Bayerischer Alpenraum
30 Bergtote im ersten Halbjahr: Minister mahnen zu Vorsicht
von dpa
Schönau am Königssee – Sonne satt, und das schon seit Wochen und Monaten: Das lockt die Menschen auch in die Berge. Dort setzt sich derzeit ein unglücklicher Trend fort.

Die Zahl tödlicher Bergunfälle hat im bayerischen Alpenraum einen markanten neuen Höchststand erreicht. Allein im ersten Halbjahr starben im südlichen Oberbayern 30 Menschen - nach 19 im Vorjahr, wie Innenminister Joachim Herrmann und Justizminister Georg Eisenreich (beide CSU) am Dienstag bei einer Rettungsübung an der Jennerbahn in Schönau am Königssee mitteilten. «Überschätzen Sie sich nicht, informieren Sie sich und nehmen Sie die Gefahren in den Alpen ernst», mahnte Herrmann. Er erinnerte an die «SOS-EU-Alp»-App, über die Retter schnell alarmiert werden können.

Die Zahlen im gesamten Jahr 2021 haben mit 55 Bergtoten in der Region einen traurigen Spitzenwert erreicht - es war der höchste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 2009. In früheren Jahren zählte die Polizei im Schnitt rund 30 bis 40 Todesfälle.

«2021 starben im Landkreis Berchtesgadener Land mehr Menschen in den Bergen als im Straßenverkehr», sagte Eisenreich. Voraussetzung für Touren sei neben der richtigen Ausrüstung eine gute Vorbereitung mit der richtigen Routenauswahl. «Dazu ist wichtig, sich selbst richtig einzuschätzen.» Immer mehr Hobby-Bergsteiger verließen sich auf teure Ausrüstung und Apps, warnte der Minister.

Erst im Juni mussten im österreichischen Kleinwalsertal mehr als 100 in Bergnot geratene Schüler und Lehrer aus dem Raum Ludwigshafen gerettet werden. Die Lehrkräfte hatten im Internet gesucht und eine für die Ausrüstung und Fähigkeiten der Gruppe zu schwierige Route gewählt; der Weg entpuppte sich als weitaus riskanter als beschrieben. Der Landtagsabgeordnete und Vorsitzende des Kuratoriums für alpine Sicherheit, Klaus Stöttner, wies hier auch auf Verhaltensregeln des Deutschen Alpenvereins (DAV) hin.

Der Zustrom in die Natur und in die Berge habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen, sagte Martin Emig vom Polizeipräsidium Oberbayern Süd. Das spiegle sich in den Unfallzahlen wider. Ein Teil habe wenig Erfahrung, manche seien gar leichtsinnig. Man sei gut beraten, bei örtlichen Bergführern oder Tourismusverbänden Informationen einzuholen, ob das Ziel auch wie geplant zu erreichen sei.

Gerade in diesem Frühjahr hatte gutes Wetter bei vergleichsweise wenig Schnee Menschen frühzeitig in die Berge gelockt - obwohl Polizei und Bergwacht vor winterlichen Verhältnissen und gefährlichem Altschnee in höheren Lagen warnten. Mehrfach stürzten Wanderer in den Tod, weil sie auf Eis oder Schnee ausrutschten.

«Lange Schönwetterperioden führen dazu, dass sich der Trend in die Berge noch verstärkt», sagte Julia Janotte von der DAV-Sicherheitsforschung. Aktuelle Unfallzahlen lägen dem Bergsportverband noch nicht vor. Für 2020 hatte der DAV sogar weniger tödliche Unfälle gemeldet. Allerdings wertet er nur Unfälle seiner Mitglieder aus.

Die meisten Unfälle ereignen sich beim Wandern. Der DAV berichtete 2020 auch von mehr Einsätzen an Klettersteigen und beim Mountainbiken - beide Sportarten sind weiter stark im Trend.

Fehlverhalten in den Bergen könne auch strafbar sein, mahnte Eisenreich. Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung oder fahrlässiger Körperverletzung nach Berg- und Skiunfällen würden bei einem Staatsanwalt gebündelt. Polizeibergführer ermitteln bei tödlichen Unfällen, rund 80 Polizeibergführer und Alpinbeamte sind laut Innenminister Herrmann im bayerischen Alpenraum unterwegs.

Herrmann kündigte für 2023 neue leistungsfähigere Polizeihubschrauber an. Acht neue Maschinen vom Typ Airbus H145 könnten bis zu sechs Personen transportieren, doppelt so viele wie bisher.

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