Als die Schließungsliste in den Filialen der Galeria Karstadt Kaufhof-Kette am Montagvormittag verkündet wurde, machte sich im Erlanger Warenhaus in der Nürnberger Straße das Entsetzen breit: Denn obwohl die Filiale schwarze Zahlen schreibt, soll sie am 30. Juni geschlossen werden. Damit hatte von den 95 Mitarbeitern niemand gerechnet.
Erlangens Bürgermeister Florian Janik kennt den Grund für diese negative Überraschung. „Laut den Informationen, die mir vorliegen, ist das undurchsichtige Immobiliengeflecht des Unternehmens der eigentliche Hintergrund der drohenden Schließung“, so Janik.
Grund ist ein Mietvertrag
Denn die Erlanger Filiale habe keine eigenen Vertrag mit dem Besitzer des Hauses am Beşiktaş-Platz, sondern sei Teil eines Mieterbündnisses mit anderen Galeria-Filialen.
„In diesem Bündnis sind wohl eine oder mehrere Filialen, die nicht mehr profitabel sind und deswegen geschlossen werden sollen. Der Vermieter will jedoch keine Filiale einzeln aus dem Vertrag entlassen“, sagt Janik.
Stattdessen will der Vermieter vermutlich allen Galeria-Filialen in seinen Häusern gleichzeitig kündigen. Konsequenz ist, dass jede von ihnen ihre Tore schließen muss, egal ob sie schwarze oder rote Zahlen schreibt.
„Das letzte Wort ist nicht gesprochen“
Die Immobiliengeschäfte der Warenhauskette seien Teil des Unternehmensgeflechts und nicht transparent, sagt Janik: „Gerade weil die Erlanger Filiale gut dasteht, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wir stehen mit der Filialleitung und dem Betriebsrat in Kontakt.“
Die Stadt wolle sich auch mit den Vertretern der Stadt Nürnberg besprechen, die ihrerseits den vom Aus bedrohten Nürnberger Filialen in Langwasser und in der Königstraße ihre Unterstützung zugesichert haben. Auch eine Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Verdi sei denkbar.
„Das Ende der Erlanger Galeria wäre ein schwerer Schlag für die Beschäftigten und die Händler in der Innenstadt. Dass ihr Erhalt an einem Mietvertrag scheitert, ist inakzeptabel. Ziel muss sein, diese Schließung zu verhindern“, sagt Janik.
Immobilienhai aus Österreich
Hinter der Warenhauskette und ihren Immobilienverträgen steht der österreichische Milliardär René Benko mit seiner Firma Signa Holding. Sie übernahm 2015 Karstadt und fusionierte die Kette 2018 mit Galeria Kaufhof.
Doch Warenhäuser sind nur ein Teil von Benkos Geschäftsleben. Der andere ist die gewinnbringende Entwicklung von Immobilien in Top-Lagen, auf denen nicht selten Warenhäuser stehen.
Durch die aktuelle Schließungsliste ist öffentlich, welche Filialen diesmal geschlossen werden sollen – und welche Gebäude man anders nutzen könnte. Die nun zu einem großen Teil Galeria-Chef Benko gehören. Darunter die Filiale in der Nürnberger Königstraße, die auf der roten Liste steht.
Benko steht zurzeit im Fokus mehrerer Verfahren. Die österreichische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Bestechung. die EZB prüft seine Kreditgeschäfte.
„Versagen des Managements“
Die Schuld für das aktuelle Insolvenzverfahren sehen die Gewerkschaften und Betriebsräte bei der Besitzerin Signa Holding, das machte eine Pressekonferenz von Verdi am Montagnachmittag deutlich.
„Grund für den Zustand des Unternehmens ist einzig und allein die Arbeitsverweigerung des Managements“, so die Verdi-Gewerkschaftssekretärin Handel Mittelfranken, Jaana Hampel. Verdi plane Aktionen, auch Streiks seien möglich. „Wir werden um jede Stelle kämpfen“, sagte Hampel.
Stephan Doll, DGB-Geschäftsführer in Mittelfranken, stimmte Hampel zu: „Die Beschäftigten haben viel dafür getan, dass es wieder aufwärts geht, haben Vorschläge eingebracht. Doch das Unternehmen hat wenig umgesetzt.“
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Besucher prüften das Gebäude
Die Sorge, dass René Benko bereits die Weiterverwertung seiner Karstadt-Häuser plant, hatte der Betriebsratsvorsitzende der Galeria Karstadt Kaufhof in der Nürnberger Königstraße, Robert Firtzlaff, bereits seit Januar.
"Als bekannt wurde, dass wieder Filialen schließen werden, waren wir anfangs recht entspannt. Schließlich gehört der Sitz in der Königstraße Benko selbst. Der wird ja nicht seine eigene Bude schließen, haben wir gedacht", sagte Firtzlaff.
Doch als im Januar und Februar immer mehr Bankvertreter in die Filiale kamen und das Gebäude bis auf den letzten Winkel inspizierten, schwante dem Betriebsrat Böses: "Vielleicht hat er das Haus bereits verkauft. Es wird schwer, wieder von der Schließungsliste herunter zu kommen."
Für die Nürnberger Mitarbeiter sei die Nachricht ein Schock gewesen. 40 von ihnen seien über 50 Jahre alt, sie hätten besonders große Angst vor der Zukunft. "Ich habe noch nie so viele Menschen auf einmal weinen sehen, wie bei unserer heutigen Verkündung der drohenden Schließung", sagte Firtzlaff.
Fast die Hälfte aller Filialen muss schließen
Falls es in Erlangen trotz aller Gegenwehr bei der Schließung bleibt, wäre sie mit ihren 80 Stammmitarbeitern und 15 Aushilfskräften eines von 52 Warenhäusern, das die Kette im Zuge ihres aktuellen Insolvenzverfahrens schließen will, um sich vor der Pleite zu retten.
Ebenfalls betroffen sind neben der Filiale in der Nürnberger Königstraße auch die in Nürnberg-Langwasser und Coburg. Die Filialen in der Nürnberger Lorenzstraße und in Bamberg sollen dagegen weiterhin geöffnet bleiben.
Seit der Bekanntmachung der radikalen Streichung von nahezu der Hälfte der aktuell noch 129 Filialen fürchten Galeria-Mitarbeiter überall in Deutschland um ihre Stelle. Wie der Gesamtbetriebsrat am Montag verkündete, werden wohl rund 5000 von insgesamt 17.000 Beschäftigen ihren Job verlieren.
Schon das zweite Insolvenzverfahren
Es ist bereits der zweite Versuch, den Handelsriesen durch ein Schutzschirmverfahren inklusive Schuldenschnitt wieder auf Erfolgskurs zu bringen.
Ein erster Anlauf, der 2020 während des ersten Corona-Lockdowns gestartet worden war, hatte dem Unternehmen trotz der Schließung von rund 40 Filialen, dem Abbau von etwa 4000 Stellen und der Streichung von mehr als zwei Milliarden Euro an Schulden nur vorübergehende Entlastung gebracht
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