Nachruf
Eine Streiterin für die Schwachen
Barbara Stamm
Barbara Stamm war von 2008 bis 2018 Präsidentin des bayerischen Landtags.
Foto: Nicolas Armer/dpa
F-Signet von Michael Czygan Fränkischer Tag
Würzburg – Barbara Stamm war eine der mächtigsten Politikerinnen in Bayern. Dabei hat sie nie vergessen, wo sie herkam. Erinnerungen an eine außergewöhnliche Frau.

Keine Frage, sie kannte die große Politik. Und sie konnte die große Politik – mit all der Härte und den dazugehörigen Machtspielen. In Erinnerung aber wird Barbara Stamm bleiben mit ihrer Herzlichkeit, ihrer Zugewandtheit zu den einfachen Menschen, mit ihrer Empathie für all jene, die so gerne, aber genauso falsch, oft als die „kleinen Leute“ beschrieben werden. Am Mittwoch ist die ehemalige stellvertretende Ministerpräsidentin und Landtagspräsidentin knapp vier Wochen vor ihrem 78. Geburtstag in ihrer Heimatstadt Würzburg an Krebs gestorben. Die Trauer ist groß.

Der 14. Oktober 2018 ist ein Einschnitt. Nach 42 Jahren scheidet Barbara Stamm aus dem Landtag aus – nicht wiedergewählt, trotz zehntausender persönlicher Stimmen. Dabei hätte sie so gerne noch ein paar Jahre als Landtagspräsidentin dran gehängt – so war es mit Ministerpräsident Markus Söder abgesprochen. Viele in ihrem Umfeld raten ihr in jenen Tagen, nun vom politischen Alltagsgeschäft loszulassen, die gewonnene Freiheit im Familien- und Freundeskreis beim Kartenspielen, beim Schoppen und auf Reisen zu genießen. Und die in München mal ohne ihre Ratschläge weitermachen zu lassen. Aber all die Gutmeinenden wissen im Grunde auch: Eine Barbara Stamm tickt so nicht.

Das "soziale Gewissen"

„Das soziale Gewissen der CSU“Ein Jahr später, zu ihrem 75. Geburtstag, legt sie gegenüber dieser Redaktion ihren Terminkalender offen: Statt 80 Stunden die Woche arbeite seine Frau jetzt nur noch 60, wird Ehemann Ludwig im Freundeskreis zitiert. Nein, so viele seien es gar nicht, winkt Barbara Stamm ab. Doch nach wie vor ist sie in ganz Bayern gefragt, als Schirmherrin bei Vereinen vom Untermain bis in den Bayerischen Wald, als bestens vernetzte Lobbyistin in sozialen Fragen von der Pflege bis zur Behindertenhilfe. Der Titel „Das soziale Gewissen der CSU“ verpflichtet. Für ihre sieben Enkel bleibt der Opa also weiterhin „auch die Oma“, sagt sie mit einem Schmunzeln. 

Während der Corona-Pandemie muss Stamm auf die so geliebten Begegnungen mit Menschen weitgehend verzichten, aber zuletzt ist sie wieder umtriebig. Fast wie eh und je ist sie Gast bei den sozialen Verbänden, an der CSU-Basis, im Parteivorstand in München, vor allem aber auf den Festen in der Region. Für Barbara Stamm ist diese Nähe, diese Geselligkeit keine politische Attitüde, sie ist ihr Lebenselixier, egal wie es ihr gesundheitlich geht. Bis zuletzt wird sie gebraucht, um hinter den Kulissen anzuschieben, wenn es bei der Zahlung von Sozialleistungen hakt, wenn ein gut integrierter Flüchtling abgeschoben zu werden droht. Immer dann, wenn sie Ungerechtigkeit verortet, erhebt sie die Stimme mit großer Leidenschaft. Egal auch, ob es ihrer CSU passt oder nicht.

Stamm kämpft für Krankenhauserweiterung

Und sie streitet weiter auch politisch. Als Markus Söder im Juni in Würzburg verkündet, dass der Freistaat nun endlich drei Milliarden Euro für die Erweiterung des Uniklinikums freigibt, ist Barbara Stamm erleichtert. Noch bis zum Vortag habe sie, so erzählt sie am Rande des Termins, mit den Ministerialbeamten in München diskutiert und genervt, dass es auch wirklich dazu kommt. Über Parteigrenzen hinweg ist man sich einig, ohne das Engagement von Stamm wäre die Krankenhaus-Erweiterung auf Jahre hinweg eine Hängepartie geblieben.Die schwierige Kindheit als TriebfederAngetrieben ist die Politikerin Barbara Stamm von ihrer Herkunft. „Es stand nicht in meiner Geburtsurkunde, dass ich solche Chancen bekomme“, sagt sie einmal voller Demut und Dankbarkeit. Was das ganz

konkret heißt, wird einer größeren Öffentlichkeit in Details erst in den letzten Jahren bekannt: Gleich nach der Geburt, 1944 in Bad Mergentheim, gibt die gehörlose Mutter ihre Tochter in eine Pflegefamilie. Dort wird sie liebevoll umsorgt.
Barbara Stamm ist acht, als sie plötzlich von einer ihr bis zu diesem Tage völlig fremden Frau aus dieser Umgebung geholt wird: ihrer eigenen leiblichen Mutter. Dramatische Jahre folgen, die Mutter ist mit der Erziehung überfordert, der Stiefvater gewalttätig. Immer wieder landet die jugendliche Barbara nun im Heim. Es gibt Menschen, die zerbrechen an solchen Erfahrungen. Bei Stamm stacheln sie den Ehrgeiz an. Einer Religionslehrerin, die sie auch finanziell unterstützt, verdankt sie schließlich, dass sie nach der Hauptschule eine Ausbildung zur Kindergärtnerin machen kann.

In der CSU seit 1969

Über die katholische Jugendarbeit lernt sie Mitte der 1960er Jahre Ehemann Ludwig (84) kennen. Über ihn und seine Freunde, wie den späteren CSU-Postminister Wolfgang Bötsch (1938-2017) findet Barbara Stamm schnell zur Politik. Seit 1969 CSU-Mitglied, zieht sie 1972 in den Würzburger Stadtrat ein, 1976 wird sie erstmals in den Landtag gewählt. Unumstritten ist ihre Kandidatur in der Männerpartei CSU damals beileibe nicht. Und das soll lange noch so bleiben. Noch 1990, bei ihrer gescheiterten Kandidatur als Oberbürgermeisterin für Würzburg, muss die Mutter von Claudia (52), Thomas (48) und Sissi (42) gegen den Vorwurf ankämpfen, ihre Kinder zu vernachlässigen.

Damals hat Barbara Stamm bereits Karriere in München gemacht. Ab 1986 stellvertretende Vorsitzende der Landtags-CSU, holt sie Ministerpräsident Franz Josef Strauß nur ein Jahr später in sein Kabinett – als Staatssekretärin im Ministerium für Arbeit, Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit. Die weitere Laufbahn ist vorgezeichnet, und dennoch überrascht Barbara Stamm in einem Main-Post-Interview 2018 nach dem Ausscheiden aus dem Landtag mit der Aussage: „Oberbürgermeisterin meiner Heimatstadt, das war mein Lebensziel.“ Dass sie es damals in Würzburg nicht mal in die Stichwahl schafft, ist die erste größere politische Niederlage. Aufgeben aber wird Barbara Stamm nicht.
Im Gegenteil: Im Oktober 1994 ernennt sie Ministerpräsident Edmund Stoiber zur bayerischen Sozialministerin, ab 1998 amtiert Barbara Stamm zudem als stellvertretende Ministerpräsidentin. Ein Amt, das sie mit Leib und Seele ausführt, das sie auch später als Landtagspräsidentin vermisst, weil es konkreten politischen Einfluss zugunsten „ihrer“ Klientel, den Schwachen in der Gesellschaft, bedeute, wie sie sagt.

Stamm steht wieder auf

Im Januar 2001 dann der tiefe Fall: Weil Stoiber in der BSE-Krise einen Sündenbock sucht, um sich selbst aus der Schusslinie zu halten, muss die Ministerin Stamm zurücktreten. Bittere Tränen vergießt sie damals. „Ich weiß, wie es einem geht, wenn man am Boden liegt“, blickt sie später zurück. Aber sie steht politisch wieder auf. Längst nicht jeder in der CSU ist begeistert, als Stamm nach der Wahl 2008 als erste Frau das Amt der Landtagspräsidentin anstrebt. „Ich war oft sehr emotional. Das hat nicht allen Freude bereitet“, sagt sie. Vor allem das Durchstechen ihrer Krebserkrankung an die Münchner Boulevardmedien schmerzt. Letztlich startet sie noch einmal politisch durch. Und reift: In Umfragen ist die Landtagspräsidentin über Jahre hinweg die beliebteste Politikerin Bayerns. „Mama Bavaria“  wird sie jetzt gerne genannt.

Tochter Claudia rückt nach2009 im Landtag dann eine ungewöhnliche Form von Familienzusammenführung: Tochter Claudia rückt als Abgeordnete der Grünen (bis 2017) in den Landtag nach. Die Mutter empfindet Stolz, so sagt sie, dass die ältere Tochter in die Politik gegangen ist, obwohl sie neben den positiven Seiten auch erlebt habe, welche Entbehrungen der Job mit sich bringt. Über Parteifreunde, die damals lästern, mit der Erziehung sei etwas falsch gelaufen, weil Claudia nicht bei der CSU gelandet ist, kann die Mutter nur mit dem Kopf schütteln: „Ja, wo leben wir denn.“ 

Stamm mischt unermüdlich in der Tagespolitik mit

Barbara Stamm wäre nicht Barbara Stamm, wenn sie es als Landtagspräsidentin bei  Repräsentationsaufgaben beließe. Als stellvertretende Parteivorsitzende mischt sie gleichzeitig weiter in der Tagespolitik mit. CSU-Parteichef Horst Seehofer, mit dem sie vieles verbindet, allen voran die Herkunft von ganz unten, holt sie regelmäßig an seine Seite, wenn es gilt, in Berlin Koalitionsverhandlungen zu führen. Die Freundschaft leidet, als der Ministerpräsident später in der Flüchtlingspolitik ihrer Ansicht nach christlich-soziale Grundwerte schleift.
Dass Seehofer-Nachfolger Markus Söder sein anfängliches Schielen nach rechts im Wahlkampf 2018 beendet, führen nicht wenige auf den Einfluss Stamms zurück. Statt Angst vor Geflüchteten zu verbreiten, solle die CSU mehr Zuversicht vermitteln, sagt sie.

Die CSU habe es Barbara Stamm nicht immer leicht gemacht, gesteht der Ministerpräsident aus Franken beim Bürgerempfang zu ihrem 75. Geburtstag 2019 in Würzburg. Es ist der letzte große Bahnhof in ihrem Leben: Das halbe bayerische Kabinett ist an diesem Sonntag nach Würzburg gekommen. Neben Markus Söder sind auch dessen Vorgänger Horst Seehofer und Günther Beckstein dabei, Familienmitglieder und viele langjährige Weggefährten. Eine davon ist Edith Ballhaus, eine Würzburger Bürgerin, die schon 1974 für Stamm im Wahlkampf geworben hat und sie seitdem begleitet. Ob sie ein Erfolgsrezept für diese lange Karriere ausmachen kann, wird sie gefragt. Edith Ballhaus: „Ich mag Barbara Stamm, weil sie ehrlich ist. Sie lacht einen nicht nur einfach an, ihre Augen gehen mit. Ich glaube, das merken auch andere Menschen.“  

Lesen Sie auch:

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen:
Inhalt teilen

Oder kopieren Sie den Link: