Amira (21) wollte mit ihrem Freund zusammen sein. Ihre Familie wollte das nicht. Amira heißt in Wirklichkeit anders. Ihre Identität soll geschützt bleiben, damit sie nicht in Gefahr gerät.
Anfang 2020 floh sie innerhalb Deutschlands mit ihrem Schulfreund vor ihrer eigenen Familie. „Ich wusste, dass mein Leben nicht so bleiben würde. Ich habe nicht an die Schule gedacht, nicht darüber, wie ich weitermachen sollte. Ich habe nur daran gedacht, dass ich weg muss“, sagt Amira heute.
Gewaltandrohung im Namen einer vermeintlichen Ehre
Was wäre passiert, wenn sie bei ihrer Familie geblieben wäre? Amira sagt: „Ich weiß es nicht. Etwas sehr Schlimmes.“ Veronika Richler-Yazeji von der Frauenhilfsorganisation „Solwodi“ wird da deutlicher: „Ob du es überlebt hättest, weißt du nicht.“ Amira nickt. Veronika Richler-Yazeji kann das sagen, weil sie Amira intensiv unterstützt, seitdem diese vor zweieinhalb Jahren mit ihrem Freund in Bad Kissingen ankam.
Sich vor der eigenen Familie verstecken
Wie wird man von der eigenen Familie nicht gefunden? Man muss alles dafür tun, damit das weiterhin so bleibt. „Das größte Sicherheitsrisiko sind die Frauen selbst“, sagt Richler-Yazeji.
Ein großes Risiko würde Amira also dann eingehen, wenn sie ein Foto von sich vor irgendeiner Sehenswürdigkeit posten würde. Sei es in WhatsApp oder in den sozialen Netzwerken. Auch ein „harmloses“ Selfie kann leicht schief gehen, etwa wenn im Hintergrund ein Auto mit einem Kennzeichen mit „KG“ zu sehen ist.
Zum Sicherheitsrisiko kann es auch werden, wenn eine Behörde Daten an die Familie weitergibt. Sogenannte „Auskunftssperren“ sind deshalb sehr wichtig. Zusätzlich schreiben die beiden Frauen auf nahezu jedes Blatt, das an Behörden geht, einen Warnhinweis. Das Kindergeld oder das BAföG für die Miete soll Amira erhalten, ohne dass ihre Eltern eine Info bekommen, wo sie sich aufhält.
Typische Lockversuche der Familie
Veronika Richler-Yazeji warnte Amira zudem vor, mit welchen typischen Vorwänden Familien oft versuchen, ihre Tochter nach Hause zu locken. Ihr würde dann zum Beispiel suggeriert, dass jemand aus der Familie furchtbar erkrankt sei. Oft Mutter oder Schwester.
Oder es werde massiver Druck aufgebaut, gedroht, die Tochter überall zu suchen und sie mit Gewalt nach Hause zu holen. Oder es folgten die Beteuerung der Familie ihre Tochter nun zu verstehen und unzählige Entschuldigungen.
„Dieses Vorgehen – nacheinander und ständig wieder etwas anders –, das machen viele Familien“, sagt Richler-Yazeji. Amira bestätigt, dass es bei ihr ähnlich war.
Kontaktabbruch fällt schwer
„Der Kontaktabbruch ist sehr schwer“, sagt Amira. Es gebe Tage, da sitze sie stundenlang vor dem Smartphone und sei „sehr traurig im Herzen“, stets in der Versuchung, ihre Mutter anzurufen. „Aber dann sage ich mir, wenn ich das mache, dann mache ich alles, was ich bisher geschafft habe, selbst kaputt.“
Herauszufinden, was sie selbst will – wenn doch sonst ihr Leben lang die Familie bestimmt hat – sei nicht einfach. Im Moment macht sie ihre Ausbildung, in ein paar Jahren will sie Bankkauffrau werden.
In der Schule spreche sie mit niemandem über ihre Vergangenheit. Ein paar Lehrer seien eingeweiht. Mit ihrem Freund ist sie weiterhin zusammen.
„Ich hätte niemals gedacht, dass ich es schaffe. Aber ich bin stark. Und Solwodi und Veronika haben mich gerettet. Ich bin sehr dankbar“, sagt Amira.
Lesen Sie hier einen weiteren Text, wie es verfolgten Frauen im Landkreis ergeht:
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Verwendungszweck:
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