Corona-Einsätze
Hohe Belastung: Die Polizei-Familien leiden mit
Die Bereitschaftspolizei ist am Limit. Und die größten Einsätze kommen erst noch.
Die Bereitschaftspolizei ist am Limit. Und die größten Einsätze kommen erst noch.
Foto: Franziska Schäfer/Grafik
Coburg – Immer mehr "Spaziergänge", das ist auch für das Umfeld der Beamten eine große Belastung. Und die größten Ereignisse 2022 stehen Bayern erst bevor.

Für viele war das wohl eine schöne Nachricht: Geisterspiele soll es in Bayern auch in der Bundesliga nicht mehr geben, die Corona-Regeln werden gelockert. Wo sich Fans und Vereine sicher freuen, stellen sich manche aber eine andere Frage: "Wer von uns soll da noch hin?" Uns - das sind die Bereitschaftspolizisten.

Seit Monaten arbeiten sie an der Belastungsgrenze, wegen der ausufernden Zahl der sogenannten "Spaziergänge" oder anderer Demos können schon nicht mehr alle Kundgebungen von der Bereitschaftspolizei begleitet werden (unsere Zeitung berichtete). Und: In naher Zukunft könnte die Situation noch dramatischer werden. Auf das Leben der Polizisten wirkt sich die angespannte Situation schon jetzt aus.

Belastend für Beziehungen

Am schlimmsten sei, dass man nicht planen kann, also auch nicht für das eigene Familienleben, sagt ein langjähriger Beamter der bayerischen Bereitschaftspolizei, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. "Normale Tagesabläufe sind schon alleine deshalb nicht möglich, weil eine Dienstplanung aktuell nur maximal drei bis vier Tage im Voraus möglich ist." Und mittlerweile sei, auch durch die "Spaziergänge" beinahe jeder Wochentag ein Einsatztag, auch das Wochenende.

Unverständnis im Freundeskreis, sogar Konflikte in der Familie seien die Folge: "Es ist schon oft ganz schön, wenn man unter der Woche öfters frei hat, weil man an Wochenenden arbeiten musste. Viele Kollegen erleben dies unterschiedlich. Wenn deine Partnerin feste Arbeitszeiten hat und jeden Abend ab 17 oder 18 Uhr zuhause ist und du viermal pro Woche Dienst vom Nachmittag bis nach Mitternacht hast, dann belastet das die Beziehung ungemein. Wenn du kleine Kinder hast und dein Partner in Elternzeit zuhause ist, dann sind so unregelmäßige Dienste ganz vorteilhaft - das haben aber die wenigsten. Für viele ist es eine große Belastung. Und verlässliche Zusagen, an Familienzusammenkünften dabei zu sein, gibt es nicht."

Aber wie organisiert man dann das eigene, das engste Familienleben, mit den Kindern, dem Mann oder der Frau? "Tja - am Besten geht das eigentlich nur, wenn der Partner zuhause ist oder gar nicht beruflich gebunden. Aber - wer hat das schon?"

Noch nicht einmal bei wichtigen Terminen, zum Beispiel wenn man zum Facharzt müsse, kann man sicher sein, dass man nicht doch im Dienst sein muss. "Dann muss man versuchen, diese Freizeit über einen Urlaubstag zu erreichen. Dies geht aber auch nur, wenn die Urlaubsquote von 15 Prozent des konkreten Personalkörpers nicht schon ausgeschöpft ist."

Schluss nach 17 Jahren

Das bestätigt auch Ralph Küttenbaum, von der Gewerkschaft der Polizei. "Ich war selber 17 Jahre bei der Bereitschaftspolizei . Und selbst in normalen Zeiten ist das schwierig für das Umfeld. Ich wurde zum Beispiel am Ende nie von Freunden oder Bekannten zu Feiern eingeladen. Du kommst halt, wenn du kommst, haben sie gesagt. Dich einladen bringt eh nichts." Er selber habe nach 17 Jahren seinen Dienst in der Einsatzeinheit beendet. "Als mein Sohn auf die Welt kam. Da habe ich gewechselt. Weil mir klar war, dass das sonst sehr schwer werden würde."

Große Einsätze stehen an

Im Moment hätten die Beamten nur einen "Rettungsanker" für die Erholung oder das Familienleben, sagt der Bereitschaftspolizist, der seinen Namen nicht lesen möchte. "Einmal im Monat bekommen wir ein sogenanntes gesichertes Wochenende. Und alle Zuständigen sind auch sehr bemüht, das nicht anzutasten." Ob diese Wochenenden aber auch in Zukunft frei bleiben können, bezweifelt er.

Denn nicht nur die Spiele im Profi-Fußball kommen nun als Einsätze hinzu. In absehbarer Zeit warten noch ganz andere Kaliber auf die Bereitschaftspolizei: Vom 18. bis zum 20. Februar steht die Münchner Sicherheitskonferenz mit hochrangigen Staatsgästen aus aller Welt an. Und vom 26. bis zum 28. Juni ist auf Schloss Elmau im Landkreis Garmisch der G7-Gipfel. Der war genau dort schon ein Mal, 2015. Damals waren zur Absicherung 17.000 deutsche Polizisten im Einsatz. "Ob sich dann freie Wochenenden halten lassen, ist mehr als fraglich."

Und dabei ist die Belastung bereits seit Ende November so hoch, wie sie jetzt ist. "Die Einsatzzeiten kommen dann schon einmal auf 60 bis 70 Stunden in der Woche." Im laufenden Jahr 2022 habe die Bereitschaftspolizei in Bayern schon so viele Einsätze gehabt wie sonst in vier Monaten.

Motivation sinkt

Und das alles wirke sich langsam auch auf die Motivation aus, sagt Ralph Küttenbaum. "Die Kolleginnen und Kollegen sind hoch motiviert und leisten diese Arbeit gern. Aber wenn es zu viel wird, sinkt natürlich auch hier die Einsatzbereitschaft. Wenn man sich die nächsten Monate ansieht, fragt man sich schon wie das noch zu leisten sein soll. Denn wichtig ist: Es muss auch immer wieder freie Phasen geben! Auch unsere Kolleginnen und Kollegen haben es sich verdient, am normalen sozialen Leben teilzuhaben!"

Die Gewerkschaft der Polizei fordere deshalb schon seit langem, dass die Einsatzstärken bei der Bereitschaftspolizei wieder deutlich angehoben werden: "Im Moment sind 27 oder 28 Beamte in einer Einsatzeinheit. Wird fordern eine Anhebung auf 33 sowie mindestens 30 statt wie im Moment 24 Einsatzzüge. Die Bereitschaftspolizei bekommt allenthalben Dank und anerkennende Worte für die flexible und professionelle Einsatzunterstützung bei den örtlichen Polizeidienststellen. Wenn es aber darum geht, das Personal zu verteilen, dann denkt jeder Polizeiverband nur an sich. Dadurch wurden die operativen Einsatzeinheiten in den letzten zehn Jahren um fast 20 Prozent gekürzt. Und jeder, der fehlt, tut weh."

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