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Mangel in Forchheim
Wartekinder: Wieso mehr Kitaplätze allein nicht reichen
Die Garderoben in den Kitas, Krippen und Horten im Landkreis Forchheim sind voll. Zu voll. Woran das liegt und warum kaum Besserung in Sicht ist.Forchheim & Fränkische Schweiz
Die Garderoben in den Kitas, Krippen und Horten im Landkreis Forchheim sind voll. Zu voll. Woran das liegt und warum kaum Besserung in Sicht ist. // Christophe Gateau/dpa
Forchheim – Trotz gesetzlichem Anspruch können viele Kinder im Landkreis nicht in einer Einrichtung betreut werden. Was das für Erzieherinnen und Eltern bedeutet. Und was sie dagegen tun können.

Kiah muss noch bangen.

Einen Krippenplatz für ihre Einjährige hat die junge Mutter, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, längst aufgegeben.

Aber wenigstens ihr Sohn müsste ab Herbst betreut werden. Der wird im Dezember drei Jahre alt, soll in den Kindergarten. Bisher hat die Forchheimerin aber nur Absagen erhalten. Auf einer einzigen Warteliste steht sie noch: Eine letzte Zeile Hoffnung.

220 Plätze haben Forchheims Kommunen im vergangenen Jahr in Krippe, Kindergarten und Hort geschaffen. Das ist gut – deckt den Bedarf aber lange nicht.Forchheim & Fränkische Schweiz
220 Plätze haben Forchheims Kommunen im vergangenen Jahr in Krippe, Kindergarten und Hort geschaffen. Das ist gut – deckt den Bedarf aber lange nicht. // Ronald Rinklef

Allerdings ausgerechnet dort, wo es sie nur im Notfall hinwollte, die Einrichtung liegt weit entfernt von ihrer Wohnung, Kiah hat kein Auto. Sollte sie dort wider Erwarten eine Zusage erhalten, wird sie diese wohl oder übel annehmen müssen. Viel Spielraum hat sie nicht.

Seit Jahren angespannte Lage

Kein Einzelfall im Landkreis Forchheim. Seit Jahren ist das Betreuungssystem angespannt, eine Besserung ist nicht in Sicht. Mit Sorgenfalten blickt Martin Hempfling auf die aktuellen Zahlen.

Martin Hempfling, Landratsamt ForchheimForchheim & Fränkische Schweiz
Martin Hempfling, Landratsamt Forchheim // Stephan Großmann

Der Jugendhilfeplaner des Landratsamtes hat die Bedarfe rund um Forchheim im Blick und muss konstatieren: „Weiterhin können nicht alle Kinder aufgenommen werden, die einen Anspruch haben“.

Dieser Befund ist nicht neu, seit Jahren hinkt die Zahl der verfügbaren Plätze den wartenden Kindern hinterher.

Die Belegungszahlen steigen stetig an, vor allem bei den Unter-Dreijährigen sind im Laufe eines Jahres wieder mehr als 100 Kinder dazugekommen. Zwar tue sich etwas.

So sind im vergangenen Jahr kreisweit in den Krippen, Kindergärten und Horten 220 Plätze geschaffen worden. In vielen Kommunen haben Einrichtungen eröffnet, erweitert oder befinden sich im Bau. „Aber es dauert zu lange“, mahnt Hempfling.

Heimat-Monitor: Stadt Forchheim schneidet nicht sehr gut ab

Eng ist es vor allem in der Kreisstadt Forchheim. Dies zeigen auch die vielen offenen Nennungen und die schlechte Bewertung der Kreisstadt bei der FT-Leserbefragung Heimat-Monitor.

Wie viele Kleinkindeltern ihre Sprösslinge aktuell auf Wartelisten statt auf Aufnahmebögen stehen haben, konnte die Stadt bis Redaktionsschluss nicht beantworten.

Im vorigen Jahr waren aber 130 Krippenkinder alleine auf städtischen Wartelisten – in diesem Rahmen dürfte sich die Zahl wieder einpendeln.

Ab 2025 haben Kindergärten im Landkreis Forchheim genug Plätze – theoretisch

Rein rechnerisch könnten die Landkreiskindergärten den Platzbedarf zumindest ab 2025 zwar decken, in den Krippen ist dies in den nächsten zehn Jahren aber kaum zu erwarten.

Und diese neueste offizielle Bedarfsberechnung des Landratsamtes geht noch von Bevölkerungszahlen vor der ukrainischen Fluchtbewegung aus.

Viele Städte und Gemeinden hätten ihre Planungen zwar noch nicht gänzlich abgeschlossen, auch befristet genehmigte Plätze hätten viele noch in petto. Aber Entspannung ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil.

Fachkräftemangel ist Hauptproblem im Erziehungswesen

Das schlimmste Problem sei wie in vielen Branchen der akute Fachkräftemangel. Und der verschärfe sich, beobachtet die Vorsitzende des Verbands Kita-Fachkräfte Bayern, Veronika Lindner.

„Schon in bestehenden Einrichtungen sind die Stellen kaum zu besetzen, die neu geschaffenen Plätze macht es noch schlimmer.“ Das führe nicht selten dazu, dass Aufsichtspflichten verletzt würden und das Kindeswohl gefährdet sei.

Veronika Lindner, Verband Kita-Fachkräfte BayernForchheim & Fränkische Schweiz
Veronika Lindner, Verband Kita-Fachkräfte Bayern // Lindner

Verbessern ließe sich das laut Lindner auf der einen Seite natürlich durch bessere Gehälter. Entscheidender aber wären verbesserte Arbeitsbedingungen, eine bessere berufsbegleitende Ausbildung und Springer-Pools.

„Das Problem ist nicht, dass zu wenige Menschen den Beruf Erzieher wählen. Gut qualifiziertes Personal wandert zu oft wieder ab.“ Das belastet die Dagebliebenen zusätzlich, die wandern wieder ab – ein Teufelskreis. Und eine Baustelle, die seit Jahren in ganz Deutschland diskutiert wird. Mit mäßigem Erfolg.

Auch im Kreis Forchheim ist kein Ende der Mangelzeit in Sicht. Laut Hempflings Berechnungen werde 2025 in 40 Prozent aller Gruppen eine Fachkraft fehlen.

Tagespflege ist wichtiges Ventil für Mangel an Betreuungsplätzen

Ein wichtiges Ventil bilden die mehr als 40 zertifizierten Tagespflegepersonen in der Region. Sie kümmern sich um fast 150 Kinder, mehr als in allen anderen Landkreisen Oberfrankens. Alleine in Forchheim sind es 60.

Menschen wie Jana Wiedner. Seit 2006 betreut sie bis zu fünf Kinder im Krippenalter in ihrer Doppelhaushälfte in Forchheim. Ab 7.15 Uhr trudeln ihre „Krabbelkäfer“ ein, bleiben bis etwa 15.30 Uhr. Je nach Absprache.

Tagesmutter Jana WiednerForchheim & Fränkische Schweiz
Tagesmutter Jana Wiedner // Nadine Beer

Auch heuer ist ihre Gruppe längst voll – und einige Eltern hätten schon für nächstes Jahr Anfragen gestellt.

Wiedner liebt ihren Job, hat aber auch mit Widrigkeiten zu kämpfen. So wurden die ihr zustehenden arbeitsfreien Tage vor einigen Jahren von 30 auf 20 gekürzt. Einfach so, wie sie sagt.

Nicht wenige hätten auch deshalb lieber aufgegeben und seien in eine Festanstellung gewechselt. „Wir leisten hochwertige, wichtige Arbeit und hätten mehr Anerkennung verdient.“

Kita-Versorgung im Landkreis Forchheim: Glücksache

Anders bei der Forchheimer Mama Kiah. Anerkennung alleine nützt ihr wenig, davon kann sie ihre Kinder nicht in gute Betreuung geben.

Ein wenig hat sie die Hoffnung bereits aufgegeben. Schon einen Krippenplatz hatte sie vor einem Jahr für ihren Sohn nicht bekommen. Nun stehe sie mit dem Kindergarten vor denselben Problemen.

„Gesetzlicher Anspruch schön und gut. Es bleibt halt leider Glückssache“, sagt sie.


Rechtsanspruch einklagen: Was Eltern tun können

Seit 2013 haben Kinder ab einem Jahr und sogar seit 1996 schon Kinder ab drei Jahren einen gesetzlichen Anspruch auf einen ortsnahen Betreuungsplatz.

Dabei gelten zehn Kilometer im ländlichen und fünf Kilometer im städtischen Bereich als zumutbare Entfernungen. Wer trotzdem keinen Platz angeboten bekommt, hat die Chance, einen Platz einzuklagen.

Was Eltern tun können, wenn sie keinen Platz bekommen.Forchheim & Fränkische Schweiz
Was Eltern tun können, wenn sie keinen Platz bekommen. // Ronald Rinklef

Geregelt ist das im Paragraf 24 des Sozialgesetzbuchs VIII. Demnach habe jedes Kind ab dem ersten Lebensjahr einen Anspruch auf frühkindliche Förderung in einer Tageseinrichtung oder Kindertagespflege.

Um eine Klage einzureichen, müsse zunächst ein Betreuungsgutschein beim zuständigen Jugendamt beantragt werden, wie Experten der Kanzlei Dr. Stoll & Sauer der Deutschen Presseagentur erklärten.

Die Betroffenen müssen sich demnach aktiv um einen Platz bemühen und dem Jugendamt regelmäßig mitteilen, dass noch kein Platz zur Verfügung steht.

Fachanwalt für Verwaltungsrecht kann helfen

„Wenn man einen ablehnenden Bescheid erhält oder regelmäßig vertröstet wird, sollte man spätestens drei Monate vor dem ersten Geburtstag des Kindes einen Fachanwalt für Verwaltungsrecht aufsuchen“, heißt es weiter. Werde man nach wie vor keinen Platz, würde ein gerichtliches Eilverfahren eingeleitet.

Wichtig sei es laut der Kanzlei Dr. Stoll & Sauer, dass man keinen Anspruch auf einen Platz in der Wunsch-Kita habe, sondern jeden zugewiesenen Platz annehmen müsse, solange die Annahme zumutbar sei. „Es ist jedoch möglich, eine Kita abzulehnen, wenn sie ein spezielles Konzept aufweist, mit welchem die Eltern nicht einverstanden wären.“

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