Austritte
Die Coburger kehren der Kirche den Rücken
Homophobie-Vorwürfe, Missbrauchsskandale: Die katholische Kirche kommt nicht zur Ruhe. In Coburg sind im Januar doppelt so viele Menschen aus den christlichen Kirchen ausgetreten als ein Jahr zuvor.
Homophobie-Vorwürfe, Missbrauchsskandale: Die katholische Kirche kommt nicht zur Ruhe. In Coburg sind im Januar doppelt so viele Menschen aus den christlichen Kirchen ausgetreten als ein Jahr zuvor.
Foto: Barbara Herbst
Coburg – Im Januar sind fast doppelt so viele Menschen aus den christlichen Kirchen ausgetreten wie vor einem Jahr. Und der Trend scheint sich fortzusetzen.

Der Trend ist auch in Coburg unverkennbar: Bürger kehren in steigendem Maß den beiden großen christlichen Kirchen den Rücken und erklären ihren Austritt. 77 Austritte verzeichnete das Standesamt Coburg allein im ersten Monat des neuen Jahres, erklärt Michael Rodenburger als Amtsleiter auf Nachfrage.

In der traditionell lutherisch geprägten Vestestadt wurden 43 Austritte aus der evangelisch-lutherische Kirche beurkundet, 34 aus der römisch-katholischen. Der Trenz zum Austritt setzte sich im Februar laut Rodenburger sogar noch verstärkt fort. 91 Austritte verteilen sich sehr gleichmäßig auf die evangelisch-lutherische (45) und die römisch-katholische Kirche (46).Zu beachten dabei: das Standesamt Coburg ist nicht nur für die Stadt, sondern im Zuge der interkommunalen Zusammenarbeit auch für drei Landkreis-Gemeinden zuständig: Großheirath, Lautertal und Sonnefeld.

Sollte sich der Trend fortsetzen, dürfte die Zahl der Austritte jene der drei Vorjahre signifikant übersteigen. Schließlich wurden im Januar vor einem Jahr „nur“ 40 Austritte registriert, erläutert Rodenburger.

Eine Woche Vorlaufzeit

Reichlich Arbeit für die Mitarbeiter des Standesamtes bringt die Kirchenmüdigkeit der Coburger zwar mit sich – zu übermäßig langen Wartezeiten aber führe das bislang nicht. Nur rund eine Woche Vorlaufzeit müsse man einkalkulieren – trotz Corona-Fällen und urlaubsbedingten Abwesenheiten. Die Terminvereinbarung ist dabei telefonisch oder auch über einen Online-Zugang möglich. 32 Euro beträgt die Gebühr für jene, die ihren Kirchenaustritt auf dem Standesamt offiziell beurkunden lassen.

Beim Thema Kirchenaustritte registriert Rodenburger im Rückblick auf die vergangenen Jahre eine zyklische Bewegung mit Zu- und Abnahme. So wurden 2019 insgesamt bereits 435 Austritte beurkundet, 2020 dagegen mit 395 wieder etwas weniger. Im zweiten Corona-Jahr 2021 dagegen stieg die Zahl auf 531. „Wir haben immer wieder großen Wellen“, weiß Rodenburger und nennt dafür durchaus auch profane Anlässe: Im evangelisch-lutherisch geprägten Coburg steige die Zahl immer dann erkennbar an, wenn die Kirchgeld-Bescheide verschickt werden.

So sieht es in Bayern aus

Zum Vergleich: Bundesweit wurden 2019 insgesamt 539 509 Kirchenaustritt registriert, davon betrafen 272771 die katholische Kirche (Bayern: 78309) und 266738 die evangelisch-lutherische Kirche (Bayern 32482). 2020 waren es bundesweit 441 390, davon 221390 (Bayern: 66304) aus der katholischen und 222000 (Bayern: 26590) aus der evangelischen Kirche. Der Anteil der Katholiken lag 2020 in Bayern bei 46,9 Prozent der Gesamtbevölkerung (evangelisch-lutherisch: 17,2).

Die jüngste statistische Zahl zur Verteilung der Konfessionszugehörigkeit der Coburger Bürger, die das zuständige Landesamt verzeichnet, stammt übrigens vom letzten Zensus aus dem Jahr 2011. Denn die Standesämter sind zwar für die Beurkundung der Austritte zuständig, nicht jedoch für eine differenzierte Erfassung nach Konfessionszugehörigkeit.

Beim Zensus vom 9. Mai 2011 betrug der Anteil der Bürger mit römisch-katholischen Bekenntnis 19,8 Prozent (8131), der Bürger mit evangelisch-lutherischem Bekenntnis 53,3 Prozent (21876). Gegenüber der Volkszählung vom Mai 1987 war er damit um 16,3 (römisch-katholisch) sowie um 25,7 Prozent (evangelisch-lutherisch) rückläufig.

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