Nach Gegenoffensive
Nummern statt Namen: Suche nach mehr Toten
Ukraine-Krieg - Isjum
Oleg Kotenko, der Beauftragte für Vermisstenfragen unter besonderen Umständen, filmt mit seinem Smartphone das Grab eines ukrainischen Soldaten, der zu Beginn des Krieges von den russischen Streitkräften getötet worden war, in der kürzlich zurückeroberten Stadt Izium.
Foto: Evgeniy Maloletka (AP)
von dpa
Kiew/Moskau/Berlin – Die Behörden finden zahlreiche Gräber in befreiten Gebieten. Um ein Massengrab handelt es sich wohl nicht, die UN nennt die Funde aber schockierend.

In der befreiten ostukrainischen Kleinstadt Isjum sind mehr als 400 Leichen gefunden worden - um ein Massengrab handelt es sich nach ersten ukrainischen Untersuchungen aber nicht. Die Menschen seien den Erkenntnissen zufolge gestorben, als Russland die Stadt Ende März heftig beschossen habe, sagte der ukrainische Vermisstenbeauftragte Oleh Kotenko dem TV-Sender Nastojaschtschee Wremja in der Nacht zu Freitag. Die Bestattungsdienste hätten zum Teil nicht gewusst, wer die vielen toten Menschen seien. Deshalb stünden auf einigen Kreuzen nur Nummern. Derzeit bemühten sich die Behörden, ein Register mit den Fundorten der Leichen zu finden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach nach ersten Exhumierungen allerdings von Folterspuren an Leichen, ohne Details zu nennen. «Das muss die ganze Welt sehen» schrieb er auf Telegram. Der Präsident teilte dazu Fotos der Arbeiten an einer Gräberstätte in einem Waldstück bei Isjum. Dem Internetsender Hromadske zufolge waren bei 3 von 40 exhumierten Leichen die Hände gefesselt.

Der Kreml und die EU streiten sich unterdessen um den Export von russischem Dünger. Der russische Präsident Wladimir Putin warf der EU am Freitag auf dem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) Einschränkungen des russischen Düngemittelexports in Entwicklungsländer vor. Die EU bezeichnete solche Vorwürfe als «Fake News». Gegen russische Propaganda will sich auch Bundeskanzler Olaf Scholz wehren - und dafür seine Rede bei der UN-Vollversammlung in New York kommende Woche nutzen.

Grabfunde wohl kein zweites Butscha

Bei den in Ijsum gefundenen Gräbern handelt es sich nicht, wie zunächst angenommen, um ein Massengrab, sondern um viele Einzelgräber: «Ich möchte das nicht Butscha nennen - hier wurden die Menschen, sagen wir mal, zivilisierter beigesetzt», sagte Kotenko.

Eine Sprecherin des UN-Menschenrechtsbüros in Genf nannte die Leichenfunde schockierend. Die Todesursache jedes einzelnen Verstorbenen müsse untersucht werden. Die Suche nach weiteren Toten in den zurückeroberten Gebieten wird ukrainischen Angaben zufolge derweil durch Minen erschwert. Kotenko sagte, man mache aber weiter, um die Körper Gefallener an ihre Familien zu übergeben.

Ende März waren in dem Kiewer Vorort Butscha nach dem Abzug russischer Truppen Hunderte getötete Zivilisten teils mit Folterspuren gefunden worden. Butscha gilt seitdem als Symbol für schwerste Kriegsverbrechen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der am 24. Februar begann. Isjum im Gebiet Charkiw war Ende März von den russischen Truppen erobert worden - in der vergangenen Woche befreite die ukrainische Armee die Stadt.

Scholz will vor UN russischer Propaganda entgegentreten

Kanzler Scholz (SPD) werde in New York das Vorgehen des russischen Präsidenten Putin klar als Völkerrechtsbruch benennen, hieß es aus Regierungskreisen in Berlin. Der von Moskau geführte Meinungskrieg dürfe nicht unterschätzt werden. Mit Blick auf die ablehnende Haltung des Kanzlers zur Lieferung von Kampfpanzern hieß es, hier stehe keine Veränderung an.

Auf einer Tagung der Bundeswehr in Berlin sagte Scholz, dass er im Rückblick härter auf die russische Annexion der Krim 2014 reagiert hätte. Die internationale Gemeinschaft hatte nach der Annexion der Schwarzmeer-Insel Sanktionen gegen Russland verhängt.

Putin beklagt EU-Einschränkungen für Dünger - Michel: «Fake News»

Putin sagte, die Europäische Union lasse zwar für sich selbst die Einfuhr russischer Dünger zu, aber nicht in andere Staaten. Er forderte die bei dem Treffen im usbekischen Samarkand vertretenen Vereinten Nationen auf, Druck auf die EU auszuüben, die im Zuge des Ukraine-Kriegs verhängten Einschränkungen aufzuheben. Russland sei bereit, 300 000 Tonnen Dünger «kostenlos» an Entwicklungsländer abzugeben, sagte Putin.

Die EU widersprach dieser Ansicht entschieden. «Das sind Fake News», sagte EU-Ratschef Charles Michel der Deutschen Presse-Agentur und anderen europäischen Medien. «Russland hat beschlossen, die Ausfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu verbieten.» Moskau versuche, die Schuld auf die EU und die G7-Staaten zu schieben und behaupte, die Sanktionen seien der Grund für Probleme bei der Lebensmittelsicherheit in afrikanischen Ländern. «Das ist nicht korrekt.» Deshalb sei er in engem Kontakt mit afrikanischen Ländern.

Russische Besatzer melden ukrainischen Raketenangriff auf Cherson

Die Ukraine setzt derweil ihre Angriffe auf besetzte Gebiete fort. In der südukrainischen Großstadt Cherson schlugen am Freitag nach russischen Angaben fünf ukrainische Raketen in ein Gebäude der Besatzungsverwaltung ein. Dabei sei mindestens ein Mensch getötet und einer verletzt worden, hieß es. Unabhängig überprüft werden konnte das zunächst nicht.

London: Russland mangelt es in der Ukraine an Infanterie und Offizieren

Den russischen Truppen mangelt es nach britischer Einschätzung im Angriffskrieg gegen die Ukraine an Infanterie und Offiziersnachwuchs. Der Krieg habe erhebliche Auswirkungen auf die russische Personalstärke, teilte das Verteidigungsministerium in London am Freitag unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse mit. Unter anderem würden die russischen Militärakademien die Ausbildungskurse für die Kadetten kürzen und Abschlusstermine vorziehen. «Dies geschieht mit ziemlicher Sicherheit, damit Kadetten eingesetzt werden können, um die Operation in der Ukraine zu unterstützen», hieß es.

Hochrangiger Separatist und Vize in ostukrainischem Luhansk getötet

Im von Russland besetzten ostukrainischen Gebiet Luhansk sind örtlichen Angaben zufolge hochrangige Mitglieder der von Moskau gelenkten Separatisten bei einem Anschlag getötet worden. Der Chef der Luhansker Separatisten, Leonid Passetschnik, machte die Regierung in Kiew für den Anschlag verantwortlich. Die Ukraine wies hingegen eine Beteiligung zurück.

Ukraine erhält weitere Panzer über Ringtausch mit Griechenland

Die Ukraine erhält bald Schützenpanzer sowjetischer Bauart aus Griechenland. Athen liefert 40 Panzer des Typs BMP-1 an Kiew, dafür erhält Athen von Deutschland 40 Schützenpanzer Marder aus Industriebeständen, wie das Bundesverteidigungsministerium mitteilte. Mit dem sogenannten Ringtausch sollen ukrainische Streitkräfte zügig mit sowjetischen Systemen versorgt werden, für die sie keine zusätzliche Ausbildung benötigen. Die Länder, die die sowjetischen Waffen abgeben, erhalten dafür westliche Fabrikate.

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