Corona-Spätfolgen
30 Jahre alt und Diagnose Post-Covid
Viele Menschen in Deutschland leiden an Long- oder Post-Covid.
Viele Menschen in Deutschland leiden an Long- oder Post-Covid.
Foto: StockPhotoPro, stock.adobe.com / Grafik: Artulina, stock.adobe.com
Bad Kissingen – Bluthusten, Atemnot: Jeder dritte Covid-19-Patient leidet an Spätfolgen, so wie Lisa Schneider. Doch die wenigsten suchen Hilfe in Reha-Kliniken.

Lisa Schneider ist eine von mehr als 6,6 Millionen Menschen, die bislang in Deutschland an Covid-19 erkrankt waren. Wie die meisten Patienten hat die 30 Jahre junge Frau die Erkrankung zuhause durchgestanden. "Ich hatte fünf Tage lang sehr hohes Fieber und Atemnot", berichtet sie. Sie leidet an chronischem Asthma. Dass sie einen schwereren Krankheitsverlauf hatte, führt sie auch darauf zurück.

Ihre Gesamtverfassung sei schlecht gewesen. Ihre Medikamente schlugen nicht an, sie hatte Bluthusten. Täglich telefonierte sie mit ihrem Lungenfacharzt, hätte sich am liebsten in eine Klinik einliefern lassen. Das war im April letzten Jahres. Richtig gut, geht es ihr bis heute nicht. "Drei Wochen später war ich immer noch richtig platt und erschöpft", erzählt sie.

Lisa Schneider
Nach einer Corona-Erkrankung nehmen die Beschwerden von Lisa Schneider wieder zu. Die Diagnose: Post-Covid-Syndrom.
Foto: Dominic Kirmes

Die Auswirkungen schränken die Burkardrotherin in ihrem normalen Alltag ein. Zu Singen fällt der Musikerin schwer, Sport vermeidet sie, genauso wie Treppensteigen. "Mir war das lange nicht bewusst. Ich habe mir Ausweichmöglichkeiten gesucht und mir immer Ausreden zurechtgelegt", sagt Schneider.

Vier Monate nach der Infektion wurden die Symptome wieder schlimmer. Sie bekam Asthmaanfälle, die Erschöpfungszustände verschlechterten sich. Als sie Herzrasen bekam, suchte sie sich voller Panik medizinische Hilfe. Sie erhielt die Diagnose "Post-Covid-Syndrom". "Ich hatte erst gar nicht daran gedacht, dass das mit der Viruserkrankung zusammenhängt", meint sie.

Ausreichend Reha-Plätze für Long-Covid-Patienten

Dr. Harald Berger ist der medizinische Leiter im Klinikverbund der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Nordbayern. Er geht davon aus, dass bis zu 30 Prozent aller Covid-19-Patienten nach der akuten Krankheitsphase Probleme mit Long-Covid oder Post-Covid haben. Long-Covid meint dabei, dass Patienten bis zu 12 Wochen nach der Erkrankung Beschwerden zeigen, Post-Covid meint die Symptome, die darüber hinaus bestehen. "Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die ziemlich an Long- und Post-Covid leiden", sagt Berger.

Harald Berger
Harald Berger ist medizinische Leiter im Klinikverbund der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Nordbayern.
Foto: flownet Claus Speier/ CAO Photographie

Er unterscheidet zwei Gruppen an Betroffenen. Da sind die Patienten (etwa acht Prozent), die einen so schweren Krankheitsverlauf hatten, dass sie in einem Krankenhaus behandelt werden mussten. Diese Patienten werden nach der Akutphase automatisch für Anschlussheilbehandlungen in Rehakliniken verlegt. Weil sie weiter medizinisch betreut werden, können Spätfolgen schneller erkannt und behandelt werden.

"Problematischer ist es bei Patienten, die Covid zuhause wie eine Grippe durchgemacht haben", sagt Berger. Er sieht das Risiko, dass sich Long- und Post-Covid-Betroffene nicht richtig erholen. Stattdessen müssten sie sich immer wieder und für längere Zeit krankschreiben lassen.

Lesen Sie dazu:

Auf die Idee, sich medizinisch Hilfe zu holen und eine Reha zu beantragen, kommen viele nicht. Auch, weil das Bewusstsein in Bezug auf Corona dafür bisher fehlt. "Wenn man nur zuhause sitzt und nichts macht, dann verbessert sich auch nichts", sagt der Arzt.

Reha-Anträge bei der Rentenversicherung stellen

Sowohl Patienten als auch die Hausärzte müssten für das Problem sensibilisiert werden. "Das ist ein Appell, dass die Leute sich für eine Reha melden sollen." Arbeitnehmer stellen einen Reha-Antrag bei der Rentenversicherung, Rentner bei der Krankenkasse.

"Wir sehen momentan keinen Mangel an Rehaplätzen. Wir können zeitnah Plätze zuweisen", sagt er. Menschen mit Post- oder Long-Covid zeigen die unterschiedlichsten Krankheitsbilder: Von neurologischen Ausfallerscheinungen über Atemnot und extremer Erschöpfung ("Fatigue-Syndrom") bis zu Herz- und psychosomatischen Problemen.

Lesen Sie auch:

Entsprechend gebe es kein allgemeingültiges Behandlungskonzept und auch nicht die eine Fachklinik, die Menschen mit Long-Covid behandelt. Die Art der Beschwerden entscheiden darüber, welche Klinik Patienten behandelt, so Berger. Die DRV Nordbayern betreibt in Bad Kissingen die Frankenklinik, die Long-Covid Patienten mit Herz- und Lungenproblemen behandeln.

Weitere Hilfe: Reha-Sport und Selbsthilfegruppen

Im Anschluss an ihre Diagnose hat Lisa Schneider eine Reha in einer Lungenfachklinik gemacht. Sie erhielt über Wochen Atemtherapien, mehrmals täglich Inhalationen, nahm an Sport- und Entspannungsübungen teil. Sie ist froh, sich Hilfe geholt zu haben. "Es haben sich alle Werte gebessert", sagt sie.

Ihr Gesundheitszustand ist ein dreiviertel Jahr später dennoch nicht wieder wie vor Corona. Der Herzschlag ist permanent zu hoch, die Lungenkapazität bei 75 Prozent. Deshalb hat sie sich weitere Hilfe gesucht: bei einer Lungensportgruppe. Außerdem sucht sie Kontakt zu Long-Covid-Selbsthilfegruppen. Die nächste gibt es aktuell in Würzburg. "Es tut gut, dass man sich nicht alleine fühlt", sagt Schneider.

In mehreren Teilen dieser Reihe über Long- und Post-Covid geht es um eine oft gestellte Diagnose: Das Erschöpfungssyndrom und welche Therapien dabei helfen.

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen: