Brauchtum
Gewehre und Säbel vor den Altären?
Die Begleitung der Prozession durch die Bürgerwehr geht auf das 16. Jahrhundert zurück.
Die Begleitung der Prozession durch die Bürgerwehr geht auf das 16. Jahrhundert zurück.
Foto: Archiv
Wallenfels – In Wallenfels wird darüber diskutiert, ob Uniformen und Waffen bei der Fronleichnamsprozession noch zeitgemäß sind.

„An Fronleichnam und beim Umgang prangt der Ort so stolz und schön“ – diese Zeilen des Heimatliedes „Mein Wallenfels“ singen die Bewohnerinnen und Bewohner der Flößerstadt mit besonders viel Inbrunst. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Vorfreude dort besonders groß ist, nach zwei Jahren endlich wieder „wallen“ zu dürfen.

Gewehre vor den Altären?

Was diese beiden Feste ausmacht, beschrieb der Autor Johann Baptist Eichhorn vor 70 Jahren einen Vers weiter: „Alte Bräuche, frommer Sang“. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich wenig daran geändert, stellt Bürgermeister Jens Korn fest. Und doch spricht er das Thema heute nachdenklich an. Ausgerechnet heuer führen die „Alten Bräuche“ zu Diskussionen rund um die Fronleichnams- und Flurumgangsprozession, wie er unserer Zeitung gegenüber einräumt. Auch eingefleischte Wallenfelser fragen sich, ob man angesichts des Krieges in der Ukraine mit Uniformen, Gewehren, Säbeln und Böllerschüssen eine christliche Prozession begleiten kann?

Die historischen Wurzeln

Pfarrgemeinde, Soldatenkameradschaft und Stadt sind sich einig, gerade angesichts des Krieges in der Ukraine an diesen einzigartigen Traditionen festzuhalten. Die Diskussion über „unser Fronleichnam“ biete nämlich die Gelegenheit, sich mit den historischen Wurzeln auseinanderzusetzen, so Korn. Wer das ernsthaft tue, werde erkennen, dass es bei den Prozessionen eben nicht um die Zurschaustellung von Waffen und Uniformen, sondern im Kern um den Wunsch nach Frieden gehe.

Zum Dank ein Privileg

„Unser Brauchtum hat seine Ursprünge in einer Zeit, in denen Frieden tatsächlich ein Geschenk war“, sagt der Bürgermeister. „Bereits im 16. Jahrhundert ist die Begleitung des Allerheiligsten durch die Bürgerwehr belegt.“ Sie wurde den Wallenfelsern durch den Fürstbischof von Bamberg als Privileg zum Dank dafür verliehen, dass sie bereit waren, seine Landesgrenze zu verteidigen. König Ludwig II. erneuerte dieses Vorrecht nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Seitdem trägt die Ehrenkompanie Uniformen des königlich-bayerischen Heeres. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam noch ein Zug Marine dazu.

Schauplatz erbitterter Kämpfe

Weltlicher Höhepunkt der Fronleichnamsprozession in Wallenfels ist das Schwenken der Schwedenfahne. Die Zeremonie auf der sogenannten „Schwedenbrücke“ erinnert an die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. „Gerade in den Jahren 1633 und 1634 war der Frankenwald Schauplatz erbitterter Kämpfe, die in der Belagerung der Stadt Kronach durch die Truppen von Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar gipfelten“, blickt Korn zurück. „Die Wallenfelser mussten damals einen hohen Blutzoll entrichten.“

Die mutige Tat des Schmieds

Johannes Streit, zu dieser Zeit Pfarrer von Wallenfels, berichtete darüber, dass er in den beiden Jahren 17 Gemeindemitglieder beisetzen musste, die von feindlichen Truppen getötet oder durch Vergewaltigung und Folter so schwer verletzt wurden, dass sie starben. Unter den Opfern befanden sich auch Bürgermeister Johann Stöcker und der Ortsschmied Jakob Will, der die Marktfahne vor den feindlichen Truppen versteckte. Ihm schuf Andreas Bauer in seinem Stück „Der Fahnenschwinger von Wallenfels“ mit dem „Schmieds Hans“ ein Denkmal, ihm und seiner Tat wird alljährlich auf der Brücke im Herzen unseres Ortes gedacht.

Der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges muss sich tief in das Gedächtnis der Menschen in der Region eingebrannt haben. „Bürgermeister, Rat und Viertelmeister und das ganze Gericht (von Wallenfels) machen beim Statthalter in Kronach Vorstellung und berichten über die vom Feinde erlittenen Feindseligkeiten durch Sengen, Brennen und Morden, dass es ein Jammer ist zu hören, noch mehr sie augenscheinlich zu sehen“, heißt es in einem weiteren Dokument aus dieser Zeit.

Eine Brücke in Vergangenheit und Gegenwart

„Heutzutage würden wir wohl von traumatisierenden Erlebnissen sprechen, die über Generationen hinweg nachwirken. Denn selbst nach fast 400 Jahre hinterlassen die schrecklichen Ereignissen ihre Spuren in unserem Wallenfelser Fronleichnamsbrauchtum, aber auch in der Schwedenprozession in Kronach. Unsere Traditionen können also eine Brücke zu unseren Vorfahren, aber genauso zu den Menschen in der Ukraine sein“, betont Korn. „Sie schaffen eine Nähe zu den Einwohnern von Charkiw, Butscha, Mariupol oder Kiew. So wie sich die Menschen dort endlich nach Frieden sehnen, taten es die Wallenfelser in den Wirrnissen des Dreißigjährigen Krieges auch.“

Sie hätten damals ihre Sehnsucht allerdings nicht wie heute über Demonstrationen oder Social Media in die Welt hinaustragen können; ihr Ausdrucksmittel seien die Prozession und das von ihnen begründete Brauchtum gewesen. „Dazu gehört auch die Begleitung des Allerheiligsten durch die Ehrenkompanie. Sie ist nicht Uniform- und Waffenschau, sondern eine Mahnung zum Frieden. Sie zeigt ganz konkret, wer in einen Krieg ziehen müsste, nämlich keine anonymen Armeen, sondern Söhne, Väter, Brüder und Freunde.“

Die Geschichte mit der Fahne

Das wohl stärkste Zeichen für den Frieden bei der Fronleichnamsprozession ist für Korn das Schwenken der Schwedenfahne. Der Legende nach droht Wallenfels ein Krieg, falls sich die Fahne währenddessen verdreht. „Sicherlich werden die Teilnehmer an der Prozession Schwedenfähnrich Dominik Stumpf heuer besonders fest die Daumen drücken und sich wünschen, dass vom reibungslosen Ablauf des Fahnenschwenkens nicht nur ein Zeichen des Friedens bei uns, sondern in der Ukraine und der ganzen Welt ausgehen möge.“