Bein eingeklemmt
Nach Unfall: Wie stabil muss ein Grabstein stehen?
Grabsteine
Noch alles sicher? Frost und starke Regenfälle verändern die Standfestigkeit von Grabsteinen.
Foto: Ralf Ruppert/Archiv
LKR Bad Kissingen – Weil ein Grabstein umkippte, verletzte sich eine Frau in Hammelburg. Was nötig ist, um das zu verhindern, und wie ein Kipp-Tester funktioniert.

An Heiligabend klemmte ein umfallender Grabstein auf dem Friedhof im Hammelburger Stadtteil Gauaschach das Bein einer 34-Jährigen so unglücklich ein, dass sie sich nicht selbst befreien konnte und mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen wurde. Diesen Vorfall nahm die Redaktion als Anlass beim Verband Deutscher Steinmetze und den Gemeinden nachzufragen, wie solche Situationen zu verhindern sind.

Grabsteine lockern sich aus mehreren Gründen. Ein Einflussfaktor kann etwa sein, ob das Friedhofsgelände eben oder am Hang gelegen ist. Auch Erschütterungen, die Beschaffenheit des Bodens oder die Witterung spielen eine Rolle. Das Überflutungsgebiet im Ahrtal sei da ein Extrembeispiel, wo nach den Starkregenereignissen und Überflutungen kaum noch ein Grabstein stehe, sagt Raphael Holzer, Leiter der technischen Beratung beim Bundesverband Deutscher Steinmetze.

Wenn sich der Boden nach einer Beerdigung setze oder ein Grab ausgehoben werde, könne dies die Standfestigkeit der Grabsteine beeinflussen. Auch könne es passieren, dass sich eine Wurzel von einem umliegenden Baum untergrabe und einen Grabstein lockere. Grundsätzlich spiele der Bewuchs, beim Thema Standfestigkeit aber keine Rolle, hier gehe es vor allem um die Optik.

27 lockere Steine in Hammelburg

Einmal im Jahr prüft das Friedhofspersonal der Stadt Hammelburg, ob die Grabsteine sicher stehen. Das ist eine übliche Praxis in den Gemeinden im Landkreis. Gewöhnlich geschehe das meist immer nach der Frostperiode, meist im Mai eines jeden Jahres, berichtet Hammelburgs Bürgermeister Armin Warmuth.

Die letzte Standsicherheitsüberprüfung auf den Friedhöfen sei in den Hammelburger Stadtteilen und im Hammelburger Friedhof an zwei Tagen Anfang Mai 2021 geschehen. Die Überprüfung sei nach den Vorgaben des Verbandes Deutscher Steinmetze durch Sicht- und Druckprobe erfolgt. Grabsteine müssten einem Druck von 30 Kilogramm an der Grabsteinoberkante standhalten. Dies bestätigt der Steinmetzverband.

Aufkleber: "Vorsicht lockerer Grabstein, Unfallgefahr"

Im vergangenen Mai stellte laut dem Hammelburger Bürgermeister das Friedhofspersonal 16 lockere Grabsteine auf den Friedhöfen in den Stadtteilen der Stadt Hammelburg und elf auf dem Hammelburger Friedhof fest. Die lockeren Grabsteine seien mit einem Aufkleber "Vorsicht - lockerer Grabstein, Unfallgefahr" versehen worden.

Die "Grabnutzungsberechtigten" - das ist ein etwas umständlich klingender Terminus, der in der Verwaltungssprache meist die Personen meint, die das Grab gepachtet haben - seien unverzüglich schriftlich aufgefordert worden, innerhalb eines Monats das Grabmal fachgerecht befestigen zu lassen.

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Die Nachprüfung sei dann an zwei Tagen Mitte Juni 2021 geschehen, teilt der Bürgermeister mit. "Es wurden zu diesem Zeitpunkt keine Beanstandungen mehr festgestellt." Die nächste Prüfung sei für Mai dieses Jahres geplant.

Einmal im Jahr werden Steine geprüft

Vergangenes Jahr begleitete unser Mitarbeiter Sigismund von Dobschütz den Bad Kissinger Friedhofsverwalter Stefan Krieg bei einer solchen Grabsteinprüfung. Damals berichtete er, dass kleinere Grabsteine nur mit der Hand auf mögliche Lockerung geprüft würden. Bei allen größeren Grabmälern, die über 70 Zentimeter hoch sind, musste der Friedhofsverwalter gemäß der seit 2010 geltenden Unfallverhütungsvorschrift der Gartenbau-Berufsgenossenschaft die Druckprobe mit einem Kipp-Tester durchführen.

Der "Kipp-Tester" wird an die Oberkante des Grabsteins angesetzt und löst einen Druck von 500 Newton aus, entsprechend 50 Kilogramm. Sollte der Stein dem Druck nicht standhalten, wird der Stein mit einem roten Warnaufkleber versehen.

Bei der vergangenen Prüfung im Mai 2021 sei festgestellt worden, dass es vereinzelt Grabsteine gab, "die hinsichtlich der Standsicherheit Optimierungsbedarf aufwiesen - jedoch zu keinem Zeitpunkt eine Umsturzgefahr gegeben" gewesen sei, berichtet eine Mitarbeiterin vom Bad Kissinger Bürgerbüro. Eine Nachkontrolle im Juni 2021 hätte gezeigt, dass alle Grabsteine fach- und sachgerecht wieder befestigt worden seien.

Die Nachfrage beim Verband für Deutsche Steinmetze ergab, dass die Bad Kissinger mit den 50 Kilo mehr testeten, als vorgeschrieben ist. "30 Kilo reicht vollkommen aus", sagt Holzer. Wichtig sei, dass die Prüfung nicht ruckartig erfolge, sondern der Druck mindestens über zwei Sekunden lang anhalten und bis zu 30 Kilo gehe.

Das Vier-Augen-Prinzip

Ob die Grabsteine sicher stehen, werde immer mit mindestens zwei Personen geprüft, berichtet Bernd Hochrein vom Bürgerservice der Stadt Münnerstadt, zuständig für das für Friedhofsamt und Bestattungswesen. Das Vier-Augen-Prinzip ist aus Gründen der Nachvollziehbarkeit wichtig und erleichtert die Dokumentation. "Eine Person macht den Drucktest, die andere Person dokumentiert", erklärt Holzer vom Steinmetzverband.

Allein in Bad Kissingen müssen über 2000 Grabmäler geprüft werden. Das Vorgehen der Stadt Hammelburg, der Stadt Bad Kissingen und der Stadt Münnerstadt ähnelt dem, was auch die Mitarbeiter der Verwaltungen in Oerlenbach, Nüdlingen, Oberleichtersbach, Riedenberg, Markt Geroda, Bad Brückenau und Markt Schondra berichten.

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Auch Gerhard Zeller, Geschäftsleiter des Marktes Burkardroth, berichtet: "Bei uns wird die Standfestigkeitsprüfung alljährlich - nach der Frostperiode - durch geschultes Personal gemacht." Über die Ortschelle, das Gemeindeblatt, werde bekannt gegeben, wann die Prüfung läuft. "Da können die Bürger theoretisch dazukommen. Wir versuchen damit, das Verwaltungshandeln transparent zu machen."

Die letzte Standfestigkeitsprüfung habe im April 2021 auf allen zehn Friedhöfen der Marktgemeinde Burkardroth stattgefunden. Es hatte sieben Beanstandungen gegeben. Wenn die Rathausverwaltung des Marktes Burkardroth die "Grabnutzungsberechtigten" anschreibe, wenn Mängel deutlich geworden seien, legen die Mitarbeiter ein Formular bei. Auf diesem müssen Grabnutzungsberechtigte oder die Steinmetz-Firma unterschreiben.

Nachprüfung der Steine

Die Reparatur laufe dann oft so ab: Die Grabnutzungsberechtigten ziehen eine Fachfirma zu Rate. Diese kommt zum Grab, hebt den Grabstein hoch, um neuen Mörtel in das Loch zu geben. Denn durch Witterungseinflüsse, vor allem Frost, könne der Mörtel schadhaft werden. "Wenn der Grabnutzungsberechtigte selbst unterschrieben hat, erlauben wir uns auch, das noch mal nachzuprüfen", sagt Zeller.

Der Fall in Gauaschach zeige: "Wir suchen uns nicht diese Arbeit, es ist eine Verpflichtung. Die Steine sind schwer: Da steckt einfach ein gewisses Unfallpotenzial dahinter."