Bewegte Bilder
Deutschland schaut seit 70 Jahren in die Röhre
Am Fernseh-Premierenabend wurde das Stück „Stille Nacht, heilige Nacht“ aufgeführt. Ein paar Schwarz-Weiß-Fotos blieben. Vor der Kamera stand auch die Würzburger Schauspielerin Thea Schubert-Hüttenmüller mit ihren Töchtern Doris (links) und Annegret.
Am Fernseh-Premierenabend wurde das Stück „Stille Nacht, heilige Nacht“ aufgeführt. Ein paar Schwarz-Weiß-Fotos blieben. Vor der Kamera stand auch die Würzburger Schauspielerin Thea Schubert-Hüttenmüller mit ihren Töchtern Doris (links) und Annegret.
Hanns Friedrich
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
Bonn – Am ersten Weihnachtstag 1952 war die erste offizielle Fernsehsendung in Deutschland zu bestaunen. 70 Jahre später ist ein Format von damals immer noch im Programm.

Der Zweite Weltkrieg lag erst wenige Jahre zurück, der Kalte Krieg zwischen Ost und West zeichnete sich bereits ab. In der DDR hatten die Genossen den Schalter am 21. Dezember 1952 umgelegt, zum Geburtstag Stalins. Da wollten die Verantwortlichen im Westen nicht länger warten. Am 25. Dezember vor 70 Jahren konnten auch die Menschen in der Bundesrepublik in die Röhre schauen.

„Wir versprechen Ihnen, uns zu bemühen, dass wir auf das neue geheimnisvolle Fenster in Ihrer Wohnung, das Fenster in die Welt, auf Ihren Fernsehempfänger, alles das bringen, was Sie erfreut, Sie interessiert und Ihr Leben schöner macht“, kündigte NWDR-Intendant Werner Pleister feierlich an. Der Nordwestdeutsche Rundfunk, aus dem später der WDR und der NDR hervorgingen, zeichnete für das neue Medienangebot verantwortlich.

Anfangs sendete das Fernsehen zwei Stunden pro Tag

Die Anfänge waren bescheiden. Zwei Stunden Programm täglich für ein Publikum, das unterschiedlichen Angaben zufolge die magische Grenze von 1000 Zuschauern nicht immer knackte.

Der Premierenabend bot nach Ansprachen von Pleister und dem Technischen Direktor Werner Nestel das Fernsehspiel „Stille Nacht, heilige Nacht“ von Johannes Kai unter der Regie von Hanns Farenburg und das Tanzspiel „Max und Moritz“ nach Wilhelm Busch. Regisseur Farenburg soll anschließend bilanziert haben: „Is ja janz schön jewesen mit der Hopserei, aber in det Radio is ville mehr jefällig ...“

Ansagerin Irene Koss arbeitet bei 40 Grad unter Glaswolle-Berieselung

Ins Schwitzen kam vor allem eine: Ansagerin Irene Koss. Gesendet wurde aus einem 45-Quadratmeter-Studio in Hamburg, das in einem alten Weltkriegsbunker untergebracht war. Die Scheinwerfer trieben die Temperaturen auf über 40 Grad. Dem „Spiegel“ erzählte Koss später einmal, dass zu allem Überfluss ständig die zur Dämmung verwandte Glaswolle auf sie herabrieselte.

„Es hat gejuckt wie bei einem Krätzekranken.“ Koss blieb cool, so gut das eben ging.

Vom zweiten Tag an ist die Tagesschau im Programm

Bereits am zweiten Sendetag flimmerte etwas über die Mattscheiben, was bis heute Bestand hat: die Tagesschau. Das Material stammte von der Wochenschau, die Filmrolle mit den fertig geschnittenen Beiträgen transportierten Mitarbeiter mit der U-Bahn zu den Bunkerfunkern.

Aus den ersten Jahren hat sich nur eine Aufzeichnung ohne Ton vom 2. Januar 1953 erhalten. „Einen sichtbaren Sprecher gab es noch nicht; stattdessen wurden die Bilder live aus dem Hintergrund kommentiert“, heißt es auf der Tagesschau-Homepage.

Traumquoten in goldenen Zeiten – jetzt mit Sprecher

Das änderte sich mit „Mr. Tagesschau“ Karl-Heinz Köpcke, der 1959 zu der Nachrichtensendung stieß – und 28 Jahre lang blieb. Unterdessen eroberte das Fernsehen die Wohnzimmer.

Mitte der 1960er Jahre gibt es einen zweiten öffentlich-rechtlichen Sender

Ab Mitte der 1960er Jahre hatte es – nicht nur in Deutschland – seinen festen Platz im Reigen der modernen Massenmedien. Neben den ARD-Anstalten komplettierte das Zweite Deutsche Fernsehen ZDF ab 1963 das öffentlich-rechtliche Bewegtbild-Angebot.

Spielshows, Mundarttheater und Sportsendungen erobern die breite Publikumsmasse

Goldene Zeiten brachen an – mit Spielshows wie dem „Goldenen Schuss“ mit Lou van Burg oder „Einer wird gewinnen“, präsentiert von Hans-Joachim Kulenkampff. Dazu Mundartliches aus dem Ohnsorg- (Hamburg) oder Millowitsch-Theater (Köln) sowie Sport, vor allem Fußball und Olympia.

Die Krimireihe „Tatort“ fuhr Traumquoten von über 70 Prozent ein. Die waren dann spätestens ab Mitte der 1980er Jahre unerreichbar, als die privaten Sender auf den Plan traten.

Die „Öffis“ stecken in einer tiefen Kise

Heute stecken das Fernsehen allgemein und der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Besonderen in einer Krise. Internet und Bezahlsender graben den Sendern das Wasser ab.

Bei ARD und ZDF stellt sich die Systemfrage. Kritiker werfen den Machern Bunkermentalität vor. Viele Beitragszahler fänden sich nicht mehr im Programm wieder. Diverse Affären nagen am Image. Zuletzt forderte WDR-Intendant Tom Buhrow – als „Privatmann“ – grundlegende Reformen bei den „Öffis“.

Die Öffentlich-Rechtlichen kommen weiter auch ihrem Bildungsauftrag nach

Dessen ungeachtet gibt es sie 70 Jahre später immer noch, die guten Dinge, selbst bei ARD und ZDF: vom „Weltspiegel“ bis hin zum „ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann. Klar ist auch: Es kostet nicht nur Geld, gutes Fernsehen zu machen, Charakterköpfe zu finden und zu binden.

Bei Axel Springer haben sie das unlängst erst feststellen müssen. „Bild TV“, im Sommer 2021 als Kampfansage an ARD und ZDF gestartet, fährt seine Live-Berichterstattung fast ganz herunter.

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