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Kommunen am Anschlag
Kann Forchheim noch mehr Flüchtlinge aufnehmen?
Ehrenamtliches Engagement: Ohne Männer wie Robert Stein (stehend) hätten viele Geflüchtete wohl nicht viel zu lachen. Wie diese aus der Ukraine Geflohenen in Muggendorf sind die Menschen auf Freiwillige aus der Bevölkerung angewiesen – weil die st...Forchheim & Fränkische Schweiz
Ehrenamtliches Engagement: Ohne Männer wie Robert Stein (stehend) hätten viele Geflüchtete wohl nicht viel zu lachen. Wie diese aus der Ukraine Geflohenen in Muggendorf sind die Menschen auf Freiwillige aus der Bevölkerung angewiesen – weil die strukturelle Hilfe oft nicht reicht. Schaffen wir das trotzdem? // Barbara Herbst
Muggendorf – Der Landkreis Forchheim beherbergt die meisten Ukrainer in Oberfranken. Weitere werden kommen. Ein Bürgermeister schlägt Alarm, Helfer fühlen sich vom Staat alleingelassen. Das könnte sich rächen.

Die Artikel sitzen, die meisten Vokabeln auch. Iryna spricht deutsch. Akzentuiert, holprig, aber sehr gut verständlich. Sie kann es selbst kaum fassen.

Iryna mit ihrer Mutter NetaliaForchheim & Fränkische Schweiz
Iryna mit ihrer Mutter Netalia // Barbara Herbst

Die 41-Jährige stammt aus Charkiw, jener Stadt im Osten der Ukraine, auf die am 24. Februar 2022 die ersten Raketen niedergingen. Iryna floh, seit gut einem Jahr lebt sie nun zusammen mit ihrem Sohn und ihrer Mutter in Muggendorf.

Landluft der Fränkischen Schweiz statt Millionenmetropole. Frieden statt Krieg. Fremde statt Heimat.

Muggendorf und seine Flüchtlinge: „Den Umständen entsprechend“

Iryna geht es den Fluchtumständen entsprechend gut. Genau wie den anderen, die immer mittwochs zu Robert Stein ins Dekanat nach Muggendorf kommen und in seiner Deutschstunde ihre Sprachkenntnisse verbessern.

Iryna und ihre Mutter Tetiana.

Die ehemalige Managerin Yulia.

Der besondere Schuljunge Dima und seine Mutter, die sich überdies noch um ihre in Moskau und Kiew lebenden großen Kinder sorgt.

Das Ehepaar Irina und Dimitro.

Sie alle haben Unvorstellbares erlebt

Sie alle eint: Sie haben Schlimmes erlebt. Schwer Vorstellbares, ihre Augen künden davon.

Charkiw  im Februar 2023: Dieses Wohngebäude ist stark beschädigt worden.Forchheim & Fränkische Schweiz
Charkiw im Februar 2023: Dieses Wohngebäude ist stark beschädigt worden. // Vadim Ghirda/AP/dpa

Sie haben ihre Häuser verlassen, sich vor Luftalarmen versteckt, enge Angehörige aus den Augen verloren und eine unfreiwillige Reise quer durch Europa antreten müssen.

Und sie eint: Sie alle haben Gutes erlebt. Offene Arme, Unterstützung, Hilfsbereitschaft. Auch das spiegelt sich in ihren Augen wider.

Bewohner aus dem BRK-Heim Behringersmühle erzählen

Wie bei Irina und Dimitro. Sie wirken zufrieden, weil sie es geschafft haben. Überlebt haben.

Dimitro und seine Frau IrinaForchheim & Fränkische Schweiz
Dimitro und seine Frau Irina // Barbara Herbst

Obwohl die beiden gerne eine eigene Wohnung hätten, wie der 60-Jährige erzählt, nicht mehr mit Irinas Eltern zusammen in der Großunterkunft im ehemaligen BRK-Heim in Behringersmühle ausharren wollen. In einem Ort, wo fast mehr Ukrainer leben als Einheimische. Wo das Internet am Nachmittag stottert.

Die meisten ukrainischen Flüchtlinge Oberfrankens im Landkreis Forchheim

Aber trotz alledem wollen sie zuversichtlich bleiben. Auch das eint sie. Denn sie wissen: Was die kleine Deutschstundengruppe Robert Steins von so vielen anderen der mehr als 1600 Flüchtlinge im Landkreis Forchheim und den etwa zwei Millionen in ganz Deutschland unterscheidet, ist, dass sie Glück hatten. Glück mit der Gemeinde, der Wohnung, den Nachbarn, der Perspektive.

Ehrenamtlicher Robert Stein: „Kein Zurück“

„Für die meisten gibt es kein Zurück, selbst wenn sie wollten“, sagt Helfer Robert Stein. Viele Geflohene sähen aber auch hierzulande kaum Perspektiven.

Ehrenamtlicher Deutschlehrer Robert SteinForchheim & Fränkische Schweiz
Ehrenamtlicher Deutschlehrer Robert Stein // Barbara Herbst

Mangelnde Schulintegration, lange Wartelisten für Deutschkurse, bürokratische Hürden: „Die Angebote von Staatsseite sind mau“, so Stein.

Ist Integration in Deutschland Glückssache?

Glück. Entscheidet also am Ende nur Glück darüber, ob aus der viel beschworenen Integration tatsächlich etwas wird? Für die Flüchtlinge ist das auf alle Fälle so. Denn ohne ehrenamtliches Engagement geht es nicht.

Der Freistaat Bayern finanziert zwar Sozialarbeiter, die sich um Geflüchtete kümmern, doch die haben viel zu viel zu tun.

Das sei auch kein Wunder, sagt Frithjof Dier, Sozialreferent des Landkreises Forchheim. „Jeden Monat kommen 60 bis 80 Menschen, die von zu Hause geflohen sind, bei uns in Forchheim an.“

Am 16. März 2022 sind die ersten ukrainischen Flüchtlinge im Landkreis Forchheim offiziell angekommen.Forchheim & Fränkische Schweiz
Am 16. März 2022 sind die ersten ukrainischen Flüchtlinge im Landkreis Forchheim offiziell angekommen. // Barbara Herbst/Archiv

Regierung von Oberfranken kommt nicht mehr hinterher

So wie am Mittwoch dieser Woche, als wieder ein voll besetzter Reisebus die Königsstadt erreicht hat. Weil die Regierung von Oberfranken die schiere Menge an Flüchtlingen gar nicht mehr verwalten kann, leisten die Kommunen Amtshilfe.

Im Landkreis Forchheim laufen dabei die Fäden bei Dier im Sozialreferat zusammen. Wenige Tage vor der Ankunft des Reisebusses hat er aus dem Ankerzentrum in Bamberg eine Liste mit Namen, Alter und Nationalität der Neu-Forchheimer bekommen.

Dann hat er geschaut, wen er wo am besten unterbringt, wer zusammenpasst und wo gerade Betten frei sind. Der Landkreis mietet dafür bei Privatleuten Unterkünfte an.

Bürgermeister Trautner: „Friss oder stirb“

Marco Trautner, Bürgermeister WiesenttalForchheim & Fränkische Schweiz
Marco Trautner, Bürgermeister Wiesenttal // Thomas Weichert

Zwei davon liegen in Muggendorf, eine in Streitberg. Damit leben mit etwa 130 Menschen zehn Prozent der Flüchtlinge, die im Landkreis untergebracht sind, in der Gemeinde Wiesenttal.

Dabei stellt die nur drei Prozent der Landkreisbevölkerung. „Das ist ein Ungleichgewicht“, sagt Bürgermeister Marco Trautner. „Da brauchen wir eine gleichmäßigere Aufteilung, es sind ja schließlich 29 Gemeinden.“

Beengte Verhältnisse: Im ehemaligen BRK-Heim in Behringersmühle sind viele Flüchtlinge untergebracht.Forchheim & Fränkische Schweiz
Beengte Verhältnisse: Im ehemaligen BRK-Heim in Behringersmühle sind viele Flüchtlinge untergebracht. // Barbara Herbst

Die Gemeindeverwaltung habe deutlich mehr Arbeit. „Das ist wie friss oder stirb“, sagt Trautner. Von der Bundespolitik fühlt er sich mit dem Problem alleingelassen.

Situation vor allem für Kinder schwierig

Gerade bei den Kindern sei es schwierig, weil die Gemeinde nicht planen kann. Die Kinder aber natürlich einen Platz im Kindergarten oder der Schule brauchen, um wirklich in Deutschland anzukommen.

Zwei, drei Kinder mehr, das gehe schon. Aber irgendwann sei eben Schluss. Insgesamt gelinge die Integration in Wiesenttal. Aber wie lange noch? Ohne Ehrenamtliche ist das nicht zu machen, sind sich Trautner und Dier einig.

Doch die Hilfsbereitschaft lässt nach – auch in Muggendorf. „Die Menschen sind erschöpft“, sagt der evangelische Pfarrer David Kieslich.

Zu Beginn des Ukrainekrieges habe sich im Ort ein großer Unterstützerkreis formiert, aus dem heraus auch die Deutschstunden entstanden seien. Doch von den Ehrenamtlichen sei kaum noch jemand übrig.

„Ohne Ehrenamtliche ginge es nicht“

Wie geht es weiter? „Es melden sich seit ein paar Wochen wieder mehr, die helfen wollen“, sagt Kathrin Heck. Sie koordiniert als hauptamtliche Integrationslotsin für die Caritas die Freiwilligenarbeit, bringt Ehrenamtliche und Hilfesuchende zusammen.

Kathrin Heck, hauptamtliche Integrationslotsin für den Landkreis ForchheimForchheim & Fränkische Schweiz
Kathrin Heck, hauptamtliche Integrationslotsin für den Landkreis Forchheim // FT/privat

„Etwa 20 Menschen stehen für den Landkreis Forchheim derzeit in meiner Kartei. Das ist zwar schön. Aber es könnten deutlich mehr sein.“

Eigentlich müssten es auch deutlich mehr sein. „Zwar macht der Staat Hilfsangebote, aber die reichen oft nicht oder sind zu kompliziert“, sagt Heck.

Weil vor allem die Sprachbarriere die oft gut ausgebildeten Flüchtlinge bremst, brauchen sie Unterstützung. Entweder Nachhilfe, um die ausgelasteten Sprachkurse zu kompensieren. Oder Hilfe bei Amtsgängen, Stichwort Behördendeutsch.

Private Initiativen retten den Integrationswillen

Sie wird daher weiterhin gut zu tun haben, um niederschwellige, in erster Linie durch Ehrenamtliche erbrachte Angebote zu ermöglichen. Sie baut fest auf Männer wie den Muggendorfer Robert Stein. Das kann sie auch, er ist motiviert, will helfen.

„Es gibt viele tolle private Initiativen“, sagt er. „Aber vieles geschieht zufällig.“ Ob Integration gelingt oder zumindest auf einem guten Weg ist, hängt in der Regel davon ab, ob vor Ort jemand Zeit und Lust darauf hat, sich einzubringen. Eine Frage von Glück oder Pech.

Menschen wollen zuversichtlich bleiben

Iryna will sich nicht nur auf das Glück verlassen.

Iryna, hier mit Yulia (links) und ihrer Mutter Netalia (rechts) bleibt zuversichtlich: „Mir geht es gut hier“Forchheim & Fränkische Schweiz
Iryna, hier mit Yulia (links) und ihrer Mutter Netalia (rechts) bleibt zuversichtlich: „Mir geht es gut hier“ // Barbara Herbst

Mit  hoffentlich bestandenem Sprachzertifikatstest will sie wieder eine Ausbildung machen. Iryna lächelt. „Mir geht es hier gut“, sagt sie. Akzentuiert, sehr gut verständlich, kaum noch holprig.

Sie will sich weiter integrieren und könnte das auch. Wenn wir sie lassen.

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