Ein richtiger Schritt
von Manuel Bogdahn
Die neue „Normalität“ hat uns konditioniert: Wir ziehen automatisch Masken auf, wenn wir einen Innenraum betreten, ohne zu hinterfragen, ob das noch verhältnismäßig ist. Gerade die harmlosere Omikron-Variante ist jedoch ein Gamechanger: Trotz extremer Inzidenzen sind die Intensivstationen nicht am Limit – auch weil die Impfquote hoch ist. Die regulären Stationen sind zwar voll, das liegt aber auch daran, dass das Gesundheitswesen kaputtgespart wurde. Unterm Strich bleibt eine geringe Sterberate und die ist entscheidend.
Mehrheit für Minderheit verantwortlich
Entscheidend ist auch, dass mittlerweile jeder die Möglichkeit hat, sich selbst durch eine Impfung und Boostern zu schützen. Nach über zwei Jahren Solidaritätsprinzip muss es also endlich in Richtung individuellen Schutz gehen – dabei darf die Eigenverantwortung nicht ignoriert werden. Denn: Dass eine große Mehrheit allein für den Schutz einer kleinen Minderheit verantwortlich ist, kann keine dauerhafte Lösung sein.
Zugegeben: In Seniorenwohnzentren und Krankenhäuser ist eine Maskenpflicht auch aktuell noch sinnvoll. Im öffentlichen Leben ist sie jedoch mittlerweile unverhältnismäßig. Auch war das Gastro- oder Einkaufserlebnis begrenzt, was große Umsatzeinbußen brachte. Der Blick in andere Länder zeigt, dass es keine Maskenpflicht mehr braucht: England, Dänemark und die Niederlande haben sie mittlerweile abgeschafft. Dort gab es jüngst keine Überlastung der Intensivstationen, obwohl die Inzidenzen zeitweise in die Höhe geschnellt waren. Deswegen ist eine Lockerung nicht nur vertretbar, sondern angebracht.
Ins Gesicht geschrieben
Nicht zuletzt, weil das dauerhafte Tragen von Masken zu großen Unannehmlichkeiten führen kann – vor allem bei Kindern. Deren unbeschwertes Aufwachsen ist in einer Welt, in der die Angst vor einer Krankheit den Menschen buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht, gefährdet. Deshalb: Lernen mit der Pandemie zu leben, heißt auch Freiheiten zurückgeben.
Schlechter Zeitpunkt
von Matthias Litzlfelder
Irgendwann muss es auch mal gut sein mit diesen Regeln, so hört man. Also fällt nun an diesem Wochenende auch das Tragen von Schutzmasken, beispielsweise in stark frequentierten Geschäften.
Das ist vergleichsweise so, als wenn in den nächsten Tagen nur der dünne Pullover getragen wird. Schließlich ist April, Frühling, und es ist doch schön und wichtig, endlich den Winter hinter sich zu lassen.
Freiwilligkeit nutzt nichts
Und wenn es schneit? Oder fragen wir anders: Und wenn die Corona-Inzidenzen extrem hoch und das Personal in den Kliniken aufgrund von hohen Personalausfällen am Limit ist? Ändern wir dann unser Vorhaben? Ist die Winterjacke, ist die Maske wirklich so schlimm und frühlings- oder freiheitseinschränkend?
Wenn es um Corona-Regeln geht, dann ist immer auch viel von Freiwilligkeit, von Vernunft, von Rücksichtnahme die Rede. Der mündige Bürger könne doch gut selbst entscheiden, was richtig ist. Nein. Der mündige Bürger hält sich an Regeln. Nicht mehr und nicht weniger. Und wenn diese Regeln es zulassen, lockerer und angenehmer zu leben, dann nutzt die ganze Freiwilligkeit nichts. Dann geht es nur noch nach dem – typisch menschlichen – Motto: Wenn andere keine Maske mehr tragen, warum soll ich dann noch Rücksicht nehmen? Was möglich ist, wird maximal ausgenutzt – nicht erst seit Corona.
Behandlungen werden aufgeschoben
Die Inzidenz in Deutschland sinkt bereits, wenn auch langsam. Was wäre dabei gewesen, noch vier Wochen zu warten, so wie es Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern machen? Vier Wochen weiter Schutz-Maske-Tragen hätte den ein oder anderen Coronatoten verhindert. Leidtragende sind auch Nicht-Corona-Klinikpatienten, deren Behandlung nun weiter aufgeschoben wird.
Wenn minimale Einschränkungen in so einer Situation nicht mehr möglich sind, ist das kein gutes Zeichen für eine Gesellschaft.
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