Still da sitzen und nichts tun – das war noch nie was für Pfarrer Matthias Steffel. Er ist ein Macher.
Schon immer gewesen. Die Spätfolgen einer Corona-Erkrankung sorgten im September 2021 für eine Zwangspause. Plötzlich ging nichts mehr. Schwere Herzprobleme veränderten sein Leben von einem auf den anderen Moment. Bis heute.
Bis Januar 2022 fiel er komplett aus. Auch als der Ukrainekrieg kurz darauf im März beginnt, soll der 46-Jährige nach ärztlichem Rat eigentlich noch langsam machen. Doch der Drang, Menschen in Not zu helfen, ist viel größer. In kürzester Zeit stellt Steffel einer der größten Spendenaktionen in Hallerndorf auf die Beine.
Mit vielen Ehrenamtlichen sammeln sie unzählige Spenden, fahren sie in die Ukraine und bringen 46 Flüchtlinge in den Aischgrund. Was sie in der Ukraine erleben, gleicht einer emotionalen Achterbahnfahrt.
Matthias Steffel im exklusiven FT-Interview
Herr Steffel, gefühlt die halbe Gemeinde hat bei der Hilfe für die Ukraine mit angepackt. Inwieweit hat diese enorme Welle der Hilfsbereitschaft die Gemeinde verändert?
Matthias Steffel: Über Nacht explodierte geradezu die Hilfsbereitschaft. Menschen, die der Kirche bis dato kritisch gegenüberstanden, waren plötzlich voll engagiert.
Und an keiner Stelle, bei der ich als Pfarrer angefragt habe, erlebte ich eine Absage. Ich würde, ohne mit der Wimper zu zucken, heute wieder genauso handeln. Was wir in diesen Tagen und Wochen in unseren Pfarreien erlebten, war wie ein Wunder. Tonnenweise wurden Lebensmittel, Verbandsmaterial und Hilfsgüter aller Art gesammelt, Spenden aufgetrieben, koordiniert, verpackt, beladen, beschriftet etc.
Ich kann gar nicht genug danken für dieses großartige Engagement.
Bei allem Ernst der Lage, das muss ziemlich überwältigend gewesen sein…
Egal ob privat oder gewerblich, egal ob Mann oder Frau, selbst Kinder und Alte taten, was ihnen möglich war. Es ist einfach ein großartiges Erlebnis gewesen – eine Erfahrung die niemand so hätte anordnen können.
Ich selbst war überrascht, welche Fähigkeiten in meinen Gemeinden zu entdecken waren. Wir dürfen stolz sein auf unsere Gemeinde! Und ich glaube auch alle, die mit dabei waren, haben erlebt, zu was Menschen im Stande sind, wenn die Not am größten ist.
Deshalb glaube ich, man darf nie den Mut aufgeben, unsere Gesellschaft ist viel besser als ihr Ruf!
So ging es für die Geflohenen weiter
Das Ganze ist jetzt ein dreiviertel Jahr her. Was hat sich seitdem getan?
Von den 46 Flüchtlingen, die damals mit uns von der Ukrainisch-slowakischen Grenze über Ungarn und Österreich nach Deutschland gekommen sind, sind nicht mehr alle da.
Einige mussten und wollten aus familiären oder beruflichen Gründen wieder in die Heimat zurück. Andererseits kamen aber auch einige weitere Familienangehörige dazu. Logischerweise haben die Menschen, nachdem sie etwas Fuß fassen konnten, auch enge Verwandte zu sich geholt. Mittlerweilen sind fast alle in eigenen Wohnungen untergebracht.
Soweit ich es überblicken kann, sind einige Ukrainer sogar bereits in einem Arbeitsverhältnis.
Auch für die Gastfamilien war es ja eine bewegte Zeit…
Die Gastfamilien haben Unbeschreibliches geleistet und waren wirklich hilfsbereit über alle Maßen. Viele Einschränkungen mussten sie sich in dieser Zeit auferlegen – jedoch war es auch oft ein interessiertes Miteinander. Ein Austausch von Kultur und Geschichte, vor allem an Lebensgeschichte.
Wie würden Sie das Miteinander zwischen den Ukrainern und den Hallerndorfern beschreiben?
Es war und ist immer von einer tiefer Betroffenheit, Hilfsbereitschaft und Wertschätzung getragen. Persönlich habe ich nichts erlebt, was ich als negativ werten möchte.
Wo Menschen leben, da menschelt es halt auch mal. Und natürlich kommen mal kritische Fragen – aber im Großen und Ganzen bestand von Seiten der Gemeinde meist viel Interesse. Dort wo Hilfe gebraucht wurde, konnte man soweit als möglich immer auch Helfer finden.
Hat es denn mal Probleme gegeben?
Naja, natürlich gibt es Probleme. Es prallen plötzlich zwei Kulturen aufeinander, Sprachbarrieren sind zu überwinden, und nicht wenige Einschränkungen sind zu verarbeiten.
Es war ja erstmal ein Zusammenleben zwischen völlig fremden Menschen. Und das nicht nur für ein Wochenende, sondern über Monate. Die Bürokratie lies manchmal die Nerven blank liegen. Und mit der Zeit merkte man auch, dass die Flüchtlinge natürlich auch aus einem ganz anderen Lebensumfeld stammten.
Viele waren aus Kiew, einer Millionenstadt. Das ländliche Leben war sicher ein Schock, und auch die Lebensart und die Lebensumstände sind nicht selten andere wie bei uns. Man musste voneinander lernen. Das lief nicht immer problemlos ab.
Deshalb gab es in der ersten Zeit für unsere Gastfamilien auch immer die Möglichkeit zu Gesprächsrunden – auch mit Psychologen.
Pflegt die Gemeinde nach wie vor Kontakt in die Ukraine?
Ja, natürlich. Jetzt wieder mehr und vor allem auch persönlich. In der akuten Zeit natürlich nur telefonisch oder per E-Mail oder Whatsapp.
Pfarrer Miroslav aus der Ukraine hat mich und auch einige der Flüchtlinge jetzt bereits schon ein paar Mal persönlich besucht. Mit seiner Familie war er in den Sommerferien einige Tag zur Erholung in Pautzfeld und jüngst auch zur Entgegennahme der Weihnachtspäckchen unserer Aktion „Freude aus dem Schuhkarton“.
Natürlich halten auch unsere Flüchtlingsfamilien regen Kontakt in die Heimat. Vor allem zu denen, die aus welchem Grund auch immer nicht ausreisen können.
Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, auch weiterhin all den Menschen in der Ukraine zu helfen?
Wenn man helfen kann und wenn einem die Möglichkeit gegeben ist, dann muss man handeln. Im Gegenzug, wären wir ja ebenso dankbar über die Hilfe in Not- und Krisenzeiten.
Matthias Steffel erhält Verdienstorden für seine Hilfsbereitschaft
Ehrung Anfang Dezember wurde Matthias Steffel mit dem Orden des Seligen Märtyrer Bischof Zheodor Romzha von der griechisch-katholischen Eparchie Mukachevo in der ukrainischen Stadt Uzhhorod ausgezeichnet. Eine seltene Ehre.
Hilfe Als Ausdruck für die Hilfsbereitschaft von Pfarrer Steffel für bedürftige Menschen in der Ukraine, die wegen dem Krieg gezwungen waren ihre Häuser zu verlassen.
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