Diskussion: Öffnungsschritte in der Corona-Pandemie
Infektiologe Clemens Wendtner
Clemens Wendtner steht vor dem Gebäude der München Klinik Schwabing.
Foto: Peter Kneffel/dpa/Bildarchiv
München – Lange waren die Inzidenzen die ausschlaggebende Größe in der Corona-Krise. Das soll nun nicht mehr gelten. Manche Wissenschaftler warnen aber weiterhin vor einer Überlastung der Kliniken.

Steigende Inzidenzen, aber mehr freie Intensivbetten - angesichts der Entwicklungen in der Corona-Pandemie ist auch am Wochenende die Diskussion um weitere Öffnungsschritte fortgesetzt worden. Der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner hält bei hohen Infektionszahlen Einschränkungen weiter für notwendig und plädiert für ein Beibehalten der Regelung zu regionalen Lockdowns ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 1000. Er halte es für sinnvoll, «dass der 1000er Wert eingehalten wird», sagte der Chefarzt der München Klinik Schwabing der Deutschen Presse-Agentur.

«Ich würde schon sagen, dass wir angesichts extrem steigender Neuinfektionen in diesen Tagen und voraussichtlich auch in den nächsten Wochen weitere Kontaktbeschränkungen benötigen», meinte der Corona-Experte. Es müsste versucht werden, die Infektionszahlen nicht zu extrem werden zu lassen, um die Kliniken nicht zu überlasten. Das gelte auch mehr und mehr für die Normalstationen, die stärker in den Blick genommen werden müssten.

Vor dem Spitzengespräch von Bund und Ländern zur weiteren Corona-Strategie am Montag kündigte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder allerdings noch einmal Lockerungen an. «Bayern wird in der Ministerpräsidentenkonferenz keine Verschärfungen mittragen, sondern die Regeln an einzelnen Stellen anpassen», sagte der CSU-Chef der «Augsburger Allgemeinen». In der Kultur, beim Sport und in der Jugendarbeit werde dann wieder mehr Teilhabe möglich.

Der entscheidende Maßstab sei die Belastung des Gesundheitssystems, sagte Söder. «Und dank der konsequenten Maßnahmen der vergangenen Wochen sowie der milderen Verläufe bei Omikron sind die Zahlen bei den belegten Intensivbetten insgesamt erfreulicherweise gesunken.»

Am Wochenende war die Sieben-Tage-Inzidenz in Bayern weiter nach oben geklettert auf knapp 864 am Sonntag, nachdem der Wert am Freitag laut Robert Koch-Institut bei 755 lag. Der Freistaat lag damit am Wochenende deutlich über dem Bundesdurchschnitt, der am Sonntag erstmals die Schwelle von 800 überschritt (807).

Trotz dieser hohen Zahlen entspannte sich die Situation in den Kliniken weiter etwas. Laut dem Intensivregister Divi lagen am Sonntag 332 erwachsene Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen in Bayern - dies waren elf weniger als noch am Freitag.

Der Münchner Virologe Oliver Keppler warnte dennoch vor erneut sehr hohen Zahlen von Corona-Patienten in den Krankenhäusern. Die Wucht der Infektionswelle werde sich dort niederschlagen. «Eine Verharmlosung von Omikron wäre daher fatal, die häufig zu lesende Einordnung als «mild» halte ich für brandgefährlich», sagte der Leiter der Virologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

Auch die Schulen spüren die Entwicklung der Fallzahlen. Laut Kultusministerium fehlen in Bayern immer mehr Schüler wegen Corona-Infektionen oder Quarantäne im Unterricht. Stand Freitag waren es 3,8 Prozent. Das sind mehr als doppelt so viele wie kurz nach den Weihnachtsferien am 11. Januar. Und auch bei Kindergärten, Krippen und Horten sind inzwischen sehr viele Einrichtungen vom Infektionsgeschehen betroffen.

Am Wochenende hatten wieder Tausende Menschen in mehreren Städten Bayerns gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen demonstriert. Zu größeren Protesten kam es beispielsweise am Samstag in Ansbach mit rund 2500 und in Regensburg mit etwa 2300 Teilnehmern. Auch in weiteren Städten wie Augsburg, Ingolstadt, Passau, Straubing und München machten die Gegner der Beschränkungen mobil. In manchen Orten kam es bei den Protesten auch zu Gegendemonstrationen.

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