor macht sich große Sorgen, wenn er an die Zukunft denkt: „Ich denke, dass die Mobilisierung mit kurzen Pausen fortgeführt wird – wenn es keinen Erfolg gibt, werden mehr Menschen eingezogen. Putin geht bis ans Ende, bloß weiß niemand, wo es ist.“

Er wünscht sich Frieden und dass Russland irgendwann wieder Teil der Weltgemeinschaft sein wird.

 

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