Golf
Sport und Tourette: Wenn dein Körper dir ständig ein Bein stellt
Robin Smiciklas (im Bild) spielt Golf und ist einer der wenigen Profi-Sportler, die offen mit ihrer Tourette-Erkrankung umgehen.
Robin Smiciklas (im Bild) spielt Golf und ist einer der wenigen Profi-Sportler, die offen mit ihrer Tourette-Erkrankung umgehen.
Marian Lenhard/laif
Golf – Der fränkische Profigolfer Robin Smiciklas muss am Tag tausende Tics kontrollieren. Warum er seine Tourette-Erkrankung nun öffentlich macht.

Strömender Regen, ein moorartig aufgeweichter Golfplatz. Robin Smiciklas holt zum Abschlag auf dem 14. Loch aus. Das Teilnehmerfeld ist diesmal überdurchschnittlich stark. Trotzdem könnte diese Golfrunde der erste Turniersieg seiner Profikarriere werden. Kurz bevor er den Schläger durchschwingen möchte, zuckt sein rechter Zeigefinger. Vier mal. Dass Robins Körper Dinge tut, die er nicht möchte, gehört zu seinem Leben seit er acht Jahre alt ist. Damals trat das Tourette-Syndrom erstmals bei ihm auf und verschwand bis heute nicht mehr.

Dass nun sein Finger zuckt, unmittelbar vor dem bis dato wichtigsten Golfschlag seiner Karriere, ist jedoch alles andere als gewohnt. Es handelt sich nämlich um einen bisher nie dagewesenen Tic. Ausgerechnet in dieser Turnierphase taucht er auf. Statt um den Weg auf das Siegerpodest, dreht sich bei den abschließenden Löchern plötzlich alles um das verflixte Fingerzucken, das Präzision in Peinlichkeit verwandeln – oder besser – verwackeln kann.

Etwa ein Prozent der Bevölkerung erkrankt an Tourette

Mehrere tausend Tics am Tag durchfahren Robin. Manche kaum sichtbar, andere ausladende Bewegungsmuster seiner Arme und Beine. Dazu Räuspergeräusche, manchmal auch Luftausstöße, die einem Bellen ähneln. Jahr für Jahr stellt ihm sein Körper mit neuen Zwangschoreographien und unfreiwilligen Lautäußerungen ein Bein. Dabei ist das hochpräzise Funktionieren des eigenen Körpers doch eigentlich der Beruf des 30-jährigen Golfers.

Robin, der in Bayreuth das Gymnasium besucht hat, dort auch seine ersten Golferfolge feiern konnte und nun in Schwabach lebt und trainiert, ist mein Bruder. Ich war dabei, als Robin seinen ersten Tics hilflos zusehen musste. Damals auf der Rückbank im Auto Richtung Bergurlaub, als ich dachte, dass der kleine Bruder mich mit den ständigen Stößen gegen mein Bein provozieren möchte. Während der gesamten Fahrt konnte er das Zucken nicht abstellen. Verständlicherweise wurde dann geschimpft im Auto. Keiner ahnte, was da gerade begonnen hatte. Von Tourette hatten wir damals alle noch nie gehört.

Dabei erkrankt etwa ein Prozent der Bevölkerung an Tourette. Während Menschen im Showbusiness teils sehr offen über ihre Erkrankung sprechen – zuletzt etwa prominent Billie Eilish – ist Tourette im Profisport bislang ein Tabu-Thema. Mit seinem Schritt an die Öffentlichkeit will der fränkische Golfer anderen Mut machen.

Social-Media-Zerrbild: Tourette als Schimpfwort-Krankheit

Die Crux ist, dass Tourette mittlerweile derart präsent in den Medien ist, dass es scheinbar keiner großen Erklärungen mehr bedarf. Genau das Gegenteil sei jedoch der Fall, erklärt Kirsten Müller-Vahl, die das Tourette-Syndrom seit über 30 Jahren erforscht. Nicht zuletzt durch erfolgreiche YouTube-Formate, deren Hauptinhalt es unter anderem sei, die absurdesten Tics zur Schau zu stellen, fühlten sich Erkrankte wieder zunehmend stigmatisiert und seien beruflich oftmals handfest benachteiligt.

Die Professorin leitet in Hannover die deutschlandweit größte Ambulanz für Betroffene der Krankheit und beobachtet, dass die breitengesellschaftliche Wahrnehmung von Tourette zunehmend mehr von seltenen Extremausprägungen verzerrt wird. Flu­chen, obszöne Gesten und der Gebrauch von Schimpf­wör­tern gehören zwar zu den land­läufig bekann­testen Merk­malen der Krank­heit, betroffen sind davon aber nur die Allerwenigsten, informiert die Neurologin und Psychiaterin.

Robin bestätigt diesen Zusammenhang: "Mit Tourette wird man krumm angeschaut, weil die Leute es in der gewöhnlichen Form nicht kennen. Höchstens aus Videos, wo die Erkrankten Fotze und Arschloch schreien oder unfreiwillig den Mittelfinger zeigen." In den Augen vieler hätten Menschen wie er dann entweder gar nicht 'richtig' Tourette, oder sie hören den Begriff und befürchten, dass auch Robin demnächst Obszönitäten über den Golfplatz rufen könnte. Entsprechend unterdrücken die Betroffenen ihre Tics lieber, als sich zu der Krankheit zu bekennen.

Doch damit beginne der eigentliche Leidensweg, wie auch Alexander Münchau, der als Facharzt für Neurologie schon über 1.200 Patienten begleitet hat, betont: "Das Unterdrücken von Tics bedeutet, dass kognitive Ressourcen beansprucht werden, die dann anderswo fehlen. Als würde man pausenlos abgelenkt werden. In vielen Fällen verursacht das Unterdrücken der Tics auch Schmerzen. Teils im Augenblick selbst, teils als Folge stundenlanger Muskelanspannungen verteilt über den gesamten Körper."

Robin Smiciklas führte lange ein Leben in Lauerstellung

Damals, kurz vor seinem ersten Profi-Sieg, entschied Robin sich dafür, die Zuckungen auf den letzten Löchern einfach geschehen zu lassen, wie sie kamen – und stand letztlich auf dem Treppchen ganz oben. Damals, nach dieser positiven Erfahrung, sei er kurz davor gewesen, das Thema Tourette in der Siegeransprache endlich öffentlich zu machen. Doch Robin hatte das Unterdrücken von Tics in seiner Pubertät perfektioniert und hielt weiter daran fest – aus Sorge vor negativen Konsequenzen und unausgesprochenen Vorurteilen ihm gegenüber. Auch für ihn ging die größte Einschränkung damit weiterhin nicht primär von den unwillentlichen Bewegungen und Geräuschen selbst aus, sondern von der dauerhaften Lauerstellung, die er seinem Körper gegenüber einnehmen muss, um jeden Tic wie ein aufkommendes Nießen erspüren und unterbinden zu können.

Wenn Robin andere Profisportler im Fernsehen beobachtet, meint er bei einigen unter ihnen immer wieder Indizien für das Tourette-Syndrom zu entdecken. Eine Beobachtung, die auch seitens der Forschenden bestätigt werden kann. Für eine belastbare Diagnose sei so eine Videoanalyse zwar nicht ausreichend, doch in einigen Fällen ist sich auch Kirsten Müller-Vahl mit ihrem Erfahrungsschatz aus über 3000 Behandelten nahezu sicher, dass dort im Fernsehen gerade eine Person Tourette-Tics unterdrückt. Unter dem Hashtag #TicOutCrew möchte Robin darum auch andere Betroffene im Profisport ermutigen, die Krankheit nicht mehr unter Leidensdruck zu verstecken, sondern die Tics von nun an geschehen zu lassen. Damit auch diese Sportler endlich all ihre Ressourcen – körperliche wie kognitive – für den Wettkampf oder das Spiel selbst zur Verfügung haben können. So, wie das bei den Mitstreitern ohne Tourette der Fall ist.

Spontanes Gespräch mit Florian David Fitz ermutigt Robin Smiciklas

Zugleich weiß Robin aus eigener Erfahrung, wie schwer dieser Schritt sein kann. Zumal, wenn man um Benachteiligungen fürchten muss. Ihm selbst gelang das gegenüber Menschen, die nicht zum engsten Freundeskreis oder der Familie gehörten, erstmals nach vielen Jahren. Damals trainierte er im selben Münchner Fitnessstudio wie der Filmstar Florian David Fitz, der sich gerade auf die Spielfilmrolle des an Tourette erkrankten Vincent vorbereitete und dafür die authentische Imitation von Tics üben musste. Der fragte Robin ganz unverkrampft, ob seine subtil vernehmbaren Zuckungen womöglich mit Tourette zu tun haben könnten.

Die Begegnung der beiden sollte das erste Gespräch überhaupt werden, in dem Robin mit einem Unbekannten offen über seine Situation sprechen konnte. Robin meint, dass die ungewohnt direkte aber wertschätzende Art von Florian David Fitz ihm rückblickend den langwierigen Weg geöffnet habe, um nun endlich öffentlich über die Einschränkungen, die im Sport mit unterdrückten Tourette-Tics einhergehen, sprechen zu können. Im Gespräch der beiden ergab sich später, dass es letztlich das Beste wäre, diese Krankheit würde medial irgendwann für alle gewohnt und letztlich langweilig werden.

Womöglich würde eine solche Entdramatisierung der Krankheit noch mehr erleichtern. Denn lange Zeit war es ist nicht primär die Erschöpfung eines Arbeitstages mit zehn Trainerstunden, die sich zwischen Robin und die Arbeit an seiner eigenen Profikarriere stellte, sondern das Versteckspiel des zurückliegenden Tages. Mit zu vielen unterdrückten Zuckungen hat sich sein Körper dann bereits aufgeladen. Doch im Gegensatz zu einem konzentriert verhinderten Niesen verschwinden Tourette-Tics nicht einfach, sondern müssen geballt raus. Austicken nennen es die Betroffenen, wenn nach langem Versteckenmüssen all die angestauten Tics losbrechen.

Statt konzentrierter Golfschwünge trieb in den Feierabendstunden also das Tourette hochkonzentriert sein Unwesen: "Wenn du zehn Stunden auf dem Platz gestanden hast – durchgehend in Lauerstellung dem eigenen Körper gegenüber – und der Feierabend damit beginnt, dass die Tics erst richtig loslegen, wird die Anstrengung des Tages durch eine andere Anstrengung abgelöst." Darum heißt es für Robin ab sofort: Tics im Berufsalltag zeigen statt Austicken bis in den späten Abend.