Corona-Demo
Coburg: Reihenweise Verstöße, aber kaum Polizei
Trotz Allgemeinverfügung trug so gut wie keiner der rund 650 "Spaziergänger" eine Maske. Die Polizei konnte aufgrund ihrer Unterzahl kaum einen Verstoß ahnden.
Trotz Allgemeinverfügung trug so gut wie keiner der rund 650 "Spaziergänger" eine Maske. Die Polizei konnte aufgrund ihrer Unterzahl kaum einen Verstoß ahnden.
Foto: S.Hackenberg, R. Lutz
Coburg – Offenbar war nicht genug Polizei in der Stadt, um die Allgemeinverfügung durchzusetzen. Die Stimmung war aggressiver als in den vergangenen Wochen.

Was sind Spielregeln wert, wenn kaum jemand da ist, der sie umsetzt? Zum ersten Mal seit dem Beginn der Montagsdemonstrationen hat die Stadt Coburg eine Allgemeinverfügung für die nicht angemeldeten "Spaziergänge" festgelegt, um wie Coburgs Oberbürgermeister betonte, "einen Gleichklang zwischen denjenigen herzustellen, die sich an die Spielregeln halten und denen, die es nicht tun." Doch das ging gehörig schief.

Eine lose Gruppe junger Leute hatte unter dem Motto "Solidarische Pandemiebekämpfung statt Querdenken" zum Zeitpunkt des "Spaziergangs" eine Gegenveranstaltung auf dem Marktplatz angemeldet, um "Rechten und Querdenkern nicht kampflos die Straße zu überlassen" (siehe unten). Um zu verhindern, dass die Teilnehmer der beiden Lager aufeinandertreffen, errichtete die Polizei rund um den Marktplatz Blockaden.

Angemeldete Demo auf dem Marktplatz.
Angemeldete Demo auf dem Marktplatz.
Foto: S.Hackenberg, R. Lutz

Mehrmals hinderte eine Handvoll Polizisten 650 "Spaziergänger" daran, den Marktplatz zu betreten, wo rund 100 Gegendemonstranten warteten. Von beiden Seiten wurden Parolen gegrölt und sich gegenseitig provoziert. Dass sich die Stimmung im Vergleich zu den Vorwochen weiter aufgeheizt hat, lag spürbar in der Luft. Es kam zu mehreren Zwischenfällen. So störte eine Frau, die ganz offensichtlich dem Lager der "Spaziergänger" angehörte, die angemeldete Gegendemonstration auf dem Marktplatz. Schnell wurde sie von einigen Teilnehmern umzingelt, was die Dame dazu veranlasste, lautstark in der Gegend herumzubrüllen, bevor sie ankündigte, dann jetzt eben Schutz bei den "Bullen" zu suchen.

Ein Mann, der eine Jacke mit der Aufschrift "National Revolutionär Sozialistisch, Der III. Weg" trug, bepöbelte minutenlang Polizeibeamte auf dem Marktplatz und ging erst, nachdem er von den Gesetzeshütern mehrmals dazu aufgefordert wurde.

"Die Lage war dynamischer als wir gedacht haben und teilweise kritisch", zeigte sich der Einsatzleiter der Polizei überrascht. "Es ist nur gut gegangen, weil die Kollegen schnell reagiert haben." Doch auch ihm war klar: Wenn 650 Menschen mit Gewalt versucht hätten, eine Polizeiblockade aus vier bis fünf Mann zu durchbrechen, hätten sie es geschafft. Verstöße auch nur annähernd zu ahnden, sei schlicht nicht möglich gewesen, da man genug damit zu tun hatte, die sich gegenseitig aufstachelnden Lager auseinanderzuhalten.

Ein Anhänger des "III. Weges" bepöbelte Polizisten.
Ein Anhänger des "III. Weges" bepöbelte Polizisten.
Foto: S.Hackenberg, R. Lutz

Auf die Frage, ob diesmal denn keine Verstärkung aus Bamberg gekommen war, antwortete der Einsatzleiter knapp: "Nein." War vor einer Woche noch die Bereitschaftspolizei aus Bamberg mit mehreren Bussen angerückt, waren die Coburger Einsatzkräfte am gestrigen Montag fast auf sich alleine gestellt. Lediglich das Polizeipräsidium Oberfranken hatte Verstärkung geschickt. Stadt-Pressesprecher Louay Yassin war von dieser Tatsache nicht nur überrascht, sondern auch hörbar bedient. "Wozu erlassen wir eine Allgemeinverfügung, wenn dann kaum jemand da ist, der Verstöße ahnden kann?"

Verstöße gegen Maskenpflicht

Dass es der Polizei diesmal an Mannstärke fehlte, blieb auch den "Spaziergängern" nicht verborgen. Sie begingen Verstöße am laufenden Band und hörnten damit Stadt und Polizei. Masken wurden entweder gar nicht oder nur als Accessoire unter dem Kinn getragen. Außergewöhnlich viele "Spaziergänger" stärkten sich mit Kaffee. Andere aßen Äpfel, Würstchen und Pizza. Mütter, die ihre mit Lichterketten behangenen Kinder auf dem Arm trugen, lutschten Lollys - alles offenbar, um keine Maske tragen zu müssen.

Dass bei den "Spaziergängen" keine Hunde mitgeführt werden durften, juckte die Hundebesitzer unter den Teilnehmer ebenfalls wenig. "Unser Plan war es, zumindest die Maskenpflicht durchzusetzen", erklärt die Polizei . Doch daran war angesichts der Überzahl der "Spaziergänger" nicht zu denken.

Antifa-Mitglieder "sperren" eine Gasse.
Antifa-Mitglieder "sperren" eine Gasse.
Foto: S.Hackenberg, R. Lutz

Wo es ging, filmten die Einsatzkräfte die Menge. Gibt es eine Möglichkeit, die Verstöße nachträglich noch zu ahnden? Die Polizei: "In der Masse wahrscheinlich nicht." Das Material soll in den kommenden Tagen ausgewertet werden. Dann werde man sehen.

Der dringende Appell der Polizei: "Das oberste Gebot ist Sicherheit. Wir hoffen sehr, dass wir am kommenden Montag wieder zurück zu den friedlichen Veranstaltungen kommen, wie sie es bisher immer waren."

Die Polizei und die Stadt Coburg wollen die Vorkommnisse dieses Abends gemeinsam aufarbeiten. Louay Yassin: "Das muss besprochen werden."