Wie kommt es zu einer so grauenhaften Tat? Warum musste eine 14-Jährige sterben? Hätte jemand das Verbrechen verhindern können?
Nach dem Weisendorfer Familiendrama am Dreikönigstag beschäftigen viele offene Fragen die Bewohner der Marktgemeinde. Noch ist die Tragödie für viele Bewohner nicht greifbar, zu sinnlos klingt die Tat, zu unrealistisch der Gedanke, dass so etwas in dem kleinen Ort geschehen ist.
Zur Unterstützung der Weisendorfer in diesen traurigen Zeiten haben die Schulen im Umkreis und die Kirchgemeinden Angebote für die Bürger geschaffen, die Trost suchen oder jemanden zum Reden brauchen.
Fürbitte für den 17-Jährigen
Am Sonntag fand eine ökumenische Andacht für die Tote in der evangelischen Kirche Weisendorf statt.
„Menschen haben in Krisenzeiten das Bedürfnis, dass das in Worte gefasst wird, wofür sie selbst keine Worte finden. Es tröstet, gemeinsam einen viel zu frühen Tod zu beklagen und für die Familie zu beten“, sagt Pfarrerin Elisabeth Weichmann, die die Andacht hielt.
Eine der Fürbitten war dem 17-jährigen Bruder des Opfers gewidmet. „Die Bitte war, dass er sich eines Tages selbst verzeihen kann“, sagt Weichmann.
Schulen starteten ihr Krisenprogramm
In den Schulen in Weisendorf und dem Landkreis begannen schon am Freitag die Vorbereitungen auf den ersten Schultag nach dem Familiendrama.
Schüler, die Fragen zu dem Fall haben oder persönlich betroffen sind, – etwa weil sie die Familie kannten – sollen damit nicht allein gelassen werden.
In den Schulen setzten sich die Krisenteams zusammen und besprachen den Ablauf. Die Schulleiter bestellten zur Unterstützung ihrer Schulpsychologen vor Ort Vertreter des Krisenteams bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen (KIBBS) ein und versendeten Elternbriefe mit Tipps zur Unterstützung der Kinder.
Die 14-Jährige ging in Höchstadt zur Schule
In der besonders betroffenen Realschule Höchstadt, in der das 14-jährige Opfer zur Schule ging, wurde ein Trauerraum eingerichtet, in dem die Schüler Gedenkkerzen aufstellen und ihre Gedanken aufschreiben konnten.
„Uns war es wichtig, dass wir die Möglichkeit zum Reden geben und dabei den Unterschied zwischen Fakten und Gerüchten thematisieren und Schuldzuweisungen vermeiden“, sagt der Rektor der Realschule Höchstadt, Markus Ott.
Die Lehrer erhielten Tipps zum Umgang mit betroffenen Schülern und selbst die Möglichkeit, über ihre Gedanken zu reden. „So ein Fall macht einfach sprachlos. Natürlich sind die Lehrer der 14-Jährigen noch einmal ganz anders von der Tragödie getroffen. Wir bauen hier an der Realschule sehr gute Beziehungen zu unseren Schülern auf“, sagt Ott.
Notfallpsychologen auf Anfrage
Das Kibbs besteht aus Schulpsychologen aus ganz Bayern, die alle zusätzlich im Bereich Notfallpsychologie ausgebildet sind. Das Team in Mittelfranken hat 90 Mitglieder, die in Krisenzeiten Schulen unterstützen, die darum gebeten haben.
Ulrike Fechter ist die Schulpsychologin der Grundschule Weisendorf – die die Getötete und ihr Bruder besuchten – und gleichzeitig Mitglied des Kibbs.
„Natürlich beschäftigt so eine Tragödie die Schüler. Weisendorf ist eine kleine Gemeinde, im betroffenen Wohngebiet leben viele junge Familien. Es war klar, dass die Grundschüler das Haus und die Kerzen davor gesehen haben, oder die beiden Geschwister sogar über ihre eigenen älteren Geschwister kannten“, sagt Fechter.
"Normalität gibt Sicherheit"
Schon kurz nach der Nachricht vom Fund der 14-Jährigen sei deshalb an der Grundschule das Krisenprogramm angelaufen. Bereits am Freitag habe es ein Gesprächsangebot für Schüler gegeben.
„Am Montag haben die Lehrer das Thema in den Klassen aktiv angesprochen. Wir wollten Gerüchten vorbeugen und hören, was die Kinder beschäftigt. Unser Ziel war es, sie zu stabilisieren und in den normalen Unterricht überzugehen. Normalität gibt Sicherheit“, sagt Fechter.
Mit Schülern, die der Fall offensichtlich stärker umtrieb, führten die Psychologen Einzelgespräche. „Dort geht es um die Frage ,Was kann ich tun, damit es mir wieder gut geht?’“ Den Kindern würden Möglichkeiten gezeigt, ihre Gedanken zu verarbeiten, „zum Beispiel, indem sie sie auf Zettel schreiben und dann im Klo herunter spülen“, sagt Fechter.
Methoden wie diese, würden vor allem jüngeren Kindern helfen. Für die älteren Freunde der Toten bräuchte es andere Angebote.
Auch eine Therapie sei denkbar
Die Unterstützung der Freunde der Getöteten war die Aufgabe des Regionalkoordinators des Kibbs Mittelfranken, Thomas Krämer. Er war am Montag an der Realschule Höchstadt im Einsatz.
„Wie man die persönlich Betroffenen unterstützen kann, kommt auf deren Reaktion auf das Ereignis an. Bei manchen empfehlen wir sogar eine längerfristige Therapie“, sagt Krämer.
Ein Gespräch am ersten Schultag nach der Tat reiche in keinem Fall aus. „Das Kibbs hilft bei der psychologischen Erstversorgung. Dann machen wir den Eltern und Lehrern Vorschläge, was sie tun können, und übergeben die Fälle den Schulpsychologen“, sagt Krämer.
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