Raubtiere
Die Angst vor Wolfsrudeln in der Rhön
Vor allem Nutztierhalter und Jäger in der Rhön fürchten, dass aus den vereinzelt nachgewiesenen Wölfen bald ganze Rudel werden. Hier spazieren einige Tiere im Bayerwald-Tierpark in Lohberg durchs Gehege. Foto: Armin Weigel/dpa
Vor allem Nutztierhalter und Jäger in der Rhön fürchten, dass aus den vereinzelt nachgewiesenen Wölfen bald ganze Rudel werden. Hier spazieren einige Tiere im Bayerwald-Tierpark in Lohberg durchs Gehege. Foto: Armin Weigel/dpa
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LKR Bad Kissingen – Eine Wölfin in der Rhön. Nutztierhalter und Jäger fürchten, dass sich nun ein Rudel gründet. Welche Gefahren drohen und wie Experten sie einschätzen.

Eine sesshafte Wölfin in der Rhön. Dazu ein paar schwer nachzuweisende Durchwanderer. Das ist nichts, was Enno Piening Schweißperlen auf die Stirn treibt. Sorgen würde sich der Bad Kissinger Anwalt, der als unterfränkischer Vorsitzender des Jagdverbandes Bayern fungiert, erst, wenn sich zum Weibchen (Fähe) ein Rüde gesellen sollte. Und ein Rudel entsteht. Dann hätte das aus jagdlicher Sicht schwer zu kontrollierende Folgen. Ähnliche Sorgen treiben viele Nutztierhalter um.

"Wenn der Wolf sich festsetzt, verändert das das Verhalten des Wildes. Das erschwert die Bejagung dramatisch", ist Piening überzeugt. Sollte sich ein Wolfsrudel bilden, verenge das die Lebensräume. Das Rotwild, also Hirsch und Hirschkuh, ziehe sich dann mehr in den Wald zurück, sammle sich in größeren Verbänden, um dem großen Beutegreifer zu entgehen. Das zeigten Erkenntnisse aus Brandenburg, wo das Leben mit dem Wolf nicht mehr lustig sei.

Nutztiere sind leichte Beute für den Wolf

Enno Piening kritisiert auch, dass das geschützte Tier sich überall ausbreiten dürfe, anders als das Rotwild, das nur in bestimmten Gebieten geduldet sei. Außerhalb derer muss es erlegt werden. Die Rhön sei eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Ziegen und Schafe werden eingesetzt, um die Kuppen vor Verbuschung oder gar Bewaldung zu bewahren. Solche Nutztiere seien leichte Wolfsbeute. Piening kennt selbst einen Wanderschäfer, der Angst vor weiterer Zuwanderung hat.

Fakt ist: Die Rhön stellt (noch) kein ausgesprochenes Wolfsland dar. Den ersten fotografischen Nachweis registrierte das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) in Augsburg laut seiner Monitoring-Übersicht erst am 22. Juni 2018. Ein zweiter folgte Mitte Juli desselben Jahres.

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Der erste genetische Nachweis eines weiblichen Wolfes, einer sogenannten Fähe, gelang eine Woche später, am 23. Juli 2018, im westlichen Landkreis Rhön-Grabfeld. Das Tier, das von einem Elternrudel in Storkow/Brandenburg abstammt, erhielt die Bezeichnung GW1069f.

Da GW1069f am 19. März 2019 an einem Wildtierriss in der Rhön erneut genetisch erfasst wurde, stuften es die Wildtierexperten als standorttreu ein. Am 28. Februar 2020 gelang der letzte Gen-Beleg des Weibchens; seitdem fehlt von ihm jede Spur. So verlor die Wölfin nach Ende des Monitoringjahres 2020/21 am 30. April 2021 den Status der Standorttreue. Ob das Tier verendet oder weitergezogen ist, bleibt einem Sprecher des LfU zufolge unklar. Für Nachwuchs fehlen Belege.

Durchziehende Einzeltiere

Dafür tauchte am 30. Oktober 2021 eine andere Fähe in der nördlichen Bayrischen Rhön auf. GW1422f wurde genetisch nachgewiesen an Nutztierrissen. In Hessen war sie seit 2019, in Thüringen seit 2020 bekannt. Zu diesen eindeutigen Nachweisen kommen in jüngster Zeit immer wieder Sichtungen durchziehender Einzeltiere und mysteriöse Risse an Wald- und Nutztieren, bei denen sich der Wolf als Täter aber kaum faktenfest belegen lässt.

Reicht das, um die Entstehung eines Rudels in der Rhön vorherzusagen? Biologe Torsten Kirchner, Gebietsbetreuer im Naturschutzgebiet Lange Rhön für die Bayerische Wildlandstiftung, glaubt, "dass eine Verpaarung irgendwann ansteht". Eigentlich könne das jedes Jahr passieren. Kirchner hatte mit einer Rudelbildung schon bei der ersten sesshaften Wölfin (GW1069f) und einem durchziehenden Rüden gerechnet. Was aber nicht eingetreten sei.

Dass es in der Rhön ein Wolfsrudel geben könnte, dafür fehlen auch laut LfU die Belege. "Aussagen über eine Wahrscheinlichkeit zur dauerhaften Ansiedlung, zu Verpaarung, Nachwuchs- und Rudelbildungen sind nicht möglich", schreiben dessen Wildtierexperten. "Finden Einzeltiere keinen geeigneten Partner, kommt es auch dazu, dass sie die ihnen bekannten Gebiete verlassen." Bei GW1069f könnte es so gewesen sein (falls sie noch lebt).

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Der "Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf" zufolge entstehen neue Wolfsrudel, "indem junge Wölfe aus dem elterlichen Territorium abwandern und mit einem Partner eine eigene Familie gründen". Viele Wölfe würden nur 50 bis 100 Kilometer umherziehen, quasi den nächsten freien Platz nutzen, um sich niederzulassen.

Einige Jungwölfe - in Deutschland besonders häufig Weibchen - würden auch das Territorium der Eltern ganz oder teilweise übernehmen, wenn diese älter werden oder einer von beiden stirbt. Unabhängig von standortreuen Tieren können laut Umweltamt gerade junge Rüden auf der Suche nach einem geeigneten Territorium sehr weite Strecken wandern und so jederzeit überall in Bayern auftauchen.

Rudelgröße hängt vom Nahrungsangebot ab

Laut LfU hängt die Größe eines Rudel-Territoriums von der dort erhältlichen Nahrung ab. Diese Reviere umfassen in Europa im Schnitt zwischen 150 und 350 Quadratkilometer. Durch regelmäßige Markierungen (Kot, Urin) und Heulen grenzt das Elternpaar sein Territorium gegen andere geschlechtsreife Wölfe ab. Dort siedeln sich keine anderen dieser Raubtiere an.

Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie führt neben vier Einzelgängern (inklusive GW1422f) ein Wolfspaar und ein Rudel auf. Das Paar ziehe im Landkreis Hersfeld-Rotenburg seine Kreise. 80 Kilometer sind es von dort bis zur Langen Rhön. Ein Rudel mit Welpen wurde nachgewiesen im Rheingau-Taunus-Kreis. Entfernung zur Rhön: fast 200 Kilometer. Ein Kontakt scheint bei den weiten Wanderungen der Wölfe jedoch nicht ausgeschlossen.

Das LfU schreibt, dass ein Wolf in der Regel die für ihn am leichtesten zugängliche Nahrung nutzt. "Deshalb bevorzugt er, wenn möglich, weniger wehrhafte Beutetiere (Jungtiere oder alte, kranke und schwache Tiere). Auch unzureichend geschützte Nutztiere können so zur Beute werden."

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Ein Sprecher macht auf eine Studie aus der Schweiz aufmerksam, die verändertes Jagdverhalten in der Familie belegen. " Wölfe in Rudeln, die Dank der Rudelstruktur erfolgreicher jagen können, bevorzugen Wildtiere", heißt es im Internetauftritt des Zoos Zürich. Ein stabiles Rudel sei "eine gute Voraussetzung für weniger Nutztierrisse, da das Rudel einerseits bevorzugt Wildtiere jagt und anderseits einzelgängerische Wölfe aus dem Gebiet fernhält".

Torsten Kirchner will diesen Zusammenhang so nicht bestätigen. Er glaubt, dass es von den ersten Erfahrungen eines Wolfes abhängt, ober auf Wild- oder Nutztierbeute geht. Wenn es an einem Schutzzaun eine gewischt bekomme, merke sich das Tier das sicherlich.

Von der ersten sesshaften Wölfin (GW1069f) ist dem Gebietsbetreuer nicht bekannt, dass sie Nutztiere gerissen hat (außer ein herrenloses Schaf, das frei herumlief). GW1422f hingegen sei zum Einstand in Rhön-Grabfeld eine Ziegenherde angegangen.

Jäger Enno Piening sieht die auch die vom LfU angepriesenen Schutzzäune wegen der hohen Kosten kritisch. Er zweifelt den aktuellen Schutzstatus des Wolfes angesichts der bundesweit großen Anzahl an. Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber fordert gar dessen Abschuss in Oberbayern, weil er dort die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährde. Piening hingegen möchte den Wolf sicher nicht ausmerzen. Aber ihn zu verherrlichen, findet er auch nicht richtig.