Ehepaar getötet
Praxis-Neustart im Schockzustand
In der neuen Arztpraxis, die der ermordete Stefan S. mit geplant hat, haben Kinderärztin Silvia Fernandez-Rodriguez und ihre Kollegen die ersten kleinen Patienten behandelt.
In der neuen Arztpraxis, die der ermordete Stefan S. mit geplant hat, haben Kinderärztin Silvia Fernandez-Rodriguez und ihre Kollegen die ersten kleinen Patienten behandelt.
Foto: Alexander Hartmann
Bayreuth – Wenige Tagen nach dem Tod des Kinderarztes Stefan S. haben seine Kollegen in Bayreuth eine neue Praxis eröffnet. Eine Gratwanderung für das Team.

Es ist ein groteskes Bild: Während Mütter und Väter den Kinderärzten in die Behandlungszimmer folgen, führt Gerald Hofner, der sich an diesem Tag auch gerne um seine kleinen Patienten gekümmert hätte, intensive Gespräche mit Medienvertretern.

Es sind Gespräche, die er sich unter normalen Umständen gewünscht hätte, doch die Journalisten sind am gestrigen Donnerstag nicht wegen der Praxiseröffnung in die Bayreuther Spinnerei gekommen, sondern wegen der Tragödie von Mistelbach, die bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat.

Gerald Hofner
Gerald Hofner
Foto: Alexander Hartmann

Der Tod von Hofners Kollegen Stefan S. (51) und dessen Ehefrau (47), die in der Nacht zum Sonntag in ihrem Wohnhaus erstochen worden sind, hat den Bayerischen Rundfunk, die "Bunte" wie auch ein Fernsehteam von RTL nach Bayreuth gelockt.

Versorgung der Kinder sicherstellen

Hofner wird fotografiert, von einem Kameramann gefilmt. Er wirkt äußerlich wie die Ruhe selbst, doch der Schein trügt, wie er versichert. "Innerlich bin ich nach dem schrecklichen Ereignis natürlich immer noch sehr aufgewühlt", sagt der Mediziner, der es eine Gratwanderung nennt, wenige Tage nach der Tat, nach der die Trauer groß ist, schon so etwas wie den Arbeitsalltag einkehren zu lassen. "Wir müssen aber die Versorgung der Kinder sicherstellen, und wir wissen, dass es auch im Sinne von Stefan gewesen wäre, dass wir zeitnah wieder Kinder behandeln", erklärt der 53-Jährige, der mit seinem zwei Jahre jüngeren Kollegen das ambitionierte Projekt in Bayreuth umgesetzt hat.

Der Name bleibt

Elf Ärzte kümmern sich in der über 900 Quadratmeter großen Praxis, die über zwölf Behandlungszimmer und drei Notfallzimmer verfügt und in die eine Herz-Lungen-Zentrum integriert ist, um die kleinen Patienten. Wer die Praxis betritt, sieht im Eingangsbereich ein Schild, auf dem auch der Name des Getöteten steht. Gerald Hofner: "Und das wird auch so bleiben."

"Stefan wäre stolz gewesen", sagt der 53-Jährige, der betont, dass die Praxis "med4kidz" auch dessen "Kind" gewesen sei. Lange hätten sie geplant, lange auf den großen Tag gewartet, an dem die ersten Patienten empfangen werden können. Doch dann kam alles anders: Die Tat, die der Freund (18) der ältesten Tochter des getöteten Ehepaares begangen haben soll, ermöglicht nur einen Praxisstart zwischen Schock und Trauer.

"Professionelle Hilfe"

Hofner selbst hat am Sonntagvormittag von der Schreckenstat erfahren. "Ein befreundeter Arzt hat mich angerufen und informiert", sagt der 53-Jährige. Ärzte und Helfer hätten sich wenige Stunden später in der Praxis getroffen und seien dort von einem Kriseninterventionsteam betreut worden. "Es war gut, dass wir uns professionelle Hilfe geholt haben."

"Ein idealer Praxispartner"

Zur Tat selbst will sich Hofner nicht äußern, auch über die Verhältnisse in der Familie des getöteten Kollegen verliert er kein Wort. Stefan S. sei die Familie über alles gegangen, mehr könne er aber nicht sagen, erklärt der Mediziner, der von einem "idealen Praxispartner" spricht, von einem "sanften und rationalen Menschen", mit dem es nie Konflikte gegeben habe. Nach Feierabend seien er und Stefan S. getrennte Wege gegangen. "Jeder hatte sein Privatleben."

Das gemeinsame Kinderbuch

Die Ärzte haben gemeinsam Kinder behandelt, zusammen mit weiteren Kollegen aber auch ein Buch mit dem Titel "Was dir Kinderärzte raten" verfasst, das im März veröffentlicht wird. "Am Tag nach Stefans Tod war die Abgabe der letzten Korrekturen an den Verlag", berichtet Hofner, den nicht nur der Tod des Ehepaares fassungslos macht. Was ihn und sein Team bewegt, ist vor allem auch das Schicksal der vier minderjährigen Kinder, die nun Waisen sind: "Wir hoffen alle, dass sie es schaffen, zurückfinden zu einem lebenswerten Leben."

Der Abschied

In der Bayreuther Praxis ist der Betrieb schon angelaufen, in der Neudrossenfelder Praxis werden ab Montag wieder Patienten behandelt. Neudrossenfeld war der Hauptarbeitsplatz von Stefan S., der in einem Blog regelmäßig über seine Arbeit berichtet hat.

In seinem letzten Beitrag am 23. Dezember hat er allen Patienten und deren Eltern schöne Weihnachtsfeiertage und ein glückliches und gesundes neues Jahr gewünscht. "Machen Sie es gut bis dahin, und eine schöne Zeit", lauteten die Worte des beliebten Mediziners, der nun nie mehr in seine Praxis zurückkehren wird.

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