Als Georg Götz am Neujahrstag die Bilder aus Berlin, Hamburg und Dortmund sah, hat ihn das ziemlich sprachlos gemacht.
„Diese Aggressivität, mit der die Einsatzkräfte beschossen wurden, hat mich erschreckt“, sagt der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Ebermannstadt. „Es waren ja sehr viele Kollegen vor Ort.“
„Den Stinkefinger zeigt da keiner“
In Ebermannstadt sei man davon zum Glück meilenweit entfernt. „Hier bei uns auf dem Land haben Bürger und Polizei noch ein gutes Verhältnis“, sagt der Hauptkommissar. „Die Kinder winken uns zu, wenn wir Streife fahren. Den Stinkefinger zeigt da keiner.“ Auch Beschimpfungen oder gar Angriffe seien die absolute Ausnahme. Das komme höchstens mal vor, wenn beim Einsatz Betrunkene im Spiel seien.
Im Bereich der Polizeidirektion Oberfranken gehen die Angriffe auf Polizeibeamte insgesamt sogar zurück. So zeigt die amtliche Statistik, die im Herbst 2022 veröffentlicht wurde: Während 2020 noch 802 Strafverfahren eingeleitet wurden, waren es 2021 mit 624 gut 20 Prozent weniger.
Polizisten in Forchheim angegriffen
In der Stadt Forchheim geht es nicht ganz so friedlich zu wie im Herzen der Fränkischen Schweiz: Am Dienstag wurden drei Beamte der Polizeiinspektion Forchheim leicht verletzt.
Ein 30 -Jähriger hatte in der Bamberger Straße alles Mögliche – vom Brotkörbchen über das Schneidbrett bis zur Holzlatte – auf die Straße geworfen. Als die Beamten eintrafen, bedrohte der Mann sie erst, bei der Festnahme wurde er schließlich handgreiflich.
Doch auch in Forchheim halten sich die Angriffe noch im Rahmen, sagt der stellvertretende Dienststellenleiter Thomas Weidner: „So etwas ist glücklicherweise nicht die Regel. Oft stehen die Personen, die uns beleidigen oder gar angreifen, unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen.“
Psychische Ausnahmesituation
Manchmal befinden sie sich auch in einer psychischen Ausnahmesituation – wie der 30-Jährige am Dienstagabend. Die Zahl der Angriffe habe sich aber in den vergangenen Jahren nicht verändert.
Bereits im Rahmen der Ausbildung werden Polizisten auf solche Situationen vorbereitet.
Sie versuchen auf Besonnenheit zu setzen, um die Lage zu entschärfen. „Das verlangt die volle Aufmerksamkeit“, sagt Weidner. „Das ist natürlich eine Belastung, die über das normale Maß hinausgeht.“
„Das ist natürlich Thema bei uns“
Neben der Polizei bewegen aber auch die anderen Einsatzkräfte die Bilder der Berliner Silvesternacht. „Das ist natürlich Thema bei uns. Man hofft einfach, dass man selbst verschont bleibt“, sagt Önder Sentürk, stellvertretender Rettungsdienstleiter beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) in Forchheim.
Doch auch sie werden immer wieder beschimpft – nicht nur an Silvester, sondern auch bei ganz normalen Einsätzen. Etwa wenn es für Patienten mal längere Wartezeiten gibt, weil Kliniken nicht mehr aufnahmebereit sind.
„Dann werden wir als die Schuldigen angesehen. Die Quantität der Angriffe und die aggressive Grundstimmung nehmen zu. Vor allem, wenn Leute angetrunken sind, lassen die Hemmungen nach und die Reißleine wird kürzer“, sagt Sentürk.
Großteil der Patienten sei dankbar
In einzelnen Fällen können die Einsatzkräfte die Situation nicht mehr beruhigen. „Da holen wir dann die Polizei dazu. Das kommt schon öfter mal vor.“ Der Großteil der Patienten sei aber dankbar für die Hilfe. Und an Silvester gab es zwar viel zu tun für das BRK, Angriffe blieben jedoch aus.
Das war allerdings nicht immer so. „Es gab auch schon Silvester, an denen mit Böllern auf uns geworfen wurde. Wenn man mit seinen Freunden zusammensteht, ist das für viele wie so eine Art Mutprobe“, erklärt Sentürk.
Einrichtung zertreten
Auch die Inneneinrichtung des Krankenwagens wurde bereits mit Füßen zertreten. Inklusive medizinischer Geräte. „Auch ich persönlich wurde schon mal körperlich angegangen“, sagt Sentürk.
Im vergangenen Jahr absolvierten Einsatzkräfte des BRK gemeinsam mit der Polizei Forchheim deshalb eine Schulung, um darauf vorbereitet zu sein, wie man sich gegenüber einer aggressiven Person am besten verhält.
So ist die Lage bei der Feuerwehr
Angriffe hat Timo Sokol, stellvertretender Kommandant der Feuerwehr Forchheim, bisher noch nicht erlebt. „Was aber vielleicht auch damit zusammenhängt, dass wir immer mit mindestens sechs oder neun Männern zum Einsatzort kommen. Nicht nur zu zweit wie die Kollegen im Rettungswagen“, sagt Sokol.
Dass der Respekt gegenüber Einsatzkräften abgenommen hat, nimmt aber auch er wahr. „Es wird einfach als selbstverständlich gesehen, dass wir da sind. Als Dienstleistung. Es wird gar nicht mehr hinterfragt, ob wir gerade direkt von der Arbeit oder vom Abendessen mit der Familie kommen.“
Sokol selbst wurde einmal von einem Autofahrer genötigt, als er dabei war, eine Straße abzusperren. „Das beschränkt sich dann aber auf einen blöden Spruch. Handgreiflich wurde das nicht.“
Dash-Cams bringen nichts
Dash-Cams in den Einsatzfahrzeugen könne man sich seiner Meinung nach sparen. „Wenn jemand provozieren will, macht er es, auch wenn es aufgezeichnet wird. Das steht in keinem Verhältnis.“
Ganz ähnlich sieht das Christian Wilfling, Ortsbeauftragter des THW Forchheim. Auch er und seine Kollegen machen nur selten die Erfahrung, angegriffen zu werden. „Wenn du in gewisse Viertel reinfährst und da irgendwas ist, bleibt aber immer besser mal einer am Auto, um Beschädigungen zu verhindern. Aber das kommt selten vor“, sagt Wilfling.
Zeugen von Gewalt wurden er und viele weitere Ehrenamtliche des THW bei ihrem Einsatz im Ahrtal 2021. Gruppierungen der Reichsbürger beschädigten dort mehrere Fahrzeuge der Einsatzkräfte. Nicht die der Forchheimer, doch bei vielen anderen Einsatzkräften. „Da sind manche Rettungsdienste nur noch mit Polizei hingefahren.“
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