Aus Wohnung gerettet
Die 116 Trauma-Katzen von Diepersdorf
Die Katzen wurden auf mehrere Tierheime aufgeteilt.
Verwirrt, verstört und verletzt - Die retteten Katzen wurden auf mehrere Tierheime aufgeteilt.
Foto: Stefan Moderow
Jochen Nützel von Jochen Nützel Bayerische Rundschau
Kulmbach – In einem Haus entdeckt die Feuerwehr massenhaft Katzen. Einige davon sind jetzt in den Tierheimen Kulmbach und Bamberg gelandet.

Animal Hoarding: So lautet der Fachbegriff für Menschen, die sich zwar für Tierfreunde halten, denen aber ihre Lieblinge irgendwann über den Kopf wachsen, weil es im Lauf der Zeit zu viele werden und die adäquate Versorgung nicht mehr zu gewährleisten ist. Private Massentierhaltung quasi.

Ein solcher Fall beschäftigt derzeit das Veterinäramt im Nürnberger Land - und das Kulmbacher Tierheim, denn: Einige der Schützlinge sind bei Leiterin Carina Wittmann und ihrem Team gelandet. Es handelt sich um zehn Katzen im Alter von zwei bis drei Jahren, die derzeit in der Quarantänestation versuchen, die Geschehnisse zu verarbeiten.

"Schlimmster Fall der Vereinsgeschichte"

Das Ausmaß hat offenbar selbst hartgesottene Tierretter überrascht. So berichtet Petra Hluchy, die stellvertretende Leiterin des Tierheims Feucht, von einem "extremen Fall" in ihrem Landkreis. Bei den Unterstützern des Hersbrucker Tierheims heißt es sogar, die Helfer hätten den "schlimmsten Animal-Hoarding-Fall der Vereinsgeschichte" zu verarbeiten. Demnach wurden die Tierschützer am Sonntag vor einer Woche zu einem Mehrfamilienhaus in der Gemeinde Leinburg gerufen. Die Feuerwehr war wegen eines großen Wasserschadens bereits vor Ort im Einsatz - und stieß dabei zufällig in einer etwa 60 Quadratmeter großen Wohnung auf 116 Katzen, die dort auf engstem Raum lebten. Die Mieterin, eine 60-Jährige, war nicht vor Ort.

Eine der verstörten Katzen, die aus einer Wohnung bei Nürnberg gerettet wurden und im Kulmbacher Tierheim gelandet sind.
Eine der verstörten Katzen, die aus einer Wohnung bei Nürnberg gerettet wurden und im Kulmbacher Tierheim gelandet sind.
Foto: Carina Wittmann

Nach Schilderung der Einsatzkräfte sei es aufgrund des Gestanks, verursacht durch Exkremente und des dadurch in der Luft wabernden Ammoniaks, nur mittels Atemschutz überhaupt möglich gewesen, die beiden Zimmer mit den Stubentigern zu betreten. Die meisten Tiere seien durchnässt und völlig verstört gewesen, schildert die Polizei.

"Sie stanken fürchterlich"

"Wie lange dieser Zustand, in dem die Katzen so qualvoll leben mussten, andauerte, wissen wir nicht", schreibt das Hersbrucker Tierheim über die Aktion. Die Rettung habe sich schwierig gestaltet, da die verängstigten Vierbeiner sich hinter Schränken und unter Möbeln versteckt hätten. "Die armen Tiere stanken fürchterlich", notiert das Tierheim Feucht. Klar war, dass die Katzen schnellstens aus dieser Situation befreit werden mussten. Doch die Tierheime in der unmittelbaren Umgebung waren mit der Aufnahmen aller 116 Tiere auf einen Streich schier überfordert.

Misstrauisch und erschöpft
Misstrauisch und erschöpft
Foto: Stefan Moderow
Sie müssen erst wieder aufgepäppelt werden.
Sie müssen erst wieder aufgepäppelt werden.
Foto: Stefan Moderow
Die Tiere sind in schlechtem Zustand
Die Tiere sind in schlechtem Zustand
Foto: Stefan Moderow
Die Katzen wurden auf mehrere Tierheime aufgeteilt.
Die Katzen wurden auf mehrere Tierheime aufgeteilt.
Foto: Stefan Moderow
Die Helferinnen hatten viel zu tun.
Die Helferinnen hatten viel zu tun.
Foto: Stefan Moderow
Die traumatisierten Tiere mussten alle sicher verstaut werden.
Die traumatisierten Tiere mussten alle sicher verstaut werden.
Foto: Stefan Moderow
Großaufgebot bei der Rettungsaktion in Diepersdorf
Großaufgebot bei der Rettungsaktion in Diepersdorf
Foto: Stefan Moderow

Hier kommen die Tierschutzvereine aus Bamberg und Kulmbach ins Spiel. Sieben Katzen fanden eine kurzfristige neue Bleibe im Bamberger Tierheim Berganza. "Wir glauben aufgrund des Aussehens, Alters und wie sich uns die Sieben präsentieren nicht, dass sie eingesammelte Katzen sind", schreibt der Bamberger Tierschutzverein auf seiner Facebookseite. Die Tiere sähen nach erster Inaugenscheinnahme aus wie Verwandte, die aus einer unkontrollierten Vermehrung stammten. Das sei jedoch vorläufig eine Vermutung. Man suche dennoch nach möglichen Besitzern.

Schwer traumatisiert

Zehn weitere Katzen fanden den Weg ins Kulmbacher Tierheim. "Wir haben eine Nachricht über die Sicherstellung der Katzen bekommen, verbunden mit der Frage, ob wir einige der Tiere aufnehmen könnten", sagt Tierheimleiterin Carina Wittmann. Die Tiere seien körperlich in einem durchaus guten Zustand. "Doch sie sind schwer traumatisiert aufgrund der wohl über Jahre vorherrschenden Situation bei ihrer Halterin." Offenbar haben die Tiere die Wohnung nie verlassen können.

Die Quarantänestation des Tierheims ist damit sozusagen auf einen Schlag gefüllt. "Unsere Kapazität gibt das aber her", sagt Carina Wittmann. Um die zusätzlichen Schützlinge kümmern sich in erster Linie ihre Stellvertreterin Angelika Enzmann sowie die ehrenamtlichen Helfer. "Das bekommen wir hin."

In Behandlung

Zu den Geretteten gehören sieben Kater und drei Katzendamen, fast alle zwischen zwei und drei Jahre alt. "Die Tiere waren nicht kastriert und brachten einen ordentlichen Flohzirkus mit", beschreibt Carina Wittmann die Lage. "Man merkt ihnen an, dass sie die Situation in der Wohnung und auch ihre nicht gerade einfache Rettung durch die Feuerwehr emotional erst einmal verkraften müssen. Sie liegen teilnahmslos am Boden, sind extrem scheu und fauchen, sobald wir uns ihnen nähern."

Die Tiere wurden mittlerweile bei Tierärztin Sonja Büttner in Kulmbach zur Untersuchung und Behandlung vorgestellt. Eine Kastration ist bereits erfolgt, ebenso eine Registrierung per Chip.

Vermittlung noch kein Thema

Die Kosten für die Unterbringung, Versorgung und medizinische Betreuung trägt, da es sich um eine Sicherstellung handelt, zunächst das zuständige Veterinäramt. Inwiefern sich die Behörde bei der Erstattung an die Halterin wenden kann, müsse noch geklärt werden.

An eine Vermittlung ist derzeit noch nicht zu denken, zumal noch keine Freigabe des zuständigen Veterinäramts Nürnberger Land vorliege. Immerhin stehe in Aussicht, dass - anders als bei den jüngst geretteten Französischen Bulldoggen - die Katzen wohl nicht mehr zu ihrer Besitzerin zurückmüssen.

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Das droht der Halterin

Was die 60-Jährige als Strafe fürchten muss? Da gehen die juristischen Meinungen auseinander. Einen besonderen Paragrafen für Tierhortungsfälle gibt es im deutschen Gesetz nicht, doch der Tatbestand der Tierquälerei lässt sich bei schweren Fällen durchaus anwenden. Das Strafgesetzbuch sieht als Strafmaß eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe bis zu 360 Tagessätze vor. Das deutsche Tierschutzgesetz erlaubt nach Paragraf 17 sogar noch höhere Strafen: Demzufolge wird auf das Töten eines Tieres oder das unnötige Zufügen von erheblichem Schmerz und Leid eine Freiheitsstrafe bis drei Jahre angedroht.

Allerdings handelt es sich bei Animal Hoardern oft um Menschen, die psychisch krank sind. Das Krankheitsbild wird in Fachkreisen mit dem des Messie-Syndroms verglichen. In den allermeisten Fällen werden solche Personen deswegen in letzter Instanz auch nicht juristisch belangt, sondern bekommen ärztliche Hilfe. Nach Angaben des Deutschen Tierschutzbundes wäre es immerhin sinnvoll, aus Sicht der Tiere die Betroffenen mit einem lebenslangen Tierhalteverbot zu belegen, denn: Die Rückfallquote in alte Muster und damit ein weitere Tierhortung liege in solchen Extremfällen bei annähernd 100 Prozent.

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