Sensibles Thema
Coburg diskutiert über Sterbehilfe
Hintergrund der aktuellen Gesprächsrunde in Coburg  sind die diversen politischen Debatten zum assistierten Suizid.
Hintergrund der aktuellen Gesprächsrunde in Coburg sind die diversen politischen Debatten zum assistierten Suizid.
CT-Archiv
F-Signet von Wolfgang Desombre Fränkischer Tag
Coburg – „Gehört mein Sterben mir?“ heißt eine Veranstaltung des Vereins „Lebensraum – ein Hospiz für Coburg“. Ein Theologe, ein Jurist und ein Mediziner nehmen Stellung.

Sterbehilfe ist in Deutschland ein sehr umstrittenes und heftig diskutiertes Thema. Wie sieht ein würdevolles Lebensende aus? Sollte man es selbst bestimmen dürfen? Könnte jemand dabei helfen?

Der Verein „Lebensraum – ein Hospiz für Coburg“ hatte sich dieses Themas angenommen und zum 2. Rundgespräch zum Thema „Gehört mein Sterben mir?“ ins Gemeindehaus Katharina-von-Bora eingeladen.

Zum Thema „Gehört mein Sterben mir?“ hatte der Verein „Lebensraum  –  ein Hospiz für Coburg“ eingeladen. Von links: Ludwig Frenking, Professor Johannes Kraft, Thomas Apfel und Dekan Stefan Kirchberger.
Zum Thema „Gehört mein Sterben mir?“ hatte der Verein „Lebensraum – ein Hospiz für Coburg“ eingeladen. Von links: Ludwig Frenking, Professor Johannes Kraft, Thomas Apfel und Dekan Stefan Kirchberger.
Desombre

Hintergrund des Gesprächs sind die diversen politischen Debatten zum assistierten Suizid. Als Gesprächspartner waren Dekan Stefan Kirchberger, Professor Dr. Johannes Kraft und Ludwig Frenking eingeladen. Damit waren ein Theologe, ein Mediziner und ein Jurist vertreten, um ihre jeweiligen Ansichten sehr interessierten Gästen darzulegen.

„Der Verein will das sensible Thema mit Experten diskutieren“, betonte Gastgeberin Helga Schadeberg,  geschäftsführende Vorsitzende von "Lebensraum-ein Hospiz für Coburg e.V."

Ergebnis von Umfragen zum Thema Sterbehilfe

Vier Fünftel der Deutschen stünden laut einer Umfrage der Sterbehilfe offen gegenüber und ein Drittel könnte sich sogar vorstellen, die aktive Sterbehilfe zu erlauben, stellte Thomas Apfel, Moderator des Abends und selbst Mitglied im Verein, der Diskussion voran. Nur zwölf Prozent seien für ein generelles Verbot der Sterbehilfe.

Kirchberger: Der sterbewillige Mensch sollte sich begleitet fühlen

So viel Freiheit wie möglich sollte die Gesetzgebung ermöglichen und somit auch jede Möglichkeit, sich präventiv beraten und schützen zu lassen, meinte Dekan Stefan Kirchberger. Er verdeutlichte: „Sterben an der Hand eines Menschen und nicht durch die Hand eines Menschen.“

Auf das Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Unantastbarkeit ging Professor Dr. med. Johannes W. Kraft, Facharzt für Innere Medizin, Geriatrie, Notfallmedizin und Palliativmedizin und zugleich Leiter der Fachklinik für Geriatrie, Rehabilitation und Palliativmedizin am Klinikum Coburg, ein.

Als junger Arzt habe er oft Menschen nach einem Suizidversuch behandelt. Oft seien diese Menschen froh gewesen, gerettet worden zu sein. „Dies wirft große Fragen auf, denn der Tod ist etwas Endgültiges.“

Haben Menschen Angst vor dem Tod oder vor dem Sterben?

Die Angst vor dem Sterben könne man dem Menschen nehmen, erklärte der Mediziner. Jurist Frenking meinte, es gebe Zustände, bei denen man Menschen helfen müsse, zu sterben. Der ehemalige Rechtsdirektor der Stadt Coburg sagte, das Strafgesetzbuch kenne den Tatbestand „Töten auf Verlangen“.

In der rechtlichen Grauzone

Das Bundesverfassungsgericht habe 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe für verfassungswidrig erklärt. Nach einem Urteil befinde sich der assistierte Suizid in der rechtlichen Grauzone. In einer Patientenverfügung könne die passive Sterbehilfe geregelt werden. „Bei schweren Krankheiten und dem ernsthaften Willen des Menschen, zu sterben, sollte man ihn nicht daran hindern, denn sonst würde sich das Leiden nur unnötig verlängern, erklärte Jurist Frenking.

Was ist passive Sterbehilfe?

Bei der passiven Sterbehilfe wird auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet. Bei der indirekten Sterbehilfe hingegen gehe es vor allem um Schmerzlinderung. Als aktive Sterbehilfe wird die Tötung durch Dritte bezeichnet. Dabei verabreicht ein Arzt dem Betroffenen auf Wunsch ein Mittel, das zum Tod führt.

Wem sollte Hilfe beim Sterben zugemutet werden?

Der Mensch müsse die Möglichkeit haben, einen selbstbestimmten Tod zu wählen, und er müsse es selbst machen können, betonte Dekan Kirchberger. „Wem will ich schließlich diese Dienstleistung zumuten?“ Er selbst wolle nicht in einer Gesellschaft leben, wo es ein Töten auf Bestellung gibt. Er hätte Probleme damit, wenn das etwa in einer kirchlichen Einrichtung wie dem Ernst-Faber-Haus angeboten würde, sagte der Geistliche.

In seinen 35 Jahren Berufserfahrung als Mediziner habe er niemals Routine in irgendeiner Form erlebt, und jeder Fall habe ihn persönlich betroffen, sagte Professor Kraft. Das Einstellen der Flüssigkeitsaufnahme sei kein grausamer Tod. Die Einrichtung von Sterbekliniken sei aber nicht der richtige Weg.

Schlussworte des Theologen, des Juristen und des Mediziners

„Muss die Problematik um die Sterbehilfe politisch entschieden werden?“ Diese Schlussfrage stellte Radio1-Moderator Thomas Apfel den Diskutanten. Die Politik sollte sich mit dieser schwierigen Frage beschäftigen, aber dennoch reichlich Spielraum bei individuellen Entscheidungen lassen, schlug der Dekan vor.

Kein starres Korsett sollte die Gesetzgebung vorgeben, sondern Freiräume lassen, forderte der Jurist. Lebensverlängernde Maßnahmen gegen den Willen des Betroffen müssten ausgeschlossen werden. Das Sterben müsse im vertrauten Raum und nicht im Strafrechtsraum erfolgen. Dies sei eine gesellschaftliche Aufgabe, betonte der Mediziner.

Mit einem Gesetz wird im Frühjahr gerechnet

Nach Angaben von Helga Schadeberg war die  Resonanz auf die Veranstaltung sehr gut. Es kamen mehr als 60 Zuhörer. Es war ein spannender, informativer Abend.

Die Fragestellung zum assistierten Suizid beschäftigt derzeit die Parteien des Bundestags. Mit einem Gesetz wird im Frühjahr gerechnet. 

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