Nomadin der Meere
Freitauchen: Kopfüber in die absolute Stille
Rimpar – Fränkin Kathleen Greubel taucht ohne Sauerstoffflasche in die Tiefe. Die Fotos sind beeindruckend. Was sie daran reizt und wie man zum Freediver wird.

Zwischen zwei Atemzügen ist nichts – nichts außer Stille und einer ganzen Ewigkeit. Ich spüre das Wasser an Händen und Füßen vorbeiziehen, nehme die Geschwindigkeit wahr, nichts anderes ist relevant. Ab 35 Metern sinke ich automatisch, ohne dass ich noch gegen den Auftrieb arbeiten muss. Ich bewege mich nun nicht mehr. Dieses Freefall-Gefühl, der freie Fall, ist unbeschreiblich schön…“ 

Wenn Kathleen Greubel vom Freediving erzählt, ist es, als nähme sie einen bei der Hand und man tauche gemeinsam mit ihr ab in eine gewaltige blaue, salzige Tiefe.

Nomadin der sieben Weltmeere

Kathleen Greubel ist eine „Nomadin der sieben Weltmeere“, sagt die 31-jährige Frei- oder Apnoe-Taucherin über sich selbst. Mit einem einzigen Atemzug kann sie bis zu 75 Meter tief ins Meer hinabsinken oder fünf Minuten darin treiben.

Kürzlich hat die Fränkin in Honduras beim Caribbean Cup, einem internationalen Tieftauchwettbewerb, die Goldmedaille für ihren 50-Meter-Tauchgang ohne Flossen gewonnen. Noch vor wenigen Jahren hätte sie nicht im Traum an so etwas gedacht – damals, als sie in Bamberg BWL und Pädagogik studiert.

Gute Laune ist bei Freitauchern Programm… so auch bei Kathleen Greubel.
Gute Laune ist bei Freitauchern Programm… so auch bei Kathleen Greubel.
Foto: Gert Loroy

Am Nikolaustag 1990 geboren, wuchs Kathleen Greubel weitab vom Meer auf: in Rimpar bei Würzburg. Dennoch tauchte sie schon als Kind gerne ab – ob im Urlaub mit den Eltern an der französischen Küste oder daheim bei der Wasserwacht. Während des Studiums waren zwar Kampfsport, Kickboxen, Klettern und Bouldern angesagt, aber der Wunsch nach „mehr Meer“ war immer präsent.

Zwischen ihren Studienabschlüssen reiste sie ein paar Monate lang durch Mittelamerika. „Da habe ich zum ersten Mal die ruhige kleine Karibikinsel Utila betreten, die zu Honduras gehört und ein ganz besonderer Ort für mich werden sollte.“

Tauchscheininhaberin Kathleen unternahm auf Utila einige Tauchgänge. „Die wunderschöne Unterwasserwelt dort, die leuchtenden Farben des Korallenriffs und die vielen exotischen Lebewesen haben mich in ihren Bann gezogen.“ Als sie – deutlich später als geplant – nach Deutschland zurückkehrte, ging sie zwar wieder an die Uni, begann aber auch eine Tauchguide-Ausbildung.

In den folgenden Jahren pendelte sie zwischen Deutschland und Utila hin und her. Im karibischen Meer leitete sie Tauchgänge, in deutschen Seen bildete sie sich zur Tauchlehrerin für Gerätetauchen fort. Um Geld zu verdienen, nahm sie verschiedenen Ferienjobs an, etwa als Badeaufsicht und Spargelverkäuferin. 2019 schloss sie ihr Masterstudium in Bildungswissenschaft ab. Doch ein Job in der Lernforschung lockte sie nun nicht mehr.

Erster Kontakt mit Freediving

Mit Freunden am flachen Riff vor Utila kam sie zum ersten Mal mit Freediving in Kontakt. Die „tolle Atmosphäre von Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung“ begeisterte die Fränkin. Sie absolvierte die Ausbildung als „Freediving Instructor“.

„Unter Wasser reduziert sich der Puls automatisch, der Körper wechselt in eine Art Energiesparmodus“, erklärt Kathleen. „Sobald das Gehirn die Information erhält, dass sich die Atemwege unter Wasser befinden, verlangsamt es den Herzschlag und reduziert den Sauerstoffverbrauch.“  

Hier ist gut zu erkennen, dass die Taucher per Sicherheitsleine mit dem Seil verbunden sind. Im Notfall könnten sie so gerettet werden.
Foto: Kohei Ueno
Völlig konzentriert und in sich ruhend: Kathleen Greubel vor dem Tieftauchgang.
Foto: Kohei Ueno
Ganz entspannt: Mit geschlossenen Augen geht es für Freitaucherin Kathleen Greubel am Seil entlang bis in 75 Meter Tiefe.
Foto: Kohei Ueno
Keine Angst vor der Tiefe: Kathleen Greubel liebt das Abtauchen.
Foto: Kohei Ueno
Begleitet von Safety-Tauchern geht es zurück an die Wasseroberfläche.
Foto: Kohei Ueno
Geschafft!
Foto: Kohei Ueno

Worauf es beim Freediving ankommt

Die richtige Atemtechnik unter Wasser lasse sich gut trainieren. „Zwei bis drei Minuten sind mit etwas Übung für jeden zu schaffen.“ Beim Freediving seien Fitness und Erfahrung nur zu 20 Prozent entscheidend, „80 Prozent macht der Kopf aus“.

Nach einer Zwischenstation auf Mallorca reiste Kathleen zurück in die Karibik, tauchte, trainierte und nahm an ersten Wettkämpfen teil. Bald wurde sie als Sicherheitstaucherin (Safety-Diver) bei Contests eingesetzt. Nach einer weiteren Sommersaison auf Mallorca schaffte sie es 2021, ins deutsche Nationalteam aufgenommen zu werden und an der Freediving-Weltmeisterschaft teilnehmen zu können.

Ab in die Tiefe

Vor allem die Disziplinen „No Fins“ (ohne Flossen) und „Free Immersion“ (freies Eintauchen) haben es Kathleen angetan. Bei beiden Taucharten wartet die Athletin, im Wasser treibend, mit geschlossenen Augen auf das Startsignal vom Boot aus. Sie trägt eine Nasenklammer, atmet nur noch durch den Mund. Dann taucht sie, scheinbar leicht und mühelos, mit dem Kopf voraus ab.

Per Tauchkamera „Dive-Eye“ sieht man in der Kategorie „No Fins“ gleichmäßige Arm- und Beinzüge, die Kathleen senkrecht in die Tiefe katapultieren, parallel zum gespannten Seil.  Bei „Free Immersion“ zieht sie sich am Seil kopfüber hinab, Armlänge für Armlänge. Ein Balanceakt zwischen Energieverbrauch und Zeit.

„Der Tauchcomputer in der Kapuze meines Anzugs piept in verschiedenen Tiefen“, erzählt die Fränkin. In 18 Metern presst sie zum Druckausgleich erstmals etwas Lungenluft in den Mund. Das wiederholt sie später. „In 35 Metern beginnt bei mir der Freefall. Das ist das Schönste!“ Mit etwa einem Meter pro Sekunde gleitet die junge Frau lautlos nach unten.

In der Tiefe gilt es, rechtzeitig zu bremsen. „Ich öffne die Augen und packe das Seil.“ Nun muss Kathleen einen kleinen, am Seil befestigten Gegenstand greifen und mit an die Oberfläche transportieren. Nur dann gilt der Tauchgang als bestanden.

Ab- und Auftauchvorgang dauern etwa gleich lang, bei 75 Metern „Free Immersion“ zum Beispiel insgesamt knapp drei Minuten. „Da wir Freitaucher ja nicht atmen und so auch keinen Stickstoff aufsättigen, können wir – anders als Gerätetaucher – jederzeit problemlos an die Oberfläche zurück.“

Jeder erlebe die Zeit unter Wasser ein wenig anders, meint die Fränkin. Für sie selbst ist es das ultimative Lebensgefühl: „hochkonzentriert und tiefenentspannt gleichzeitig“. Die Tauchtiefe sei gar nicht so wichtig. „In der Community ist der Zusammenhalt unglaublich gut, es gibt keine Hierarchie, jeder unterstützt jeden – auch die Weltrekordlerin, die mit der Monoflosse 122 Meter Tiefe geschafft hat, ist einfach eine von uns.“

Weltmeisterschaft im Oktober

In Kürze trifft sich die Freediving-Welt in Long Island, Bahamas, zu einem Wettbewerb, bei dem Kathleen Greubel als Safety-Taucherin dabei ist. Anschließend will sie sich wieder ihrem eigenen Tieftauchtraining widmen, um bei der CMAS-Weltmeisterschaft im Oktober in der Türkei gut abzuschneiden.

Ihr Traum ist es, mit dem Freitauchen ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Das aber ist – selbst als Goldmedaillen-Gewinnerin – schwer. „Anders als Fußball oder Tennis ist Freediving noch ein junger Sport ohne großes Sponsoring. Ich gebe mir zwei Jahre. Mal sehen, was bis dahin ist.“

Verrückt macht sich die Fränkin ob der ungewissen Zukunft nicht. Als exzellente Freediverin hat sie gelernt, mit Unwägbarkeiten umzugehen und ganz im Hier und Jetzt zu sein. Die Fähigkeit, mental zu entspannen, verliert sie auch an Land nicht so schnell. Sie weiß: „Zwischen zwei Atemzügen ist nichts – außer Stille und einer ganzen Ewigkeit.“

INFOS: Wer mal mit Kathleen Greubel abtauchen oder als Sponsor für sie aktiv werden möchte: https://kathleengreubel.wordpress.com/    Instagram: @kathleenblau, Mail: kathleengreubel@googlemail.com 

 

Lesen sie auch: