Mehr Corona-Fälle
Debatte um Fahrplan: Inzidenzen "irrelevant"?
Karl Lauterbach
Karl Lauterbach auf der 17. Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock. Hier diskutieren rund 300 Experten über die Aufarbeitung der Corona-Pandemie.
Foto: Jens Büttner/dpa
Berlin – Die Corona-Zahlen steigen. Doch wie soll die Politik darauf reagieren? Das Gesundheitsministerium arbeitet schon an der nächsten Impfkampagne.

Nach dem erneuten Anstieg der Corona-Infektionen ist eine Kontroverse um die weitere Vorgehensweise im Sommer entfacht.

Während Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) von einer Sommerwelle spricht und mit wenig Entspannung in den kommenden Wochen rechnet, halten manche Experten die Corona-Inzidenzen derzeit nicht für relevant. Auch beim Erhalt der regionalen Impfzentren über den Sommer gibt es unterschiedliche Meinungen.

«Wir können uns nicht noch mal einen Herbst leisten, wo wir so vorbereitet sind wie im letzten Herbst», sagte Lauterbach bei der 17. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock. Zuvor äußerte sich der SPD-Politiker bei RTL/ntv und sagte, dass es zwar keinen Grund zur Panik gebe, allerdings würden nach steigenden Zahlen künftig auch die der Todesfälle wieder zunehmen.

Boosterimpfungen überprüfen und gegebenenfalls ausweiten

Das Gesundheitsministerium arbeitet deswegen an einer Impfkampagne für die kommenden Monate. Es gebe einen engen Austausch mit den Herstellerfirmen über neue Impfstoffe. «Wir erwarten diese Impfungen Ende August, wahrscheinlich eher Mitte September», kündigte der Minister an. Außerdem würden auch funktionierende Testkonzepte benötigt. Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen riet in der «Rheinischen Post» dazu, die Empfehlungen zu Boosterimpfungen zu überprüfen und gegebenenfalls auszuweiten.

Experte Klaus Stöhr, der Mitglied im Sachverständigenausschuss zur wissenschaftlichen Beurteilung der staatlichen Corona-Beschränkungen ist, sieht den gegenwärtigen Anstieg dagegen gelassen und sprach von «irrelevanten Meldeinzidenzen». Man müsse auf die Entwicklung in den Krankenhäusern achten, sagte er im ZDF-«Morgenmagazin». «Und da sehen wir eigentlich gar keine Zunahme. Ganz im Gegenteil. Die Situation ist so entspannt, wie man es nur hoffen konnte für den Sommer. Und daran wird sich auch nichts dramatisch ändern», meinte Stöhr.

«Infektionszahlen intersssieren mich nicht so sehr»

Auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sieht keinen Grund zur Panik. «Solange die Krankheitslast nicht massiv steigt, interessieren mich die Infektionszahlen, die ohnehin nicht korrekt erfasst sind, nicht so sehr», sagte Gassen der «Ärzte Zeitung».

Auch der weitere Fahrplan um den Umgang mit den Corona-Impfzentren stellt ein Diskussionsthema dar. Für ihren Erhalt über den Sommer auch bei derzeit geringem Andrang plädiert der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze. Jetzt alle Strukturen zurückzufahren und im Herbst dann wieder neu zu starten, sei nicht die richtige Lösung. «Ich mahne an jeder Stelle zur Vorsicht», sagte Schwartze.

Der Deutsche Hausärzteverband hält das Offenhalten dagegen für verzichtbar. «Die Impfzentren stehen deutschlandweit leer», sagte Präsident Ulrich Weigeldt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. «Weswegen sie jetzt den gesamten Sommer weiterbetrieben werden sollen, erschließt sich überhaupt nicht.» Das koste viel Geld, das woanders gebraucht werde. Die Hausärzte hätten bewiesen, dass Impfungen in Praxen am besten aufgehoben seien.

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen: