Seit fast 35 Jahren begeistert die Forchheimer Kultband Moskitos bei Festen und Veranstaltungen. Am Annafest dann die große Überraschung: Die Band verkündete ihren Bühnenabschied. Im FT-Interview spricht Harald Neubauer über die Gründe.
Wie kam es zu Eurem Entschluss, aufzuhören?
Harald Neubauer: Es ist einfach an der Zeit. Im Oktober sind es genau 35 Jahre, dass ich die Moskitos leite und ich finde, es ist genug. Ich würde gerne ein anspruchsvolles Programm mit Liedern, die meiner Generation gefallen, spielen.
Durch den Namen Moskitos wird man leider immer in die Party-Ecke gedrückt und die Leute erwarten dann eben auch Party. Das Publikum hat vor vielen Jahren damit angefangen, Forderungen bei den Bands zu stellen und auch dementsprechend zu reagieren. Wenn man auf die Wünsche nicht eingeht, fühlt man sich regelrecht angefeindet. Das ist wirklich traurig und für mich ein großer Punkt.
Das klingt ja wirklich alles andere als schön …
Es ist einfach nicht lustig, wenn stundenlang nach jedem Lied irgendeine Gruppe im Publikum Böhse Onkelz fordert oder Layla oder Johnny Depp, obwohl du schon fünfmal durchgesagt hast, dass du diese Lieder nicht spielst. Du kannst ja auch nicht zu McDonald’s gehen und eine Leberkässemmel bestellen. Gleichzeitig fühlt man sich oft nicht mehr als Künstler behandelt, sondern eher als Störenfried.
Und dann kann es dir passieren, dass dir ein 20-jähriger Sicherheitsdienst sagt, du darfst deinen Rucksack nicht mit auf die Veranstaltung nehmen oder noch besser, du darfst nicht auf die Bühne. Das entwickelt sich zum Teil in eine merkwürdige Richtung.
Gab es denn einen bestimmten Anlass, der zu dieser Entscheidung geführt hat?
Ich denke, in meinem Kopf hat es an der Bergkirchweih 2022 geklickt, weil da sind wieder ein paar Sachen vorgefallen, die mir den Spaß an der Sache nehmen. Es sind vor allem die Auflagen, die die Verantwortlichen der Stadt Erlangen aushecken.
Diesmal hieß es, es gebe einen Pausenplan, an den sich jede Band halten müsse. Man sollte außerdem keine Mallorca-Musik und keine aufpeitschende Musik spielen. Ich habe dem Publikum den Pausenplan beim ersten Lied vorgelesen, damit jeder schon mal Bescheid weiß.
Und dass die Leute gar nicht zu anderen Bühnen laufen brauchen, weil da auch Pause ist. Es haben sich nur leider manche Kellerwirte und deren Bands nicht dran gehalten und lieber die Strafe der Stadt Erlangen auf sich genommen – da kommst du dir schon veräppelt vor.
Würdest Du sagen, dass sich für Bands das Spielen bei Festen, speziell beim Annafest, verändert hat?
Natürlich, das ist kein Vergleich zu früher. Ich bin beispielsweise vor 25 Jahren am Sonntagnachmittag um 15 Uhr mit dem 7,5-Tonner hoch zum Glockenkeller gefahren und da war die Straße gestopft voll mit Familien und kleinen Kindern. Es waren viel mehr Leute auf diesem Fest.
Alle haben aufgepasst, ich bin Schritt gefahren, der Bernd Häfner ist vorausgelaufen und hat die Leute gewarnt und geholfen. Das war ganz normal. Nie ist jemand von einem Musiker auf dem Annafest verletzt worden, kein einziges Mal.
Und jetzt?
Jetzt musst du als Musiker bis 13 Uhr das Gelände verlassen haben und dann steht deine 2000 Euro teure Gitarre alleine auf der Bühne oder du bewachst sie, weil wenn sie jemand mitnimmt, haftet kein Schwein dafür. Und nachts musst du warten, bis der Herr vom Sicherheitsdienst dir gestattet, reinzufahren.
Einmal waren wir auf dem Glockenkeller und es hat geschüttet und war saukalt. Es war fast kein Mensch mehr da und wir waren um 23.20 Uhr bereit zum Einladen. Der Sicherheitsdienst meinte, erst um 1 Uhr könnt ihr reinfahren. Wir haben gefroren, ich meine, man will ja nicht mitten im Annafest krank werden, wenn man singen soll.
Also hat der Bernd den Lkw geholt. Darauf hin haben sie ihn durch den Wald verfolgt, ich glaube sogar mit Hunden, und sogar die Polizei gerufen. Da hast du gemeint, es wird ein Serienmörder gesucht.
Das ist ja total verrückt …
Ich weiß, dass wir diese Leute brauchen, und bin froh, dass es überhaupt Menschen auf sich nehmen, unter lauter Betrunkenen den „Spielverderber“ zu markieren. Ich würde mir nur wünschen, dass ein Unterschied gemacht wird, wie man einen besoffenen 25-Jährigen, der aggressiv ist, behandelt und wie man einen über 50-jährigen Musiker behandelt, der hier seinen Job macht und seit über 30 Jahren auf diesem Fest spielt.
Und die Zäune und Geländer? Wie oft sind denn schon Menschen heruntergestürzt oder gar Musiker übers Geländer gefallen? Also ich denke, es ist etwas übertrieben.
Ihr habt bei Eurem Auftritt am Montag auf dem Annafest dem Publikum offenbart, dass Ihr aufhört. Das war doch sicherlich sehr emotional, oder?
Auf jeden Fall, das war schon eine Berg- und Talfahrt am Montag für uns alle. Unsere Sängerin Sonja Geisler hat es einfach dem Publikum durchs Mikrofon gesagt, es war eigentlich nicht ausgemacht.
Ich weiß nicht, ob ich was gesagt hätte, wir spielen ja noch viele Auftritte bis Ende Oktober. Aber es ist schon in Ordnung so, ich bin nicht der Typ, der groß trommeln muss, wenn er abtritt, ich denke, wir haben als Band 35 Jahre Leistung gebracht, das zählt.
Geht Ihr jetzt getrennte Wege?
Ich denke, alle machen weiterhin Musik und mit Sonja zusammen habe ich ja noch ein Duo laufen. Und natürlich unser Kindermusical Willi die Wühlmaus, für das wir jetzt auch mehr Zeit haben. Wir haben uns ja alle gerne und irgendetwas „Neues“ kann natürlich auch entstehen.
Wie viele Auftritte habt Ihr jetzt noch und wo ist der Letzte?
Es sind noch ca. 15 Gigs geplant, das können aber auch noch mehr werden. Aktuell scheint der letzte Auftritt am 14. Oktober 22 in Wachenroth zu sein, aber das halte ich noch nicht für hundertprozentig sicher.
Im Überblick: Anfänge und Auftritte der Moskitos
Startschuss Angefangen haben die Moskitos im Oktober 1987, damals noch als Trio. Harald Welker an den Drums, Bernd Häfner am Bass und Harald Neubauer an Keyboard, Akkordeon und Gitarre. Der erste öffentliche Auftritt war an Silvester in Kaltenbrunn in Oberfranken. 1992 kam Sonja Geisler als Sängerin dazu. „In unseren Glanzzeiten waren wir sogar zu siebt“, sagt Neubauer.
Auf der Bühne 2000 bis 3000 Auftritte hatten die Moskitos seitdem insgesamt, ganz genau kann es Neubauer nicht sagen. Darunter waren Gartenpartys und Open Airs mit Tausenden Menschen und dann wieder zusammen gepfercht in einer Ecke in der Skihütte.
Annafest Auf dem Annafest spielten sie das erste Mal 1988 am Glockenkeller. Seitdem waren es ca. 130 Auftritte. „Wir haben uns schon immer sehr auf den letzten Montag am Winterbauer-Podium gefreut. Natürlich war das vor dem ganzen Geländer-Irrsinn noch wesentlich schöner.“
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