Unfall
Bartgeier Wally wahrscheinlich von Stein erschlagen
Bartgeier Wally
Das Bartgeier-Weibchen Wally fliegt im Nationalpark Berchtesgaden durch die Lüfte.
Foto: Michael Wittmann/Landesbund für Vogelschutz /dpa/Archivbild
von dpa
Ramsau/Garmisch-Partenkirchen – Zuerst war das Bartgeier-Weibchen Wally verschollen, dann wurde es tot im Zugspitzgebiet gefunden - die Fan-Gemeinde reagierte bestürzt. Die Ursache war wochenlang unklar. Jetzt haben die Bartgeier-Experten zumindest eine Idee, was in der Steilwand geschah.

Das Bartgeier-Weibchen Wally ist wahrscheinlich einem Steinschlag zum Opfer gefallen. Es sehe danach aus, dass sich Wally zum Fressen niederließ und dabei von einem Stein getroffen wurde, sagte der Bartgeier-Experte des Landesbundes für Vogelschutz (LBV), Toni Wegscheider, am Mittwoch. Die «Süddeutsche Zeitung» hatte darüber berichtet.

Ein Kletterteam des LBV hatte Ende Mai im Zugspitzgebiet die Reste des Tieres gefunden. In einer unzugänglichen Felsrinne auf 1500 Metern Höhe lagen Knochen, Federn, der Ring und der GPS-Sender, über den die Experten Wally geortet hatten.

Nun liegt laut LBV der Untersuchungsbericht der tierärztlichen Fakultät der LMU München vor. Demnach sei ein Abschuss von Wally äußerst unwahrscheinlich. Die Röntgenaufnahmen ergaben weder Hinweise auf Projektile noch auf Bleiabrieb am Skelett. «So traurig wir nach wie vor über den Tod von Wally sind, so beruhigt sind wir dennoch, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht durch menschlichen Einfluss gestorben ist», sagte der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer.

Auch Spuren von Krallen eines Steinadlers wurden nicht festgestellt. «Obwohl in den Alpen schon mehrere Bartgeier von Steinadlern getötet worden sind, haben wir diese Todesursache durch die große Erfahrung von Wally mit diesen Greifvögeln nie als allzu wahrscheinlich eingeschätzt», sagte Ulrich Brendel vom Nationalpark Berchtesgaden. Dort war Wally mit dem Weibchen Bavaria 2021 mehr als 100 Jahre nach der Ausrottung der Bartgeier in Deutschland ausgewildert worden.

Wally war vor ihrem Tod noch problemlos 280 Kilometer geflogen. Alle vom GPS-Sender übermittelten Werte waren normal. Das spreche auch gegen eine Bleivergiftung mit Jagdmunition, die Bartgeier als Aasfresser treffen kann, hieß es. Die Steinschlag-Theorie liege nahe.

«Um ihre Überreste herum war überall frisches Gestein», erläuterte Wegscheider. Oberhalb sei ein Ausbruch am Fels zu erkennen. «Es reicht ein wenige Zentimeter großer Stein, der kann tödlich sein.» Und: An dem Ort lockte Futter. «An derselben Stelle waren Knochen von einem jungen Hirsch.» Manches deute somit darauf hin, dass sich die Steine just in dem Moment lösten, als Wally sich zum Mahl niederließ.

An ihrem Körper seien weitere Verletzungen entdeckt worden, die von dem Steinschlag stammen könnten, eventuell nach ihrem Tod, sagte Wegscheider. Die Untersuchungen seien aber noch nicht abgeschlossen. «Die Knochen sind weiter in aufwendigen toxischen Untersuchungen, um noch mehr Klarheit zu bekommen.» Endgültige Gewissheit über die Todesursache wird es wohl nie geben. Der Kadaver lag wochenlang im Freien, ehe er gefunden wurde. Vor allem aber: Wallys Kopf fehlte. Diesen und auch das linke Bein habe womöglich ein Fuchs geholt. «Wir können letztlich die Todesursache nicht am Kadaver feststellen.»

Bartgeier seien in ähnlichen Situationen schon durch Schneelawinen getötet worden. Ein Fall durch einen Steinschlag sei bisher im Alpenraum nicht nachgewiesen. Auch dieses Mal wird das nicht offiziell als Ursache genannt werden. «Wir werden ungeklärt reinschreiben müssen», sagte Wegscheider.

Die gleichaltrige Bavaria, die ihre Kreise bis nach Wien zog, ist wohlauf. Im Juni wurden erneut zwei junge Bartgeier im Nationalpark ausgewildert: Dagmar und Recka. Beide üben derzeit Fliegen. Alle vier Tiere stammen aus einem Zuchtprogramm in Spanien und sind verwandt: Recka ist die Schwester von Wally, Dagmar die Cousine von Bavaria.

Bartgeier sind mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern die größten Brutvögel der Alpen, für Mensch und Tier aber ungefährlich: Sie fressen nur Aas - und von diesem wiederum fast nur die Knochen.

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