Wie die Deutsche Presseagentur meldet, seit die Zahl der Reichsbürger befeuert durch die Corona-Proteste seit Jahresbeginn erneut stark angestiegen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sagte der „Bild am Sonntag“ demnach, der Verfassungsschutz schätze das Personenpotenzial in diesem Spektrum inzwischen auf etwa 23 000 Menschen - ein Anstieg um rund 9,5 Prozent (rund 2000 Menschen) im Vergleich zum Vorjahr.
Bei der Großrazzia gegen die Reichsbürger-Bewegung hat es am 7. Dezember auch in Kirchehrenbach eine Festnahme gegeben. Das Delikate: Mit Thomas M. stammt sogar ein Teil des gewaltbereiten Führungsstabes aus dem Landkreis.
Marius Raab von der Universität Bamberg im Interview
Wie gefährlich die Reichsbürger-Szene ist, wie Denkmuster von Verschwörungstheorien funktionieren und wie trotzdem eine vernünftige Diskussion entstehen kann, erklärt der Bamberger Psychologe Marius Raab im FT-Interview.
FT: Herr Raab, einsame Verschwörungstheoretiker oder gewaltbereite Putschisten: Wie groß sind die Gefahren, die von der Reichsbürger-Bewegung ausgehen?
Marius Raab: Die Reichsbürger sind nach meiner Wahrnehmung eine sehr gemischte Gruppierung. Die Szene ist sehr groß und umfasst neben der jetzt bekannt gewordenen Terrorzelle auch viele nicht gewaltbereite Menschen. Geeint sind sie in der Ablehnung der Bundesrepublik Deutschland.
Lässt sich diese Ablehnung mit dem Begriff Verschwörungstheorie erklären?
Es hat eine Schnittmenge. Verschwörungstheorie ist die Annahme, dass mächtige Menschen im Geheimen am Werk sind, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen und dabei mir und der Gesellschaft zu schaden.
Dem entgegen zielen die Reichsbürger sehr speziell auf die Abschaffung der Bundesrepublik ab. Um zu erklären, warum es „die BRD“ gibt, wird manchmal eine Verschwörung angenommen. Aber viele Verschwörungstheorien haben nicht zwingend eine politische Komponente. Es gibt auch welche im Unterhaltungsbereich, wie etwa die Mondlandung.
Welche weiteren Verschwörungstheorien machen derzeit die Runde?
Derzeit kursieren sehr viele mit Covid-Bezug. Die Pandemie löst bei den Menschen einen großen Erklärungsbedarf aus. In den vergangenen Jahren haben sich manche offizielle Erklärung teils widersprochen oder wiesen Lücken auf: Der Mensch will verstehen, was um ihn herum passiert. Wenn diese Erklärungen nicht befriedigen, sucht man manchmal eben im Verborgenen.
Klingt nach der Angst vor der Sonnenfinsternis im Mittelalter…
Covid ist eine reale Katastrophe und hat uns an Grenzen gebracht. Deshalb ist das Suchen nach Bedeutung nicht unvernünftig und zeigt auch, dass die Kommunikation von Politik und Medien viele Menschen nicht befriedigt hat.
Aber tatsächlich finden wir in Verschwörungstheorien auch Motive, die es seit dem Mittelalter gibt und sich bis in die Neuzeit halten, zum Beispiel antisemitische Motive. Nehmen Sie QAanon zum Beispiel, mit vielen solcher Vorurteile, und voll mit quasi-religiösen Bildern.
Querdenker, QAnon und Co.: Wie stark vermischen sich Verschwörungstheoretiker?
Sie haben zusammen auf den Marktplätzen gestanden und waren durch die Unsicherheiten und Einschränkungen der Corona-Pandemie geeint. Aber es sind zum Teil sehr unterschiedliche, ideologische Welten, die sich außerhalb dieser Marktplätze wohl gar nicht vertragen würden.
Ist die Corona-Pandemie ein Katalysator für Verschwörungstheorien?
Ein krisenhaftes Ereignis ruft immer Erklärungsbedarf hervor. Arbeitsplatzverluste, Todesfälle, gewisse Hilflosigkeit der Politik: Die Menschen versuchen sich das zu erklären und es gab Ungereimtheiten in der öffentlichen Wahrnehmung.
Lockdowns und das Homeoffice haben soziale Kontakte unterbrochen: Die Menschen hatten plötzlich viel Zeit, sich Erklärungen zu suchen. Zum Beispiel durch Recherche im Internet. Das alles wirkte beschleunigend.
Stichwort Internet: Gefahr oder Chance?
Es ist toll, dass so viele Informationen für alle abrufbar sind. Aber die Gefahr ist mit der Evolutionstheorie vergleichbar: Es gibt Geschichten, Themen und Erzählweisen, die beim Menschen verfangen. Social-Media-Kanäle sind wie ein Evolutionsprozess.
Die Geschichten, die besonders gut verfangen, setzen sich durch. Früher dauerte das mit Büchern und Flugblättern lange. Heute geht es in Sekundenschnelle. Hinzu kommen Beleidigungen und Hassreden im Internet.
Wer ist anfällig für Verschwörungstheorien?
Generell kann es jeden betreffen. Oft sind es Menschen, die das Gefühl haben, ihre Stimme zähle nichts mehr. Menschen, die sich in der politischen Teilhabe abgehängt fühlen. Sozialer Status und Höhe des Einkommens spielen beispielsweise beim Thema Gesundheit eine untergeordnete Rolle: Impfungen für Kinder etwa sind vorgegeben. Da fehlt manchen Menschen das Gefühl, Einfluss nehmen zu können. Über gezielte Gespräche etwa in Internetforen bleiben sie in diesem skeptischen Modus – eine Art Teufelskreis.
Wie lässt sich vernünftig mit Verschwörungstheoretikern diskutieren?
Es ist wichtig, zu erkennen, warum jemand eine solche Überzeugung entwickelt hat. Das kann unterschiedlich sein: Schicksalsschlag, biografische Krise, generelles Unbehagen. Daran gilt es dann anzudocken und vielleicht zu schauen, was könnte ich ihm als Alternativen bieten, die langfristig konstruktiv sind. Und sein Problem vielleicht sogar lösen.
Sogar Familien entzweit es mitunter …
Wenn ich verstehe, warum Menschen ihre extreme Ansicht entwickelt haben, kann ich gerade im Familienkontext durch Zuhören und Empathie verstehen, was los ist. Und dann in ein Gespräch einsteigen, das nicht in eine Faktenschlacht ausartet.
Die einzige Chance, die ich habe, sie wieder als Menschen und nicht nur als informationenverarbeitende oder gar irgendwie defekte Wesen zu erreichen, ist, eine Brücke zu bauen. Es gibt inzwischen auch offizielle Beratungsangebote, da kann ich anrufen und mit Profis sprechen. Es ist überhaupt keine Schande, sich Rat zu holen, wenn es in der Familie Probleme gibt.
Zur Person: Marius Raab von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Marius Raab forscht und lehrt am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
Er hat 2016 über „Experimentelle Ansätze zur Erforschung von Verschwörungstheorien“ promoviert und ist Autor des Buches „Am Anfang war die Verschwörungstheorie„ im Springer-Verlag.
Seine Schwerpunkte als Psychologe und Informatiker sind Digitalisierung und Virtualisierung für mittelständische Unternehmen, Spiel und Gamification, sowie Verschwörungsüberzeugungen.
Lesen Sie auch:


















