In eigener Sache
Kritik: Warum wir über Wallenfels berichten
Traditionell sind viele Teilnehmer der Prozession mit historischen Waffen und Fahnen ausgestattet. Ist das in diesem Jahr des Krieges die richtige Botschaft, hat der FT gefragt?
Traditionell sind viele Teilnehmer der Prozession mit historischen Waffen und Fahnen ausgestattet. Der FT hat gefragt: Ist das in diesem Jahr des Krieges die richtige Botschaft?
Foto: Maria Löffler
Bastian Sünkel von Bastian Sünkel Fränkischer Tag
Wallenfels – Stellungnahme: Der Wallenfelser Bürgermeister attackiert unsere Zeitung. Warum wir berichtet haben, erklärt Bastian Sünkel vom Bamberger Newsdesk.

Wie verändert uns der Krieg? Unsere Traditionen, unser Verständnis für oder gegen Militarismus? Es handelt sich um eine Diskussion, die nicht nur Deutschland in Befürworter und Gegner von Waffenlieferungen spaltet. Unsere Zeitung hat sich auch aus einer ganz anderen Richtung dem Thema zugewandt – mit der Frage: Ist es derzeit wirklich nötig, an Fronleichnam Waffen zu tragen, wie auf der traditionellen Prozession in Wallenfels?

Der Wallenfelser Bürgermeister Jens Korn (CSU) hat am Samstag um 10.15 Uhr einen Post bei Facebook mit einem Screenshot unserer Titelseite veröffentlicht. Er unterstellt einen unsensiblen Umgang mit einem der größten Feste der Gemeinde, der Fronleichnamsprozession. Er wirft darüber hinaus dem FT eine Kampagne vor, „weil wir Wallenfelser für die Strategie des Blattes schlicht missbraucht werden.“ Er kritisiert die Debatte und unseren Umgang mit dem Thema. Dabei war es der Bürgermeister selbst, der die Diskussion ins Rollen gebracht hat.

Wie ist die Debatte gestartet?

Was ist also passiert? Warum habe ich als Teil des Newsdesks in Bamberg die Redaktion darum gebeten, dem Thema noch einmal nachzugehen?

Am 9. Juni erreicht die Kronacher Redaktion eine Mail von Bürgermeister Korn. Er bittet darum, einen von ihm verfassten Text zu veröffentlichen. Überschrift: „Fronleichnam – Mahnung zum Frieden: Warum wir gerade in Zeiten des Ukrainekrieges an unserem Brauchtum festhalten sollten.“ Darin rechtfertigt der Bürgermeister die Tradition, mit Waffen zu prozessieren, als historische Analogie auf den Frieden - trotz und gerade wegen Putins Angriffskriegs, der derzeit in der Ukraine tobt.

Bürgermeister kontra FT: Jens Korn (CSU) behauptet, es liefe eine Kampagne gegen Wallenfels.
Bürgermeister kontra FT: Jens Korn (CSU) behauptet, es liefe eine Kampagne gegen Wallenfels.
Foto: Repro: Bastian Sünkel
Facebook Kritik Bürgermeister
Foto: Sünkel, Bastian

Bis zu diesem Zeitpunkt gab es keinen Grund, die Prozession in Wallenfels zu thematisieren, in der traditionell Vereine in historischen Militäranzügen mit Säbeln und Gewehren auftreten. Obwohl die Redaktion in der Regel keine von Politikern verfassten Texte abdruckt, haben wir in diesem Fall eine Ausnahme gemacht: Der Text erschien der Redaktion als heimatkundlich und eben nicht politisch relevant und wurde deshalb redigiert und in der Ausgabe vom Mittwoch, 15. Juni, veröffentlicht.

Debatte als Grundstein der freien Presse

Auch ich habe die Schilderungen des Bürgermeisters gelesen und aus diesem Text kommt ohne große Umschweife heraus, dass in diesem Jahr alles etwas anders ist: Der Text verteidigt ohne Anklage die Wallenfelser Tradition. Es war somit offensichtlich, dass Wallenfelser selbst die Tradition hinterfragt haben. Auch Bürgermeister Korn bestätigt gegenüber einem Redakteur, dass ihn Bürger darauf angesprochen haben – weit bevor auch nur eine Zeile in der Zeitung erschienen ist –, ob es eine gute Idee sei, in diesem Jahr die militärische Tradition aufrecht zu erhalten. Daraufhin hat er den Text verfasst, den er sowohl an uns, als auch an die Neue Presse geschickt hat.

Ich habe es als interessant empfunden, dass Jens Korn, mit dem unsere Redaktion immer ein vertrauensvolles Verhältnis pflegt, die Diskussion selbst aufgreift. Mein Handeln bestand deshalb in einem Auftrag an die Kronacher Kollegen: Fragt doch bitte noch einmal an Fronleichnam nach, wie die Teilnehmer die Prozession in diesen „Kriegsjahren“ sehen und als mythologischen Aspekt: Dreht sich die Schwedenfahne in dem Jahr ein, in dem der Krieg in Europa tobt?

Artikel stehen kostenlos bereit

Am Ende haben sich viele Wallenfelser auch in unseren Artikeln dafür ausgesprochen, die Tradition unverändert beizubehalten. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Aufgabe einer Zeitung, des kritischen Journalismus, nichts Geringeres sein kann, als Diskussionen anzuregen, Debatten in Politik, Wirtschaft und auch – wie in diesem Fall – in der Tradition kritisch zu begleiten. Davon lebt der Journalismus, davon profitiert auch jeder einzelne Leser. Unser Bild auf der Titelseite zeigt eine Szene der Prozession vor der Kirche, so wie sie am Donnerstag traditionell abgelaufen ist. Die Überschrift lautet „Tradition unter Beschuss“. Und der durchweg objektive Artikel von Maria Löffler erzählt davon, wie Wallenfelser sich auch an Fronleichnam für Frieden und den Erhalt ihrer Tradition stark machen, auch wenn sich die Vorzeichen in diesem Jahr geändert haben.

Natürlich haben auch wir die Aufgabe, Themen so interessant wie möglich anzukündigen, ohne uns damit gegen den Inhalt des Textes zu stellen. In diesem Fall sehen wir keinen Grund, Kritik an unseren Entscheidungen zu üben: Jeder, der den Text gelesen hat, wird wahrscheinlich zum gleichen Schluss kommen.

Damit Sie sich ein eigenes Bild machen können, haben wir beide Artikel kostenlos zugänglich gemacht. Der FT und all seine Redaktionen setzen sich weiterhin für freien, kritischen Journalismus ein, der alle Seiten zu Wort kommen lässt und Tradition und Gegenwart hinterfragt.

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