Vor wenigen Tagen in Hammelburg: Das Telefon von Walburga S. (Name von der Redaktion geändert) klingelt, es meldet sich die tränenerstickte Stimme ihrer Enkeltochter. Aufgeregt berichtet sie von einem schrecklichen Unfall, den sie soeben verursacht habe.
Der 87-jährigen Hammelburgerin fährt der Schock in die Glieder. Sie ist fassungslos. Schlimmste Gedanken schwirren ihr durch den Kopf. Am Ende erweist sich der Anruf als typischer Betrugsversuch: „Mit 474 Taten verdreifachte sich die Anzahl der vollendeten Delikte“, fasst das Polizeipräsidium Unterfranken die Statistik 2022 zusammen.
Nach 1,4 Mllionen Euro im Jahr 2021 ergaunerten sich die Betrüger laut Polizei im verganegnen Jahr alleine in Unterfranken vier Millionen Euro.
Walburga S. schildert, wie der Anruf weitergeht: Nach der vermeintlichen Enkelin meldet sich ein angeblicher Polizeibeamter, schildert den Unfall, bei dem nicht nur eine junge schwangere Mutter lebensbedrohliche Verletzungen erlitten habe und auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben, sondern auch ein Kleinkind zu Schaden gekommen sei. Regungslos und den eigenen Tränen nahe versucht Walburga S. den Schilderungen zu folgen.
Täter gehen höchst professionell vor
Walburga S. ist eines von vielen Opfern des sogenannten Enkeltricks. Immer wieder versuchen Betrüger auf diese Weise an das Geld ihrer Opfer zu kommen. Allein drei Fälle aus der einer Woche sind bei der Polizeiinspektion Hammelburg aktenkundig geworden. Und die Täter agieren immer perfider und höchst professionell.
So ist Walburga S. überzeugt, tatsächlich die Stimme ihrer Enkelin erkannt zu haben. Mit ihren Gefühlen und ihrer Trauer ist sie allein, aufgrund des erlittenen Schocks nicht in der Lage zu reagieren, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich war total verwirrt“, sagt Walburga S.
Genau darauf setzen die Betrüger. Ganz gezielt verunsichern sie die alte Frau immer weiter. Die Enkeltochter habe eine Kreuzung bei Rot überquert und sei somit voll verantwortlich für den Unfall. Sie komme unverzüglich in eine mindestens sechsmonatige U-Haft, berichtet der vermeintliche Polizeibeamte. Das habe ein Richter verfügt. Einzige Möglichkeit, dies zu umgehen, sei die Zahlung von 35 000 Euro. Die Seniorin, so der Mann am anderen Ende der Leitung, möge das Geld von der Bank abholen und der „Polizei“ übergeben.
Walburga S. ist allerdings ihrem Alter entsprechend so gebrechlich, dass sie das Haus nicht verlassen kann. Als die Täter das hören, ändern sie die Taktik – fragen nach Bargeld und weiteren Informationen. Walburga S. gibt zunächst Auskunft, will ihrer Enkeltochter alle mögliche Hilfe zukommen lassen. Erst nach und nach bemerkt sie, dass sie Betrügern aufsitzen könnte.
Als sie denen dann erzählt, dass ein Sohn kommen werde, der „sich auskennt“ bricht der „Polizeibeamte“ das Gespräch abrupt ab und legt auf. Beruhigen kann sich Walburga S. aber noch lange nicht.
Der Rückruf beim Sohn und der Enkeltochter bringt ein wenig Erleichterung: Walburga S. erfährt, dass alle wohlauf sind – der Unfall Fiktion. Doch der Schock bleibt – und die Angst. In großer Sorge und völlig verunsichert bleibt die Seniorin zurück. Im Haus schließt sie sich ein, öffnet keine Türe mehr. Selbst nach einigen Tagen steckt der Schreck in den Gliedern, kreisen die Gedanken – auch wenn die Betrüger letztendlich nicht zum Ziel gekommen sind. Ihren Sohn bittet sie, Anzeige bei der Polizei zu erstatten.
Der unterfränkische Polizeipräsident Detlev Tolle aus Hammelburg betont es bei jeder Gelegenheit: „Es gibt keinen Grund, weshalb die Polizei bei Ihnen anrufen sollte und von Ihnen Geld verlangt.“ Trotzdem kann er nachvollziehen, weshalb Opfer zum Teil hohe sechsstellige Beträge an Betrüger übergeben: „Senioren geben natürlich alles für ihre Enkel.“ Umso wichtiger seien Präventionskampagnen wie „Leg auf“, „Ich schütze Oma und Opa“ oder „Chill mal, Oma“, die vor den Manipulationen durch Callcenter-Betrüger warnen.
Zur Steigerung der Fallzahlen trug laut Polizeipräsidium auch die Nutzung von Messenger Diensten wie WhatsApp als neue Plattform für die Kontaktaufnahme bei. Das Vortäuschen eines Beziehungsverhältnisses („Hallo Mama/ Hallo Papa“) habe sogar um mehr als das Vierfache zugenommen.
„In ihren Bemühungen, für eine möglichst niedrige Kriminalitätsbelastung bei einer hohen Aufklärungsquote zu sorgen, wird die unterfränkische Polizei nicht nachlassen“, heißt es dazu aus Würzburg. Wichtig bleibe die Präventionsarbeit, um „vor den perfiden Tricks der Betrüger zu warnen“.
Tipps der Polizei:
1. Legen Sie auf! Wählen Sie selbst die Notrufnummer 110 und fragen bei der Polizei nach einem entsprechenden Einsatz oder ob tatsächlich Verwandte in Not sind.
2. Die Polizei weist Sie niemals an, Geld oder Schmuck zu Hause zur Abholung bereit zu legen oder an Abholer zu übergeben.
3. Weder Polizei noch Justiz werden Sie jemals telefonisch auffordern, Geld zu überweisen!
4. Übergeben Sie keine Geldbeträge an Fremde! Die Polizei holt an der Haustüre keine Wertsachen ab, um sie in Verwahrung zu nehmen!
5. Die Täter können mittels Call ID-Spoofing jede von ihnen gewünschte Rufnummer auf dem Telefondisplay anzeigen lassen – bei der echten Polizei erscheint niemals die 110 (auch nicht mit Vorwahl)!
6. Sprechen Sie mit Freunden, Nachbarn und Verwandten über das Phänomen!









