Schlachthof-Skandal
Neue Vorwürfe nach Schock-Videos
Tierschutzkontrollen
Der Kulmbacher Schlachthof wollte Schweine vor der Schlachtung eigentlich schonender mit Helium statt mit CO2 betäuben. Doch getan hat sich bisher wenig.
Foto: Carmen Jaspersen/dpa (Symbolfoto)
Kulmbach – Die Aufnahmen von gequälten Schweinen lösten in Kulmbach heftige Diskussion aus. Ein neues Verfahren sollte die Tiere schützen - doch getan hat sich wenig.

Die Aufnahmen waren nichts für schwache Nerven. Im Juni hatte die Soko Tierschutz dem ARD-Magazin "Report Mainz" ein Video zugespielt, das zeigte, wie Schweine bei der Betäubung mit Kohlendioxid im Schlachthof offenbar mehr als eine halbe Minute lang heftige Panikreaktionen zeigten, bevor die erwünschte Bewusstlosigkeit eintrat.

Zudem war in den Sequenzen ein Mitarbeiter der Einrichtung zu sehen, der mit Elektroschocker ein Schwein vorantrieb und dem Tier dabei auch noch ins Gesicht trat. Das sei alles, aber keine "sanfte Betäubung" und kein Umgang mit Lebewesen nach dem Tierschutzgesetz , beklagte Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz .

 

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Der Beitrag löste eine heftige Diskussion über die Vorgänge im Schlachthof aus. Lokale Tierschützer riefen zu einer Mahnwache auf. Viele Menschen, darunter Politiker und Landwirte, äußerten ihr Bedauern, beteuerten aber auch die Wichtigkeit des Schlachthofs für die Region und den Einsatz von Einrichtungsleiter Dirk Grühn für ein möglichst stressfreies Töten.

Die Rede ist von einem Modellprojekt, bei dem nicht mehr CO 2 , sondern das Gas Helium bei der Betäubung zum Einsatz kommen soll. Vollmundig war das Versprechen: Es solle ein "gläserner Schlachthof" entstehen.

Die Aufnahmen bei "Report Mainz"  zeigen ein Schwein in der Betäubungsgondel, laute Schreie voller Panik sind zu hören. Das Material stellte die Soko Tierschutz der ARD zur Verfügung.
Die Aufnahmen bei "Report Mainz" zeigen ein Schwein in der Betäubungsgondel, laute Schreie voller Panik sind zu hören. Das Material stellte die Soko Tierschutz der ARD zur Verfügung.
Foto: Soko Tierschutz

Vier Monate später fragt sich nicht nur die Soko Tierschutz : Welche Konsequenzen hatte die Diskussion?

Wenn man den Äußerungen der Stadt glaubt, sind die Verantwortlichen für den Schlachthof nicht untätig geblieben. Pressesprecher Jonas Gleich bekundet, vor wenigen Wochen habe OB Ingo Lehmann ( SPD ) Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber ( CSU ) die Vision einer Bio-Regio-Fleischmanufaktur vorgestellt. Die Ministerin wolle sich in München für das Projekt einsetzen. "Fakt ist, dass die Stadt für eine Realisierung dieses Vorhabens auf Fördergelder angewiesen ist", sagt Gleich.

Bundesweites Vorzeigeprojekt

Der avisierte "gläserne Schlachthof" stelle ein Leuchtturmprojekt für die gesamte deutsche Schlachtindustrie dar. "Er wäre ein Meilenstein in Sachen Transparenz und Tierwohlsteigerung", so Gleich. Man müsse aber grundsätzlich von zwei getrennten Vorgängen sprechen. "Der ,gläserne Schlachthof' ist ein Wunsch beziehungsweise ein Ziel, das wir mit Unterstützung von verschiedenen Beteiligten erreichen wollen."

Gefördert werden soll das Objekt unter anderem von der Tönnies-Stiftung. In dieser umgestalteten Einrichtung solle dann mit Helium betäubt werden. Die Anlage befinde sich derzeit in der Produktion. Der ursprüngliche Zeitplan sah vor, dass sie in diesen Wochen in Betrieb gegangen wäre - allerdings habe die Pandemie zu Verzögerungen auf der Baustelle geführt, weshalb mit der Fertigstellung erst im Frühjahr 2022 zu rechnen sei.

Ob die Heliumbetäubung in Kulmbach zu einer Dauerlösung werden kann, hänge von verschiedenen Faktoren ab, sagt Gleich. "Zunächst muss die weltweit einmalige Anlage durch KBLV, die Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, abgenommen werden. Es steht aber jetzt schon zweifelsfrei fest, dass Helium als Betäubungsmittel deutliche Vorteile gegenüber Kohlendioxid hat."

Laut Matthias Moje vom Max-Rubner-Institut handelt es sich bei Helium genaugenommen nicht um eine Betäubung wie bei CO 2 , sondern um den Verlust des Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögens infolge von Sauerstoffmangel. Der Organismus reagiere auf diesen Mangel an O 2 im Blut stark verzögert, der Bewusstseinsverlust werde vom Tier nicht nicht wahrgenommen, sodass Angst-, Abwehr- und Fluchtreaktionen weitgehend unterblieben.

Noch bleibt alles beim Alten

Solange sich die Umrüstung verzögert, bleibt es bei der CO2-Methode. "Diese ist die weltweit häufigste eingesetzte Art bei Schweinen", bestätigt Jonas Gleich. Übrigens: In Kulmbach sei der Prozess nur durch die offene Betäubungs-Gondel (im Gegensatz zu Großschlachthöfen) seh- und hörbar und werde dadurch überhaupt wahrgenommen. "Die CO 2 -Betäubung ist in unseren Augen in Bezug auf eine möglichst tierwohloptimierte Schlachtung suboptimal - wenn auch derzeit nahezu alternativlos."

 

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Die BR hätte gerne mit Schlachthofleiter Dirk Grühn über die weitere Entwicklung gesprochen, doch er stand für ein Interview nicht zur Verfügung.

Mengen reichen nicht

Dabei gilt es einen Punkt nicht aus dem Blick zu verlieren: Helium ist ein Stoff, der nicht in Übermengen vorhanden ist, dafür aber vielerlei Verwendung findet - in der Kühlung beim Magnetresonanztomografen (MRT) genauso wie beim riesigen Teilchenbeschleuniger LHC in Genf. Deutschland gilt nach Aussage der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe weltweit als fünftgrößter Abnehmer des Edelgases - und das wird langsam knapp.

Vor diesem Hintergrund warnen auch Tierschützer davor, es sei falsch zu glauben, Helium stünde in Zukunft in ausreichendem Maß für die Tierschlachtung zur Verfügung. "Das ist utopisch", sagt Friedrich Mülln. Helium lässt sich nicht chemisch aus anderen Stoffen herstellen. Es wird auch, anders als die Edelgase Neon, Argon, Krypton und Xenon, wegen seiner geringen Konzentration nicht aus der Luft gewonnen. Auf der Erde entsteht es nur durch über Jahrmillionen andauerende radioaktive Zerfallsprozesse im Gestein.

Ein Mitarbeiter hat gekündigt

Die Soko Tierschutz ist enttäuscht vom Ergebnis. Auf die Nachhaltigkeit seiner Undercover-Arbeit angesprochen, zieht Friedrich Mülln von der Soko Tierschutz eine gemischte Bilanz. "Wir haben solche oder ähnliche Verstöße wie in Kulmbach bisher in 13 Schlachthöfen in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt aufgedeckt. Neun der Einrichtungen wurden immerhin zeitweise oder sogar für immer geschlossen." Und Kulmbach ? "Dort hat man das Schlachten nach unserer Kenntnis nicht mal unterbrochen", sagt Mülln.

Und auch an der juristischen Aufarbeitung lässt er kein gutes Haar. Leider komme kaum etwas dabei heraus, selbst wenn die Verstöße noch so eindeutig seien, äußert er konsterniert. "Die verantwortlichen Behörden waschen ihre Hände in Unschuld oder stellen sich für das öffentliche Interesse quasi tot. Es zieht sich über Jahre hin und endet maximal in kleinen Geldstrafen für die Verursacher."

Apropos: Was ist mit den Schlachthofmitarbeitern, deren Verhalten nach Auswertung des Videos beanstandet wurde? "Insgesamt sind Verfehlungen drei verschiedener Mitarbeiter auf den Aufnahmen zu sehen", bestätigt Stadtpressesprecher Jonas Gleich. Von einem der Betroffenen ist bekannt, dass er von sich aus gekündigt und die Stadt Kulmbach verlassen hat. Der Schlachthof sei im Nachgang zur Berichterstattung über einen längeren Zeitraum nahezu täglich und damit deutlicher öfter als üblich kontrolliert worden. Zudem sei eine Videoüberwachung installiert, um die Arbeit der Beschäftigten zu dokumentieren.

Ungeachtet dessen laufen aufgrund der Anzeige der Soko Tierschutz staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen die Mitarbeiter , deren Ergebnisse uns bislang nicht vorliegen. Umgekehrt liegt eine Anzeigen gegen die Tierschützer vor. Ausgang? Offen. Das bestätigt auch die Bayreuther Staatsanwaltschaft auf unsere Nachfrage. Die Ermittlungen zu den gegenseitig erstatteten Anzeigen seien noch nicht abgeschlossen. Eine Wiedervorlage ist für Anfang Dezember geplant, vor Jahresende sei mit keinen neuen Erkenntnissen zu rechnen, heißt es.

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